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«Wir werden durchkommen – weil wir tough sind wie New York»: Vom Leben in der heimgesuchten Stadt

Alle zwei bis drei Tage verdoppelt sich die Zahl der Corona-Fälle im Gliedstaat New York; das Leben in New York City ist weitgehend paralysiert. Und doch regt sich unter der Schockstarre der Wille zum gemeinsamen Widerstand.

Die 5th Avenue, sonst eine Lebensader der Stadt, ist praktisch ausgestorben.

Die 5th Avenue, sonst eine Lebensader der Stadt, ist praktisch ausgestorben. 

Mike Segar / Reuters

New York im Stillstand? Kaum vorstellbar, doch vordergründig wirkt es so. Die Corona-Pandemie hat das Leben der Metropole praktisch zum Erliegen gebracht. Man könnte mit dem Auto in zwanzig Minuten durch ganz Manhattan rasen, von Harlem bis hinunter zur South Ferry, der Anlegestelle gegenüber der Freiheitsstatue. Der Times Square ist leer, das Rockefeller Center, die Brooklyn Bridge sind verwaist, auf dem Washington Square wehen nur ein paar Papiertüten, es könnte auch Präriegras sein. Kein Mensch auf dem Universitätscampus, keine Touristen auf den Aussichtsplattformen, keine Pferdekutsche rollt durch den Central Park, sogar die Obdachlosen sind von den Strassen verschwunden.

Mit über 21 800 Infizierten ist New York City das Epizentrum der Pandemie in den USA, trägt den Spitznamen «American Wuhan». Die USA selber haben seit Donnerstag mit über 81 000 Infizierten mehr Krankheitsfälle als jedes andere Land, China inbegriffen. Kommt bloss nicht hierher und verpestet uns!, heisst es an die Adresse wohlhabender New Yorker, die in ihre opulenten Ferienhäuser im Umland flüchten wollen, nahe ans Wasser, weg von Stadtluft, Dreck und Krankheit – in die Hamptons, ins Hudson Valley, nach Martha’s Vineyard.

Ein Hoffnungsträger

Im Blick auf New York, so Gouverneur Andrew Cuomo, solle sich der Rest des Landes wappnen. «Was hier geschieht, was wir hier durchstehen, ist auch bald bei euch», sagt er im Fernsehen, bittet die Regierung um mehr Ventilatoren, mehr Geld für die Wirtschaft, bis jetzt vergeblich. Mit ruhiger Stimme erklärt er die empfohlene Ausgangssperre sowie das nach seiner eigenen Mutter benannte «Matilda»-Gesetz – die am Sonntag im Kraft getretene Schliessung aller nicht überlebensnotwendigen Betriebe, infolge deren Hunderttausende New Yorker binnen 24 Stunden Arbeit und Versicherungen verloren.

Jeden Tag sitzt Cuomo dort vor den Kameras in Albany, immer gegen 11 Uhr am Vormittag, manchmal im Khaki-Shirt, dann wieder im Anzug. Die Stadt New York, der gesamte Gliedstaat, inzwischen ganz Amerika hängt an seinen Lippen; bis dato mässig populär, ist Cuomo nun Held und Hoffnungsträger in dunkler Zeit geworden, wie einst Bürgermeister Giuliani nach den Anschlägen von 9/11.

Die schrecklichen Szenen, die sich in unterversorgten spanischen oder italienischen Altersheimen und Krankenhäusern abspielen – Alte oder besonders Gebrechliche werden gar nicht mehr behandelt, sterben allein, ohne Besuch, ohne Trost –, werden auch in New York erwartet. Etwa 200 Erkrankte sind diese Woche bereits verstorben; vor dem Bellevue-Krankenhaus stehen Zelte für die Toten, die Stadt errichtet provisorische Leichenhäuser, Kriegsschiffe und Konferenzzentren werden zu Lazaretten.

Es fehlt an allem

Insbesondere ärmere und dichtbevölkerte Stadtteile wie East Harlem, Queens, die Bronx haben zu kämpfen, Menschen bevölkern dort zudem weiter die Strassen. «Frühmorgens ist es in der Subway in die Bronx leer und sehr ordentlich», erzählt ein Lehrer. «Einige Menschen mit Masken, alle sitzen in sich gekehrt mit einem Meter Distanz. Am Nachmittag aber ist hier alles chaotisch und drängt sich im Bus, wie auf einem Jahrmarkt.» Er fügt hinzu: «Hier in New York in einem Krankenhaus zu enden, stelle ich mir schrecklich vor, schlimmer als in diesem vollgestopften Bus.»

Das amerikanische Gesundheitssystem ist bekanntermassen mangelhaft ausgestattet, hält europäischen Vergleichen zu keiner Zeit stand. «Der Unterschied zu nordeuropäischen Krankenhäusern?», sagt eine Ärztin für klinische Infektiologie aus Westchester, dem Ort des ersten grossen Covid-19-Ausbruchs im Gliedstaat New York. «Uns fehlen die Ressourcen, wir haben bei weitem nicht genug Schutzkleidung, hier in Westchester wie auch in Manhattan. Es gibt nur wenige Beatmungsgeräte und kaum Fachpersonal für Atemwegserkrankungen. Es geht zu wie in der Dritten Welt. Ärzte werden angesteckt, die älteren unter ihnen kommen nicht mehr wieder, weil sie zu krank sind.»

