Switzerland

YB-Spycher über Corona-Krise: «Drei Spiele in sieben Tagen wäre komplett unverantwortlich»

Wie viel Platz nimmt das Virus im Raum Ihres Lebens ein?
Christoph Spycher: Einen sehr grossen natürlich. Weil es Einschränkungen sind mit Auswirkungen aufs Leben, wie ich das noch nie erlebt habe. Aber das geht wohl allen so. Die Kinder können nicht in die Schule und sind zu Hause. Ich arbeite nun meist im Homeoffice. Auch beruflich müssen wir anders agieren, als wir uns das gewohnt sind. Es finden keine Spiele statt, keine Trainings. Das zwingt uns alle zu ungewöhnlichem Handeln.

Was existiert daneben, das völlig Corona-frei ist, auch von den Gedanken her?
Es gibt diese Momente schon, in denen der Fokus auf anderen Sachen liegt. Man hat mehr Zeit für die Familie. Aber klar ist alles vom Virus diktiert. Private Planungen über eine geraume Zeit sind zum Beispiel nicht mehr sinnvoll, weil am Ende eben doch alles von dieser Virussituation abhängt.

Haben Sie Homeoffice vorher schon gekannt, oder ist das eine Riesenumstellung?
Es ist eine gewaltige Umstellung. Ich habe die Menschen gern. Für mich ist jeder Einzelne unglaublich wichtig und wertvoll. Fussball und Sport allgemein sind ein absolutes People-Business. Da will man die Leute spüren und erleben. Man spricht viel mit ihnen, will sie vor sich sehen. Das ist nun komplett anders. Es ist aber auch eine gute Erfahrung, zu sehen, dass vieles auch so erledigt werden kann, mit Videokonferenzen und so, auch wenn man es bevorzugen würde, zusammen zu sein.

Verstehen Ihre Kinder, die 12- und 9-jährig sind, was da abgeht, oder müssen Sie viel erklären?
Mittlerweile verstehen sie und wissen, wie damit umgehen. Homeschooling klappt auch viel besser, als ich es gedacht hatte. Kinder können Krisensituationen vorübergehend vergessen oder verdrängen und im Rahmen dessen, was erlaubt ist, auch jetzt unbeschwerte Momente erleben.

Sind Sie in den letzten Wochen nachdenklicher geworden?
Es gibt sicher Momente, in welchen man sich überlegt (denkt lange nach), wie verwundbar das Leben ist, das so unglaublich getrieben war vom Drang, besser und schneller zu sein, und von unbeschränktem Handeln. Heute nach Barcelona fliegen. Morgen nach New York. Schnell mal ein Produkt bestellen, das in China oder irgendwo sonst hergestellt wurde. Man konnte fast alles. Und plötzlich funktioniert das nicht mehr. Es regt sicher zum Nachdenken an, wenn sich das Rad nicht mehr so schnell dreht. Wenn nun alles langsamer abläuft, rücken andere Sachen in den Vordergrund, die sehr positiv sind. Wie die Familie.

Haben Sie in Ihrem direkten Umfeld jemanden, der erkrankt ist?
Im ganz direkten Umfeld nicht. Aber ich kenne zum Beispiel Yvonne Huggel, die Frau von Beni Huggel, mit dem ich in Frankfurt gespielt habe. Aber die Frage ist grundsätzlich auch: Wie viel weiss man? Leute begeben sich in Selbstquarantäne, ohne dass man weiss, ob sie erkrankt sind.

Gehen wir zum Fussball. Sie haben gesagt, Sie erwarteten staatliche Hilfe. Ist das, was nun gekommen ist, genügend?
Es ist ein Ansatz. Man muss sich bewusst sein, dass viele Vereine ums Überleben kämpfen. Und da geht es nicht nur um Fussball, sondern um Sport allgemein. Man muss unbedingt schauen, dass die Sportwelt nicht zusammenbricht. Wir haben unsere Probleme. Doch es gibt Branchen, die noch stärker betroffen sind. Aber ich habe Vertrauen in die Schweiz, dass die Politik gute Lösungen findet. Die ersten Schritte sind eingeleitet. Die Politiker haben bewiesen, dass sie die Schweizerinnen und Schweizer sowie die betroffenen Unternehmungen nicht im Stich lassen. Genau das braucht es.

