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Zu Besuch beim Künstler Timmermahn: Der Mann, der das Neumarkt-Theater abfackeln wollte

Was er tut, kann nicht mal er genau beschreiben. Und sein Lebenslauf liest sich wie ein Abenteuerroman – mitsamt Drogen, Exzessen und Raubzügen. Wer ist dieser Timmermahn, der gerade ein neues Bühnenstück zeigt?

Seine Bilder kosteten einst so viel wie ein Mittelklasseauto: Maler, Autor und Theatermacher Timmermahn erzählt uns aus seinem Leben.

Seine Bilder kosteten einst so viel wie ein Mittelklasseauto: Maler, Autor und Theatermacher Timmermahn erzählt uns aus seinem Leben.

Foto: Adrian Moser

Schon öfter wurde der Versuch unternommen, das Tun dieses knorrigen Herrn in Worte zu fassen, der uns – eine feierliche Melodie singend – die Tür zu seiner Wohnung öffnet. Er sei eine Art «Gotthelf auf LSD», sagte einst jemand. Peter Bichsel meinte: «Wer Timmermahn beschreibt, tut ihm unrecht», und Bernhard Luginbühl nannte ihn «eine legendäre Figur». Als er vor einigen Jahren bei «Aeschbacher» zu Gast war, bezeichnete er sich selbst als einen Menschen «mit einer tollen Lebenseinstellung».

Darüber hinaus ist eine Selbsteinschätzung von ihm aus dem Jahr 1971 überliefert, in der er sich folgendermassen charakterisiert: «Ich mache Bühnendichtungen nach Gutdünken und ohne alles zu hinterfragen – und ich brauche nicht verstanden zu werden.» Am ehesten trifft es wohl das: Timmermahn ist ein als öhihafter Märchenonkel getarnter Surrealist. Und in diesem Amt hat er es zum Humoristen- und Kunst-Superstar eines an Humoristen- und Kunst-Superstars nicht gerade wohlausgestatteten Landes gebracht.

Der Beinahe-Seemann

Geboren 1942 als Peter Klein in Lausanne: So unscheinbar beginnt die verwinkelte Lebensgeschichte des Mannes, den man – aufgrund von Wuchs und Gestalt – in jedem Abenteuerfilm problemlos als Piratenkapitän besetzen könnte. Wie aus diesem Herrn Klein vom Genfersee ein solch sonderbar-schillernder Entertainer, Poet, Geschichtenerzähler, Kunstmaler und Volkskünstler werden konnte, das kann er selber nicht so genau erklären. Für ihn sei das Leben gewissermassen normal verlaufen, er habe ja nichts erfunden, was es nicht schon gegeben habe, und er habe nie auf etwas hingearbeitet, sondern «immer aus la tschädere».

Wenn er aus seiner Jugend erzählt, wird bald offenbar, dass der junge Timmermahn wohl ein ziemlicher Radaubruder gewesen sein muss.

In seiner Wohnung im 22. Stock eines Hochhauses in Bern fallen zuerst die Tiere auf, die da so elegant durch das Interieur schleichen. Es sind Katzen. Aber derart riesenhaft, dass sie auch als Raubtiere durchgehen könnten. Man habe diese Rasse früher auf den Schiffen gehalten, sagt Timmermahn. Sie hätten sich um das Rattenproblem gekümmert.

Auch Timmermahn hat es einmal fast auf die hohe See verschlagen. Nach einer enttäuschend verlaufenen Liebesgeschichte samt Heirat mit einem Berner Model haute er in die belgische Hafenstadt Antwerpen ab und wollte dort anheuern. «Ich habe gedacht, ich bräuchte den Kapitänen in der Hafenkneipe nur meinen Bizeps zu zeigen, dann laufe die Sache.» Doch die Branche steckte in der Krise, aus Timmermahn wurde kein Seemann. Es war nicht das erste und auch nicht das letzte Mal, dass in seinem Leben alles anders kam als gedacht.

Radaubruder und Cowboy

«Es ist mir wohl gelungen, das Heitere aus meiner Kindheit ins Erwachsenenleben hinüberzuretten», sagt der 78-Jährige, wenn man ihn auf sein Schaffen anspricht. Doch wenn er aus seiner Jugend erzählt, wird bald offenbar, dass der junge Timmermahn wohl ein ziemlicher Radaubruder gewesen sein muss. «Mit ein paar Jungs habe ich eine Bande gegründet», erzählt er mit einer Stimme, die klingt wie aus einem Basstöner mit geborstener Membran. Und da sei halt schon mal das eine oder andere Töffli geknackt oder der eine oder andere Kiosk überfallen worden. Oder man sei in Keller hinabgestiegen und habe erschreckend gute Flaschen Wein in die Hände bekommen.

Die zuständige Jugendanwaltschaft vermittelte dem jungen Timmermahn in der Folge eine Lehre als Dekorateur, die er mit Diplom abschloss. Später sei er gar kurz im Dekorateuren-Olymp Loeb untergekommen. Doch schon bald habe er bemerkt, dass er unter einer chronischen Arbeitsfaulheit leide.

