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«Wir haben unser Bestes gegeben – und einen hohen Preis gezahlt»

Herr Geng, hat sich das rigorose Durchgreifen Ihrer Regierung in Wuhan gelohnt?
Ja. Um die Epidemie unter Kontrolle zu bringen, mussten wir strikte Massnahmen ergreifen. Sonst hätte es in China und sogar auf der ganzen Welt ­mehrere «Wuhan» gegeben mit unvorstellbaren Folgen. Die Epidemie verbreitete sich so schnell, dass wir jede Sekunde nutzen mussten, um die Quelle unter ­Kontrolle zu bringen und um eine Pandemie zu verhindern. Derzeit liegt der Anteil der bestätigten Infektionsfälle ausserhalb Chinas bei nur knapp über einem Prozent. Wir haben die weltweite Ausbreitung der Krankheit also verhindert. Um das globale Gesundheitswesen zu schützen, haben wir unser Bestes gegeben – und einen hohen Preis gezahlt.

Einen hohen Preis?
Noch nie in der Geschichte der Menschheit wurde eine Zigmillionenstadt vollständig abgeriegelt. Vor der Abriegelung waren schon mehrere Millionen ­Menschen aus Wuhan abgereist. Aber es ­blieben doch rund neun Millionen Einwohner. Sie mussten ernährt und der Unterhalt der Infrastruktur musste sichergestellt werden. Alle Geschäfte wurden geschlossen, alle kommerziellen Veranstaltungen abgesagt. Stellen Sie sich vor, was das bedeutet.

Es gab viel Kritik am Verhalten der zuständigen Funktionäre in Wuhan.
Zu Beginn gab es keine ausreichenden Kenntnisse über das neue Virus. Darum dauerte es relativ lang, bis wir über gesichertes Wissen verfügten. Erst danach durften die Behörden Warnungen aussprechen und Massnahmen ergreifen. Vor allem das Risiko in Bezug auf die Ansteckung von Mensch zu Mensch wurde zuerst falsch eingeschätzt. Einige Massnahmen haben dann mit der Entwicklung der Epidemie nicht Schritt gehalten. Das Timing war aber auch schwierig: China stand unmittelbar vor dem Frühlingsfest. Im Normalfall gibt es in dieser Zeit drei Milliarden Reisen quer durch das ganze Land.

Der Arzt Li Wenliang, der rechtzeitig warnte, wurde verhaftet und ist dann an der Viruskrankheit gestorben.
Der Tod von Herrn Li ist sehr tragisch. Wir sprechen den Angehörigen unser tiefstes Beileid aus. Herr Li war ein ausgezeichneter Arzt. Er nahm seine Pflichten wahr und war sehr professionell. Aber weil zu Beginn noch keine Erkenntnisse über den wahren Charakter des Virus vorlagen, zeigte niemand Verständnis oder gar Anerkennung für die Information von Herrn Li.

Li wurde zuerst von Ihren Behörden verhaftet.
Das ist das schlicht nicht wahr. Es wurden Gespräche mit ihm geführt, aber er wurde nicht festgenommen. Nur zu Ihrer Information: Li Wenliang war nicht nur ein hervorragender Arzt, sondern auch ein ausgezeichnetes ­Parteimitglied. Nach seinem Tod sandte die nationale Aufsichtskommission ein Team nach Wuhan, um eine umfassende Untersuchung durchzuführen.

«Unsere strikten und gründlichen Massnahmen erweisen sich als wirksam.»

Wie erklären Sie, dass sich über 3000 Ärzte angesteckt haben?
Eben damit, dass am Anfang noch nicht klar war, wie gefährlich dieses Virus ist. Das waren Ansteckungen, die sich in einer ganz frühen Phase ereigneten.

Die Zählweise in Bezug auf die ­Infizierten in der Provinz Hubei wurde geändert. Weshalb?
Seit ein paar Tagen zählen wir auch ­diejenigen Patienten zu den Infizierten, die allein anhand ihrer klinischen ­Symptome und der Röntgenbilder der Lunge diagnostiziert wurden. Bei diesen liegt aber noch kein positiver Labortest vor. Wir wollen Patienten frühzeitig ­dia­gnostizieren und dementsprechend behandeln. So kann die weitere Verbreitung der Krankheit verhindert, die ­Heilungsrate erhöht und die Todesrate reduziert werden.

Wie schätzen Sie die aktuelle Lage ein?
Unsere strikten und gründlichen Massnahmen erweisen sich als wirksam. Bis heute ist die Anzahl der bestätigten ­Fälle im ganzen Land – exklusiv Hubei – seit 18 Tagen in Folge rückläufig. Die Situation in Hubei und vor allem in Wuhan ist unter Kontrolle.