Man muss aber zuerst Kurzarbeit beantragen, bevor man Staatsgelder erhält.
Wir haben vorsorglich für all un­sere betroffenen Mitarbeitenden, inklusive Spieler, Kurzarbeit be­antragt. In welchem Masse wir schlussendlich Leistungen der Arbeitslosenkasse in Anspruch nehmen, kann man zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Es ist ein grosser Unterschied, ob zum Beispiel im Juni wieder gespielt werden kann oder ob bis Herbst gar keine Spiele mehr stattfinden können.

Aber YB mit zweimal rund 17 Millionen Franken Jahresgewinn hintereinander nagt noch nicht am Hungertuch. Da hats noch Reserven.
Durch die Erfolge der letzten Jahre haben wir das Messer im Moment nicht ganz am Hals. Wir haben so zum Beispiel die März-Löhne vollumfänglich bezahlt. Gleichwohl kommt es aber auch bei uns darauf an, was diese Krise für eine Dimension annimmt. Je nachdem hat das Einfluss auf das nächste Transferfenster, vielleicht auf die nächsten drei, vier. Es wird Einfluss haben auf Sponsoringgelder über die nächsten Jahre. Für uns ist deshalb wichtig, dass wir für sämtliche Szenarien gewappnet sind, keine Schnellschüsse produzieren, sondern weiterhin umsichtig sind und alle Entscheide wohlüberlegt fällen. Damit sind wir in den letzten Jahren sehr gut gefahren, und so wollen wir auch durch die Corona-Krise gehen.

In der Bundesliga sind viele Spieler hingestanden und haben gesagt: Ich verzichte auf zehn, zwanzig Prozent meines Lohns. Wenn Sie noch Spieler von Eintracht Frankfurt wären, würden Sie das auch tun?
Da müssen sich die Spieler sicher Gedanken machen, und das machen sie auch bei uns. Die Krise trifft uns mit voller Wucht. Auch wir werden viel Geld verlieren. Aber wir müssen uns bewusst sein, dass es ganz viele Menschen da draussen gibt, denen es schlechter geht, die ganz andere Probleme haben. Also wären das gute, positive Zeichen. Aber auch diese wollen mit der nötigen Sorgfalt vorbereitet sein.

Aber Sie haben nicht die Erwartungshaltung, dass die Grossverdiener hinstehen sollen und sagen: Ich verzichte auf soundso viel?
Es bringt nichts, da vorzupreschen und hinauszuschreien: Ich erwarte von den Spielern das und das. Auch die Profis mussten zuerst einmal klarkommen mit dieser Situation. Sie können nun das nicht machen, was sie am liebsten tun. Da geben wir ihnen Zeit, das mal setzen zu lassen. Das schauen wir direkt mit den Spielern an und nicht via Medien. Es geht hier nicht um eine schöne PR-Aktion, sondern um sinnvolle Aktionen zum Wohl der leidenden Mitmenschen.

Aktionismus herrscht natürlich in Sion. Ich erwarte da nicht, dass Sie zu den Vorgängen Stellung nehmen. Aber zu den Reaktionen der Leute. Die überragende Mehrheit hat die fristlosen Entlassungen applaudiert und gesagt, das geschehe diesen egozentrischen Grossverdienern recht. Die hätten das Zeichen mit der Annahme der Kurzarbeit setzen können. Können Sie diese Reaktion nachvollziehen?
Es ist für mich schwierig, über etwas zu urteilen, von dem ich nicht alles weiss. Ich bin schon sehr lange im Fussballbusiness, habe zu diesem Thema aber auch eine absolute Aussenansicht. Polemik ist immer schwierig, wenn man nur einen Bruchteil der Wahrheit kennt. Wir alle sind gut beraten, die Priorität dem zu schenken, was wichtig ist: diese Epidemie einzudämmen, die Vorgaben der Behörden strikt einzuhalten und auf die eigene Gesundheit achtzugeben.