Seine letzte Festanstellung war im Berner Stadttheater als Kulissenmaler. Auch da sei es lustig zu und her gegangen. Habe eine Leinwand trocknen müssen, habe man sich in der Requisite als Cowboy verkleidet, sei ins Kino einen Western schauen gegangen und habe die Szenen danach mitsamt Gewehren und Pistolen nachgespielt.

Als er seine Bilder zu einer Ausstellung im Berner Kunstmuseum vorbeibrachte, stellte man ihm einen Aufpasser an die Seite: «Die hatten wohl Angst, dass ich etwas zerstören könnte.»

Das war Anfang der Sechzigerjahre, einer Zeit, in der sich in Bern eine progressive Kunstszene um den Kunsthalle-Direktor Harald Szeemann auszutoben begann, die auf eine konservative, leicht aus dem Häuschen zu bringende Bevölkerung traf. Timmermahn, der, seit er denken kann, Bilder gemalt hat, war Teil dieser Szene, die sich gegen die miefige Bürgerlichkeit auflehnte. Und doch sei er stets ein Outsider geblieben. Einer, der am liebsten «Bettmumpfe» und Tiere mit grossen Augen malte, war der wilden Kunstszene wohl nicht ganz geheuer: «Einige der etablierten Künstler haben damals ihre Ellenbogen ausgefahren. Sie haben mir attestiert, dass das keine Kunst sei, was ich mache. Ich würde ja bloss alles verhunzen.» Dennoch hat es Timmermahn geschafft, in einer Kunsthalle-Ausstellung unterzukommen, indem er das Büro von Ronald Reagan nachbaute und die Zeichnungen, die dieser während seiner Telefonate auf Papier zu kritzeln pflegte, auf Leinwand übersetzte.

Und doch fremdelte Timmermahn in der Welt der Hochkultur. Als er seine Bilder zu einer Gruppenausstellung im Berner Kunstmuseum vorbeibrachte, stellte man ihm einen Aufpasser an die Seite: «Die hatten wohl Angst, dass ich etwas zerstören könnte.» Und ausserdem wurde sein Name falsch ins Programm geschrieben – «das ist doch egal, haben sie mir ausgerichtet». Timmermahn, der auf seinem Balkon Zigaretten in weniger als einer Minute wegraucht, scheint nicht übermässig gekränkt deswegen. Vielleicht ein bisschen. Doch er wusste anderweitig auf sich aufmerksam zu machen.

«Wir gegen die anderen»

Da in Bern in den öffentlichen Lokalen um 23 Uhr Lichterlöschen war, gründete er mit Kollegen den Club 19. Das Interieur: eine gut ausgestattete Bar, eine kleine Bühne und ein Piano, dessen Hammerköpfe Timmermahn mit Reissnägeln präparierte, damit es lauter klang. Der Laden war immer proppenvoll, und Timmermahn trat dort als Clown, als Schauspieler oder als Geschichtenerzähler in Aktion.

Seine Unterhaltungsabende wurden legendär. Timmermahn war so etwas wie die Berner Erstfassung des multimedialen Künstlers. Nur die Polizei habe ihn in dieser Zeit nicht sonderlich gemocht, er habe öfter bei ihr übernachtet, die Bussen seien für ihn laufend nach oben angepasst worden. Vieles, was Timmermahn tat, dürfte aus einem – wie er es beschreibt – «Wir gegen die anderen»-Gefühl entstanden sein, in einer Stadt, in der an jeder zweiten Beizentür ein Plakat mit der Aufschrift «Wir bedienen keine Langhaarigen» baumelte.

Künstler mit Riesenkatze: Timmermahn in seiner Wohnung in Wittigkofen.

Künstler mit Riesenkatze: Timmermahn in seiner Wohnung in Wittigkofen.

Foto: Urs Baumann

Doch zurück zur Berner Kunstszene: Als er nach seinem gescheiterten Seemanns-Experiment von Antwerpen nach Holland zog, wo eine neue Liebe, aber auch eine wenig kaufwillige Klientel auf ihn wartete, war es Meret Oppenheim, die ihm aus der Patsche half. Sie bot ihm an, seine Bilder in Bern zu verkaufen, und schickte ihm Geld in den Norden. «Ich weiss bis heute nicht, ob sie die Bilder wirklich verkaufte oder mir bloss aus Freundschaft Geld schickte», sagt Timmermahn, um fast wehmütig hinzuzufügen: «Sie war eine Gute.»

An der Derniere habe das Team Timmermahn im letzten Moment davon abhalten können, das Theater in Brand zu setzen.