Es gibt Gerüchte, dass das Virus aus einem Labor entwichen sei und gar nicht auf den Verzehr von Wildtieren zurückzuführen ist. Was stimmt?
Es ist fast sicher, dass das Virus von Wildtieren stammt. Es ist eine Verschwörungstheorie, zu behaupten, dass das Virus aus einem chinesischen Labor ausgebrochen sei. Ich bin sehr beeindruckt von den Aussagen der Leiterin des Biosicherheitszentrums am Institut für Infektionskrankheiten der Universität Bern in Ihrer Zeitung. Frau ­Kathrin Summermatter hat diese Verschwörungstheorie wissenschaftlich überzeugend widerlegt. Erstens ist das Coronavirus zwar ein neuartiges Virus, aber zahlreiche Beweise deuten darauf hin, es auf Wildtiere zurückgeht. Das Virus tauchte zunächst auf einem Markt für Meeresfrüchte in Wuhan auf. Die Gensequenzen des neuartigen Coronavirus bestätigen seine natürliche ­Bauart. Es kann nicht künstlich erzeugt worden sein. Zudem gelten in China hohe Sicherheitsstandards, was auch Frau Summermatter bestätigt.

Falls der Erreger tatsächlich von einem Wildtier stammt, wird das in China Konsequenzen haben?
Ja, vermutlich bereits ab nächster Woche wird der Handel von Wildtieren auf Märkten und ihre Verwendung in Restaurants landesweit verboten. In der Schweiz würde so etwas ein Referendum brauchen. Bei uns kann der nationale Volkskongress das verabschieden, und es tritt sofort in Kraft.

«Nach dem Ende der Epidemie wird ­China die Wiedergeburt aus der Asche erleben.»

Wie wirkt sich Krise auf die ­chinesische Wirtschaft aus?
Kurzfristig ist die chinesische Wirtschaft tatsächlich wegen der Epidemie einem höheren Druck ausgesetzt. Vor allem Branchen wie Transport und Logistik, Tourismus, Gastronomie und Dienstleistungen werden leiden. Nur als Beispiel: Landesweit blieben während des Frühlingsfestes Millionen von ­Restaurants geschlossen. Zudem gibt es Unternehmen, die nach den gesetzlichen Feiertagen die Wiederaufnahme der regulären Arbeit hinausschieben, um die Verbreitung der Epidemie zu ­verhindern.

Erwarten Sie längere ­Beeinträchtigungen?
Nein. Die Auswirkungen bleiben nur ­vorübergehend und regional beschränkt. Mittel- und langfristig wird die ­Epidemie die positive Entwicklung der chinesischen Wirtschaft nicht ändern. Bis auf die Provinz Hubei kommt die Arbeit im ganzen Land schon jetzt wieder in Gang. Nach dem Ende der Epidemie wird ­China die Wiedergeburt aus der Asche erleben. Im Vergleich zur Sars-Epidemie im Jahr 2003 ist die Wirtschaft Chinas heute widerstands­fähiger, die Struktur verbessert und die Steuerung durch die Regierung viel stärker. Viele Unternehmen warten nicht untätig, sie wollen auch nicht abhängig von anderen sein, sondern sie versuchen, sich selbst zu retten und sich gegenseitig zu helfen.

Was heisst das konkret?
Wir haben zwei Monate Zeit verloren, aber wir werden das nachholen. Unter Gewährleistung der Gehälter können Angestellte ja in angemessener Art und Weise Überstunden machen. Alle Chinesinnen und Chinesen sind ja jetzt für 20 Tage zu Hause geblieben . . . (lacht)

Was bedeutet die Epidemie für Chinas Rolle auf der internationalen Bühne?
Wir kämpfen ja nicht allein. Die internationale Gemeinschaft gewährt uns wertvolle mentale und materielle Unterstützung. Die Freundschaft zwischen den Menschen aller Länder und China ist durch die gemeinsame Bekämpfung der Epidemie gestärkt. Politiker mehrerer Länder muntern Wuhan und China auf. Auch Ihre Bundespräsidentin ­Simonetta Sommaruga hat einen Brief an Präsident Xi Jinping geschickt, um ihre Anteilnahme zu zeigen.

Schweizer Hoteliers haben Sorgen wegen des Sommergeschäfts, falls die chinesischen Touristen ausbleiben.
Seit Januar haben wir unsere Lands­leute aufgerufen, nicht ins Ausland zu reisen. Wir Chinesen haben da eine Verantwortung für die Gesundheit der Welt. Wenn wir optimistisch sein wollen, dann ist die Situation im März unter Kontrolle. Zudem ist das Virus temperaturempfindlich: Wenn es wärmer wird, wird es schwächer.

Das steht fest?
Es gibt solche Prognosen der Wissenschaftler. Wenn sie zutreffen, können die Chinesinnen und Chinesen im Sommer auch wieder reisen. Und auch für die dritte traditionelle Reisesaison ­Anfang Oktober würde es dann wieder gut aussehen. In den letzten Jahren sind rund 1,2 bis 1,5 Millionen chinesische Touristen in die Schweiz gekommen. Ich glaube, es ist möglich, auch 2020 diese Zahl zu erreichen.