Fördert solch eine Krise den Populismus?
Es ist zumindest eine Gefahr da. Ich tue mich schwer mit dem Gedanken, dass jeder Verein seine Ansichten und Bedürfnisse in die Welt rausposaunt. Wir haben eine Vorbildfunktion, weil wir in der Öffentlichkeit stehen. Da müssen wir eine gewisse Souveränität
walten lassen.

Kann man die aktuelle Saison noch zu Ende spielen?
Ich hoffe es natürlich. Aber alles, was wir machen können, ist, uns an die Regeln zu halten und unserer Vorbildrolle gerecht zu werden. Wenn uns das gelingt, haben wir bessere Chancen.

Wie viel Vorlaufzeit bräuchte es, damit die Spieler nach wochenlangem Isolationsleerlauf wieder spielbereit sind?
Wir haben eine Verantwortung
gegenüber den Spielern. Es braucht Vorlauf. Mindestens drei, besser vier Wochen. Im Hometraining können die Spieler schon etwas machen, aber natürlich nicht in der üblichen Intensität. Und aus dieser schwierigen Situation heraus kann man nicht in einen wochenlangen Drei-, Viertagesrhythmus übergehen.

Ist es medizinisch vertretbar, drei Spiele in sieben Tagen auszutragen wie in den Eishockey-Playoffs?
Fussball und Eishockey sind ganz andere Sportarten mit völlig unterschiedlichen Belastungen. Eishockeyspieler haben viel kürzere Einsätze und trainieren deshalb ganz anders. Das kann man nicht vergleichen. Der Rhythmus mit klassischen englischen Wochen, also Samstag-Mittwoch-Samstag, geht. Samstag-Dienstag-Donnerstag-Samstag nicht. Das wäre fahrlässig gegenüber den Spielern und würde zu einem Verletzungsrisiko führen, wie wir es noch nie hatten. Ja es wäre total unverantwortlich.

Im Moment wird auch darüber spekuliert, weit über den 30. Juni hinaus zu spielen. Ist das für Sie denkbar?
Dieser Gedanke ist im Moment nicht einfach, weil es ganz viele Sachen gibt, die man weiter planen müsste. Aber wir sind nicht in einer normalen, sondern in einer aussergewöhnlichen Lage. Da muss man auch aussergewöhnliche Lösungen suchen. Wenn man im Frühsommer wieder spielen könnte, müsste es möglich sein, über die Weltverbände Lösungen zu finden.

Und man müsste die neue Saison brutal zusammenquetschen.
Ja, aber man wüsste dann, wie die neue Saison auszusehen hat. Das könnte man planen und es entsprechend hinkriegen. Aber eben: Wichtiger ist es, die Kontrolle zurückzugewinnen, damit man nicht hundert verschiedene Szenarien entwerfen muss.

Finden im Moment überhaupt Transfergespräche statt?
Auch das ist im Moment schwierig. Wenn die Pause sehr lang wird, weiss ich nicht, wie aktiv das Transferfenster im Sommer sein wird.

Da gibt es dann schwierige Fälle wie auslaufende Verträge von verdienstvollen Spielern wie Guillaume Hoarau oder Miralem Sulejmani. Sie hatten vor der Krise gesagt, die beiden sollen sich jetzt mal bei voller Gesundheit zeigen. Dann führe man Gespräche.
Das sind schwierige Situationen. Aber im Moment gibt es nur schwierige Situationen. Für Spieler, für Coiffeure, die in ihrer Existenz bedroht sind. Und für uns, weil wir nicht wissen, wie gross der Verlust ausfallen wird.