Im Jahr 1970, das Leben von Timmermahn hatte schon wieder einige wunderliche Wendungen genommen, stand seine erste Theaterpremiere im Zürcher Neumarkt-Theater an. Ein Happening, von dem in Zürich noch heute gesprochen wird. Irgendwann sei ihm in den Sinn gekommen, noch ein paar Schauspieler rekrutieren zu müssen, also habe man im Niederdorf eine Art Casting veranstaltet. Jeder war willkommen, «sogar ein Zigeuner mit Tanzbär war dabei». Turbulent sei das Ganze gewesen, da man den Alkohol auf der Bühne nicht mit Wasser ersetzt habe, sondern während der Aufführung hochprozentigen «Härdöpfeler» getrunken habe. Da sei so mancher mit dem Text durcheinandergekommen. Jede Aufführung sei anders verlaufen, und an der Derniere habe das Team Timmermahn im letzten Moment davon abhalten können, das Theater in Brand zu setzen: «Ich fand das in dem Moment eine Superidee», erklärt Timmermahn. «Passiert wäre nichts. Es gab ja Fluchtwege.»

Hier muss womöglich erwähnt werden, dass der Berner ein grosser Bewunderer der Beat-Poeten um Allen Ginsberg und Jack Kerouac war, von dessen Buch «On the Road» eine ziemlich abgefingerte Ausgabe auf dem Wohnzimmertisch steht, auf dem es sich gerade eine der Piratenschiff-Katzen gemütlich gemacht hat. Und so habe er halt auch irgendwann damit begonnen, mit sämtlichen Rauschgiften der Zeit zu experimentieren («ausser mit Heroin»).

Gotthelf als Inspiration

Die Beat-Generation dürfte auch den prägendsten Einfluss auf das kreative Schaffen von Timmermahn ausgeübt haben. Sei es auf seine bunten und öfter mit leichter Psychedelik unterfütterten Malarbeiten oder auf seine zwischen Volkstümlichkeit und Wahn oszillierenden Geschichten. Dadaismus habe ihn nie interessiert. Wohl aber Gotthelf, von dem er jedes Buch verschlungen habe, damals, als er im Tessin lebte: «Um 21 Uhr bin ich ins Bett, ein Kissen hinter den Rücken, eine Weinflasche auf den Nachttisch, und dann habe ich Gotthelf gelesen.»

So grossartig fand er das, dass er beschloss, in ein altes Bauernhaus ziehen zu wollen. In Rüeggisberg BE war eines ausgeschrieben, das er – ohne es gesehen zu haben – am Telefon käuflich erwarb, um dann 24 Jahre darin zu leben. Leisten konnte er es sich. Der Zürcher Galerist Andy Jllien hatte sich in den Neunzigerjahren der malerischen Werke von Timmermahn angenommen, was zur Folge hatte, dass ein Bild bald so viel kostete wie ein Mittelklasseauto. In den Atelier-Ausstellungen auf dem Land habe er die Preise selbst wieder gedrosselt, «sonst hätte ich da nichts mehr verkauft».

«Nun, ich habe alle Stufen der Bohème durchgemacht. Auch die Momente, in denen man unter den Sofapolstern nach Geld suchte, um sich eine Flasche Wein zu kaufen.»

Auf dem Balkon lässt er seinen Blick ins weite Panorama schweifen und wird ein bisschen nachdenklich. «Es hat mich immer weggetrieben, und ich bin immer neugierig geblieben», sagt er. Ziele habe er nie gehabt, beim Reisen lasse er sich ebenso treiben wie bei den Ausfahrten mit seiner Harley oder beim Verfassen seiner Geschichten. Und auch in seiner lukrativsten Sparte, der Malerei, wollte er sich nie auf einen Stil festlegen – zu heilig war ihm die Freiheit dieser Kunstgattung. «Aber ich weiss genau, was sich verkauft und was nicht.»

Es scheint, als wolle dieser Timmermahn die Welt nicht noch komplizierter machen, als sie ohnehin schon ist. «Ein explodierendes Atomkraftwerk würde sich nicht verkaufen, also male ich es nicht. Ich mag die Idee eines Ateliers voller unverkaufter Bilder nicht.» Vielmehr wolle er mit seinem Tun Freude bereiten. Doch so harmlos und berechnend das klingen mag. Es ist die unberechenbare Fantasie dieses liebenswerten Herrn, die alles, was er tut, aus der Bahn des Gewöhnlichen wirft.

An seinen Geburtstagen verbittet er sich Geschenke. Er habe alles, was er sich wünsche. Wirklich? «Nun, ich habe alle Stufen der Bohème durchgemacht. Auch die Momente, in denen man unter den Sofapolstern nach Geld suchte, um sich eine Flasche Wein zu kaufen. Heute kann ich mir leisten, was ich will. Auch mal ein Kotelett. Der einzige Wunsch: Ich möchte, dass das Hirni gesund bleibt.» Es möge ihm und uns vergönnt sein.

Die Heitere Fahne zeigt das neuste Stück aus der Feder von Timmermahn vorerst als Stream: «Das Jubiläum». 9. bis 11. April; 22. bis 25. April; 28. April bis 1. Mai. Jeweils 20 Uhr (am Sonntag 15 Uhr). www.dieheiterefahne.ch

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