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Zeit für eine Bilanz: Den Aufstieg Donald Trumps zum US-Präsidenten habe ich vorhergesehen, den Brexit hingegen nicht

Viele Intellektuelle spekulieren gerne über die Zukunft, ohne sich auf ihre Aussagen behaften zu lassen. Ich sehe das anders. Wer Vorhersagen macht, muss darüber Buch führen. Was also ist mir gelungen?

Würde Donald Trump ins Weisse Haus einziehen? Bei dieser Frage täuschten sich die meisten Kommentatoren – worüber sich viele keine Rechenschaft ablegten.

Würde Donald Trump ins Weisse Haus einziehen? Bei dieser Frage täuschten sich die meisten Kommentatoren – worüber sich viele keine Rechenschaft ablegten.

Kevin Lamarque / Reuters

Es ist fast viereinhalb Jahre her, dass ich begonnen habe, diese Kolumne zu verfassen, was auf etwa 240 000 Wörter hinausläuft. Es ist für mich an der Zeit, zurückzublicken und Bilanz zu ziehen.

Wenn es zu deiner Aufgabe gehört, als Experte aufzutreten, dann musst du, wie der Politikwissenschafter Philip Tetlock von der Pennsylvania University in «Superforecasting: The Art and Science of Prediction» («Superforecasting: Die Kunst der richtigen Prognose») meint, Punkte addieren. Da Tetlock in diesem Buch – das 2015 erschien, bevor ich anfing, für die «Sunday Times» zu schreiben – über mich hergezogen ist, bietet das auch eine gute Gelegenheit, mich zu revanchieren.

Selbstverständlich hatte Tetlock recht mit seiner Ansicht über die meisten öffentlichen Intellektuellen (dieser Ausdruck lässt mich immer an öffentliche Bedürfnisanstalten denken). Was ihr eigenes Schaffen angeht, legen sie selten Rechenschaft ab. Man wirft sie auch nicht raus, wenn ihre Vorhersagen sich ständig als falsch erweisen – solange sie hinreichend unterhaltsam sind und damit Leser anziehen.

Doch seit ich vor neun Jahren eine Beratungsfirma gegründet habe, verfolge ich einen anderen Ansatz – das ist eine Notwendigkeit, weil Fondsmanager gegenüber Vorhersagen eine andere Einstellung haben als Herausgeber. Sie merken nicht nur, wenn du falschliegst, weil das durch einen oder mehrere Finanzindikatoren deutlich wird; sie lassen dich das auch wissen (gewöhnlich mit grimmigem Vergnügen). Und wenn du zu oft falschliegst, heisst es Adieu.

Am Anfang eines Jahres machen wir bei Greenmantle also Vorhersagen über das kommende Jahr, und am Ende des Jahres prüfen wir, wie wir uns geschlagen haben – und das sagen wir auch unseren Klienten. Ausserdem bewerten wir in jedem Dezember alle Vorhersagen, die wir in den letzten zwölf Monaten gemacht haben, mit «richtig», «falsch» oder «nicht belegt». In den letzten Jahren haben wir uns auch dazu gezwungen, unsere Vorhersagen mit Wahrscheinlichkeiten zu verknüpfen – das ist nicht einfach, wenn so vieles nicht im Bereich kalkulierbarer Risiken, sondern im Reich der Ungewissheit liegt. Kurz, wir waren bemüht, Supervorhersagen zu liefern. Und das mit einigem Erfolg.

Jetzt ist die Zeit gekommen, für diese Kolumne die gleiche rückblickende Bilanz zu ziehen. Dazu habe ich mein erstes volles Jahr bei «The Sunday Times» herausgegriffen; es war das Annus mirabilis – oder horribilis, je nach politischer Ausrichtung –, das mit dem 1. November 2015, dem Datum meiner ersten Kolumne, begann.

Kleinere und grosse Themen

Drei kleinere Themen sind es wert, erwähnt zu werden. Ich habe wiederholt gesagt, dass das Doppelproblem der Netzwerke islamistischer Extremisten und der Massenmigration aus der muslimischen Welt wahrscheinlich nicht verschwinden würde: «Man kann sich Isis als Facebook des islamistischen Extremismus vorstellen» (27. März 2016). Schon im Mai desselben Jahres begann ich davor zu warnen, dass der Aufstieg der grossen Technologieunternehmen des Silicon Valley kein uneingeschränkter Segen sei: «Was der Staat weiss, ist nur ein Bruchteil dessen, was Facebook über dich weiss» (15. Mai). Ausserdem hielt ich fest, wie verheerend die Implikationen sind, die der Antisemitismus von Jeremy Corbyn und seinem Kreis für Labour hatte (1. Mai).

Die grössten Themen meines ersten Jahres – und auch der folgenden Jahre – auf dieser Seite waren das Votum Britanniens, die EU zu verlassen, und die Wahl von Donald Trump. Wie habe ich da abgeschnitten?

Beim Brexit lag ich falsch. Ich war von Anfang an dafür drinzubleiben. «Die Vorstellung, wir könnten . . . uns von der EU trennen, ist eine Illusion», schrieb ich am 21. Februar. «Denn die Zukunft Europas ohne uns wäre durch wachsende Instabilität gekennzeichnet.» Ich war so unhöflich, die Brexiteers «Angloonies» (Anglo-Irre) und «happy morons» (glückliche Schwachsinnige) zu nennen. Als die Seite der Remainer verlor, prophezeite ich einen «Abstieg in die Hölle» – oder zumindest eine Rezession (26. Juni). Falsch.