Wie wird die Fussballwelt nach Corona aussehen?
Das ist eine schon fast philosophische Frage. Es gibt den Ansatz, dass danach nie mehr solche Transfersummen und Löhne gezahlt werden wie jetzt. Und dass die Fussballwelt und die Gesellschaft checken, dass es nicht nur «höher, schneller, weiter» gibt. Andererseits gibt es auch den Gedanken, dass es einen Magnetpol gibt, dass alle ihre Verluste wiedergutmachen wollen und es noch extremer wird. Ich hoffe, dass das eine oder andere Positive aus dieser Krise mitgenommen wird, wichtige Werte hochgehalten werden und wir wieder mit unseren Mitmenschen zusammen sein können. Und wir Social Distancing, das gegen die Natur des Menschen geht, wieder aufheben können.

Wie weiter in der Super League?

Wann nimmt die Super League ihren Betrieb wieder auf? Kann die Saison 2019/20 zu Ende gespielt und ein Meister gekürt werden – zur Not mit Geisterspielen? Niemand kann diese Fragen beantworten. Sicher ist nur, dass die Swiss Football League alles dransetzt, um die Meisterschaft zu beenden. Das Modell Belgien schliesst sie derzeit gänzlich aus. Die Belgier haben diese Woche ihre Meisterschaft vorzeitig beendet und den Tabellenführer Brügge zum Meister erkoren. Der Alleingang stiess allerdings bei

Vertretern anderer Ligen und bei der Uefa auf grossen Unmut. Übergeordnetes Ziel der Swiss Football League ist es, die Meisterschaft mit den 13 ausstehenden Runden bis spätestens im August zu Ende zu bringen – zur Not ohne Zuschauer. Nach einer kurzen Pause könnte Ende August/Anfang September die neue Saison beginnen. Alles hängt jedoch von den Massnahmen des Bundesrats und dem Terminkalender der Uefa ab.

Kein Meister bei Saison-Abbruch
Andreas Böni, BLICK-Fussball-Chef

Andreas Böni, BLICK-Fussball-Chef

Kommentar von Fussball-Chef Andreas Böni

Der Fussball steht still. Und trotzdem diskutiert ganz Europa über die Fortsetzung der Ligen. Belgien brach nun ab und ruft Brügge zum Meister aus. Deutschland will möglichst Anfang Mai wieder starten.

Beides sind extreme Strategien. Denn realistisch scheint es nicht, dass man vor Juni zumindest wieder Geisterspiele austragen kann. Schliesslich müssen sich die Teams noch mindestens zwei Wochen vorbereiten können. Nur vom Training daheim bleibt man nicht fit.

Zu Belgien: Es scheint doch eine ziemlich hastige Reaktion zu sein. Weil man mit den bisherigen Entscheiden ja einiges an Zeit gewonnen hat. Das grosse Problem vieler Ligen: Bei einem Abbruch werden TV-Sender Geld zurückfordern. In der Schweiz erhält der Meister rund 3,5 Millionen Franken, der Absteiger gegen 2 Millionen. Viel Geld für Klubs wie Thun.

Darum ist es richtig, wenn man versucht, die Ligen notfalls bis August durchzupauken. Und vielleicht kann man dann ja eine neue Terminplanung bis 2022 prüfen, wenn die WM in Katar eh erst im Winter stattfindet.

Was aber passiert bei uns, wenn man die Meisterschaft doch abbrechen muss? Dann sollte es keinen Meister geben. Weder Leader St. Gallen noch Herbstmeister YB. Denn wenn man einen Meister bestimmt, müsste es auch einen Absteiger geben. Das wäre Thun – und würde sich zu Recht eine Klage vorbehalten.

Und eine Aufstockung der Liga darf auch kein Thema sein. Die TV-Verträge sind für nächste Saison ausgehandelt. Für eine Zehnerliga. Alles neu zu verhandeln, wäre eine Herkulesaufgabe und würde das Termin-Wirrwarr noch komplizierter machen.

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