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Switzerland

Wollte ein Vater seinen Sohn umbringen, weil er schwul ist?

Diese Geschichte handelt von einem jungen Mann, 17-jährig, und von seinem Vater, der aus dem Irak stammt und seit über 15 Jahren in der Schweiz lebt. Vater und Sohn wohnen zusammen in einem Dorf im Emmental. Ihr Verhältnis ist angespannt. In einer Textnachricht auf Whatsapp schreibt der Vater dem Sohn einmal sinngemäss: «Es wäre besser, wenn du nicht existieren würdest.»

Dann kommt es zu einem folgenschweren Vorfall, der alles Vorherige in den Schatten stellt. Der Sohn erzählt es in der Einvernahme so: Er sei spät in der Nacht nach Hause gekommen und habe noch «eins gekifft». Sein Vater habe ihm wortlos die Türe geöffnet. Er, der Sohn, habe noch etwas gegessen, eine Serie geschaut und sei daraufhin eingeschlafen. Plötzlich sei er aus dem Schlaf gerissen worden: Sein Vater habe ihn an den Haaren gerissen und ihn angebrüllt «Du bist schwul? Du bist schwul?» Daraufhin habe ihm der Vater mit einer Klinge die Kehle aufgeschnitten.

Schliesslich kann sich der Sohn befreien und über den Balkon flüchten. Er ist mit Blut überströmt. Zwei Frauen, die im gleichen Haus wohnen respektive arbeiten, leisten erste Hilfe. Immer wieder sagt der junge Mann zu ihnen: «Das war mein Vater!» Und er fleht: «Lasst meinen Vater nicht herein!» Mit schweren Verletzungen wird der Sohn ins Inselspital geflogen. Seine Luftröhre ist verletzt, er wird ins künstliche Koma versetzt.

Die Aussage des Vaters

Seither sind über acht Monate vergangen. Gegen den Vater läuft ein Strafverfahren wegen versuchter vorsätzlicher Tötung. Er sitzt nach wie vor in Untersuchungshaft. Dagegen hat er sich mit einer Beschwerde ans Obergericht gewehrt. Er wolle aus der U-Haft entlassen werden – das, was der Sohn erzähle, stimme nicht.

Am Hemd und an den Hosen des Vaters wurde Blut vom Sohn gefunden. Der Vater erklärt dies bei der Einvernahme wie folgt: Dieses Blut sei auf seine Kleider gekommen, als er die voll geblutete Bettdecke des Sohnes hochgehoben habe. Der Sohn habe sich schon früher das Leben nehmen wollen und habe sich die Schnittverletzungen am Hals selbst zugefügt.

Weiterhin in U-Haft

Das Obergericht stuft die Aussagen des Vaters aber als nicht besonders glaubwürdig ein. Bei konkreten Fragen weiche er immer wieder aus, auch die Spuren würden ihn belasten. Zudem bestehe die Gefahr, dass der Beschuldigte in sein Heimatland, den Irak, flüchte. Obwohl er schon lange in der Schweiz lebt, ist er hier laut den Akten nämlich kaum verwurzelt, spricht nur wenig Deutsch, lebt von der Sozialhilfe und ist von seiner Frau getrennt.

Das Obergericht hat entschieden: Der Vater bleibt in Untersuchungshaft. Bild: Franziska Rothenbühler

Wegen des dringenden Tatverdachts und der Fluchtgefahr hat das Obergericht entschieden, dass der Vater in Untersuchungshaft bleiben muss. Zum Hauptprozess wegen versuchter vorsätzlicher Tötung kommt es erst später, dann, wenn die Untersuchungen abgeschlossen sind.

Ein zweites Leben

Ein zentrales Thema in dieser Geschichte ist die Homosexualität des Sohnes. Denn schwul zu sein, ist im Irak verpönt. So hat das Bundesverwaltungsgericht letztes Jahr in einem anderen Urteil festgehalten, «dass es im gesamten Irak nicht möglich ist, offen als homosexuelle Person zu leben. Bei einem Outing drohen sowohl vonseiten der Familie als auch der Behörden ernsthafte Nachteile, welche sich sowohl in direkter Gewalt sowie einer Tötung als auch in diversen ausgeprägten Diskriminierungen ausgestalten können.»

«Ich bin jetzt ein freierer Mensch als vorher.»Der Sohn

Das bekommt auch der Sohn im vorliegenden Fall immer wieder zu spüren. Vom Vater, aber auch von der Mutter. Laut den Akten redet sie ihren anderen Kindern ein, sie dürften keinen Kontakt mehr zum schwulen Bruder haben.

Wie sich das anfühlt, hat der junge Mann – in anonymisierter Form – der Zeitung «20 Minuten» erklärt. Lange habe er seine Homosexualität vor seiner Familie versteckt, sagt er im Bericht. Doch nun habe er ein zweites Leben begonnen: Er wohnt mittlerweile alleine, an einem anderen Ort im Kanton Bern, und fühlt sich freier als zuvor. Doch noch heute wird er stets an jene verhängnisvolle Nacht erinnert. Er hat Narben am Hals, auch an der Brust, am Rücken und an den Armen. Diese Narben – «sie werden mich für den Rest meines Lebens begleiten».

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