Am Ende des Jahres, am 11. Dezember 2016, legte ich ein Bekenntnis ab. Mein Motiv, den Verbleib zu unterstützen, gründete mehr auf «meiner persönlichen Freundschaft mit [David] Cameron und George Osborne» als auf irgendeiner Art von Verbundenheit mit der EU. Ich bedauerte – und bedaure es noch immer –, dass ich Cameron nicht gedrängt habe, die «lächerlichen Bedingungen [zurückzuweisen], die ihm von den europäischen Führern damals im Februar bezüglich der Ansprüche von EU-Migranten auf Sozialhilfe angeboten» worden waren. Das war der Moment, in dem er ihren Bluff hätte aufdecken und den Brexit hätte unterstützen sollen.

Doch die Demütigung durch den Brexit verschaffte mir beim Präsidentschaftswahlkampf 2016 einen Vorteil gegenüber den amerikanischen Kommentatoren. Ich muss zugeben, dass ich meine Zweifel hatte. Ich verglich Trump mit den erfolglosen republikanischen Kandidaten Wendell Willkie (13. Dezember 2015) und Barry Goldwater (31. Januar 2016). Am 3. April 2016 sagte ich voraus, dass die Trump-Blase bei den Vorwahlen in Wisconsin platzen würde. Die wurden von Ted Cruz gewonnen, doch das brachte die Blase nicht zum Platzen. Weit häufiger wandte ich mich gegen die landläufige Meinung, Trump sei zum Scheitern verurteilt.

Das grosse Thema: Trump

«Trumps Gesicht passt zu der üblen Stimmung in Amerika», lautete meine Titelzeile am 1. November 2015. «Trump verfügt sowohl über die Ressourcen als auch über Anreize, weiter Druck zu machen. In der derzeitigen nationalen Stimmung von Unzufriedenheit mit den Berufspolitikern könnte er als attraktive Alternative zu Hillary Clinton erscheinen . . . Trump zeichnet sich dadurch aus, dass er überwiegend wegen seines Auftretens und nicht wegen seiner Inhalte gut ankommt. Sehr viele weisse Amerikaner mögen nicht das, was er sagt – sie mögen, wie er es sagt.»

Ich war gegen Trump. Ich gehörte zu den Unterzeichnern eines «Niemals Trump»-Briefes. Seine «offenen Bekundungen von rassischen Vorurteilen und Fremdenfeindlichkeit», sein Isolationismus (13. Dezember 2015) und seine anrüchige innige Männerbeziehung zu Wladimir Putin (8. Mai und 16. Oktober 2016) wurden von mir wiederholt angeprangert. Ich bedauerte, dass Mike Bloomberg entschied, nicht anzutreten (23. Oktober).

Doch ich erkannte auch deutlich, wie stark seine Ausstrahlung war. «Trump ist dabei, zu gewinnen», schrieb ich am 28. Februar 2016, «weil kein anderer Kandidat eine überzeugendere Erklärung dafür hat, warum es so vielen republikanischen Wählern heute schlechter geht als 2000 . . . Doch keiner kann ausschliessen, dass viele Demokraten zu Trump überlaufen, wenn es am 8. November knapp wird». Am 6. März stellte ich mir vor, dass Trump siegen und 2024 für eine in der Verfassung nicht vorgesehene dritte Amtszeit antreten würde. «Trump kann Hillary Clinton schlagen», schrieb ich am 8. Mai.

«Kann Trump Erfolg haben, wo [Mitt] Romney gescheitert ist?», fragte ich am 21. Juli. «Ja . . . viele Jungwähler werden es versäumen, für Clinton zur Wahl zu gehen. Indessen wird die untere Klasse der Weissen, besonders die älteren Kohorten, scharenweise für Trump zur Wahl gehen – so wie es ihre englischen Entsprechungen für den Brexit getan haben.»

Die Wahl zwischen Clinton und Trump sei eine Entscheidung zwischen «Schlamassel» und «fürchterlich» gewesen, schrieb ich am 18. September, aber würden sie nicht das Fürchterliche riskieren . . . wenn es ihre einzige Chance wäre, weitere vier Jahre Schlamassel zu vermeiden? «Wegen dieser Wut auf alles, was global ist», schrieb ich eine Woche darauf, «könnte Trump diese Wahl gewinnen. Deshalb ist es zum Brexit gekommen. Deshalb gewinnen Populisten an Boden, wo immer freie Wahlen abgehalten werden.»

Für meinen ersten Jahrestag schrieb ich eine Kolumne, in der ich Trump mit den Chicago Cubs verglich, den Aussenseitern, die gerade die World Series im Baseball gewonnen hatten. «Er kann siegen», schrieb ich, «falls es in der Wahlbeteiligung einen Unterschied zwischen seinen Anhängern und denen von Clinton gibt, der mit dem auf Alter und ethnischer Zugehörigkeit beruhenden Unterschied bei dem Referendum im Vereinigten Königreich vergleichbar ist» (6. November).

Nun, liebe Leser, sind Sie weiterhin an meinen Vorhersagen interessiert, zum Beispiel zum kommenden November (Wahl des US-Präsidenten)? Dann bleiben Sie dran. Ich werde weiterhin schreiben, einfach nicht mehr in diesem Format.

Niall Ferguson ist Senior Fellow am Zentrum für europäische Studien in Harvard und forscht gegenwärtig als Milbank Family Senior Fellow an der Hoover Institution in Stanford, Kalifornien. Der obenstehende Essay ist eine Kolumne, die Ferguson für die britische «Sunday Times» verfasst hat – sie erscheint hier exklusiv im deutschen Sprachraum. Wir danken der «Sunday Times» für die Möglichkeit des Wiederabdrucks. In Zukunft wird Niall Ferguson für ein anderes englischsprachiges Medium schreiben. – Aus dem Englischen übersetzt von Helmut Reuter.

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