Das Virus treibe überdies die Spaltung der New Yorker Gesellschaft in Alt und Jung voran, sagen warnende Stimmen, in Arm und Reich. An öffentlichen New Yorker Schulen sind etwa 114 000 Kinder registriert, die auf der Strasse, in Obdachlosenheimen oder in prekären Wohnverhältnissen leben. Während der vom Staat angeordneten Schulschliessungen haben sie nicht oder nur selten Zugang zu Online-Ressourcen für Heimunterricht, fallen hinter die anderen Schüler zurück.

Platz ist in New Yorker Wohnungen oft Mangelware. Kindern fällt das Drinnenbleiben besonders schwer.

Platz ist in New Yorker Wohnungen oft Mangelware. Kindern fällt das Drinnenbleiben besonders schwer.

Joy Malone / Reuters

Stummer Frühling

Frühling ist in New York City eigentlich die Zeit, in der die Luft beginnt, anders zu riechen. Vom Fluss wehen Brisen herüber, die man beglückt und tief einatmet. Auf den Bänken im Central Park sitzen wieder Menschen und lesen Bücher, heben ihre Gesichter der Sonne entgegen. Auf der Upper East Side treffen elegante Blumenlieferungen ein, die 5th Avenue scheint trotz dem Brausen und Tosen des Verkehrs weit weg. Frauen tragen Chiffonkleider, erste Klimaanlagen brummen, es ist die Zeit der Blumen, der Blumenshows und Kirschblütenfeste. Dieses Jahr ist es die Zeit der Angst vor Krankheit und Tod.

Die alte Tante, die weibliche Familienmitglieder «Pussycat» und den Rest der Welt «Darling» nennt und in Geschäften immer so innig an Obst und Gemüse schnuppert, dass Vorübergehende entsetzt den Kopf schütteln, verbringt die sonnigen Tage zu Hause. Ihr Mann glaubt nicht an Corona und geht ohne Händedesinfektionsmittel in der Tasche stur jeden Tag weiter in die Kanzlei in Midtown. Internet hat die Tante nicht, Essen kann sie nicht nach Hause bestellen, sie isst Hühnersuppe aus der Dose und sitzt auf ihrem Balkon im 15. Stock mit Blick auf den Hudson.

In normalen Zeiten ist New York neben Glitzer, Glanz und Kultur auch immer unsägliche Armut, Gier und Neid; Aufstieg und Gentrifizierung für die einen bedeutet Ausschluss für die andern. Und jetzt verschwinden auch die kleinen Dinge, die für die Stadt typisch waren: Die «New York Times» wird nicht mehr morgens an den Türen abgeworfen, die öffentlichen Basketballkörbe in Soho sind abmontiert. Doormen an der Upper East und der West Side reiben die Türfallen nicht mit Messingpolitur ab, sondern mit Desinfektionsmitteln, tragen Gesichtsmasken.

Menschen, die es gewohnt sind, draussen herumzuhetzen, hocken daheim auf Sofas, coachen Kinder in der ohnehin schon engen Wohnung bei Hausaufgaben, beim Online-Ballett-Unterricht oder bei virtuellen Chorproben. «Geniessen Sie Ihr Wohnzimmer, viel mehr kann ich nicht raten», sagte Trump vor ein paar Tagen auf einer Pressekonferenz.

Gemeinsam einsam

«Wir werden durchkommen, weil wir New York sind und schon andere Dinge hinter uns haben . . . und weil wir tough sind wie New York», sagt dagegen Cuomo. «Dieser Ort macht einen tough, aber auf gute Art.» Für New York bedeutet der Stillstand auch ein Atemholen und eine – wenn auch seltsame – Pause von Hetze und Gedränge, in der Raum für neue Gesten entsteht. Menschen sind einsamer als sonst, aber zugleich wächst das Gemeinsame.

Auf dem Dach gegenüber raucht nun jeden Mittag zur selben Zeit ein junger asiatischer Mann eine Zigarette, und jeden Mittag winkt er herüber zu einem anderen Fenster, das um diese Zeit offen steht – wer dort wohl sitzen mag? Nachts schenken Bars durchs Fenster Cocktails aus – Take-away ist weiterhin erlaubt. Leute, die einander nicht kennen, lächeln sich an, sagen «Pass auf dich auf», «Bleib gesund». An Türen geschlossener Geschäfte sieht man «Stay Safe»-Aufkleber. Väter aus der Upper East Side oder dem Bankenviertel gehen mit ihren Kindern spazieren, sonst sind es immer die Mütter. Gutbürgerliche Stadtteile wie die Upper West Side scheinen praktisch leer zu stehen.

Aus europäischer Sicht könnte man die Stimmung sonntäglich nennen: Der Himmel ist blass und sonnig, alles ist zu, Menschen gehen in sicheren Abständen spazieren, telefonieren wieder mehr, schauen sich an, statt mit gesenktem Kopf aneinander vorbeizueilen. In Parks sind mehr Ältere zu sehen als sonst, manche beginnen zu joggen, wie die alte Dame, die jeden Morgen ganz langsam den Pfad an der 86. Strasse gleich neben dem Metropolitan Museum hochläuft. «Oh my God, this is hard, this is great!», ruft sie. Nein, in New York herrscht kein Stillstand. New York ist eine Maschine, die gar nicht anders kann, als zu laufen.

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