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Wimbledon-Absage: Die Corona-Krise stösst den Tenniszirkus ins Termin-Chaos

Erstmals seit 1945 wird der wichtigste Titel im Tennis nicht vergeben. Nach den vielen Turnierabsagen muss der Kalender für die zweite Saisonhälfte wohl neu verhandelt werden. Zu den Opfern gehören mutmasslich auch Roger Federer und sein Laver-Cup.

War die Finalniederlage im vergangenen Sommer gegen Novak Djokovic das letzte Spiel von Roger Federer in Wimbledon?

War die Finalniederlage im vergangenen Sommer gegen Novak Djokovic das letzte Spiel von Roger Federer in Wimbledon?

Hannah Mckay / Reuters

Die Sportveranstalter rund um die Welt müssen sich derzeit vorkommen wie Dominospieler: Ein Stein nach dem anderen fällt. Als letzter Event wurden am Mittwoch die All England Lawn Tennis Championships in Wimbledon für dieses Jahr abgesagt. Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wird die begehrteste Trophäe im Tennis nicht vergeben.

Mit Wimbledon wurde am Mittwoch die gesamte Rasenplatz-Saison gestrichen. Und es ist davon auszugehen, dass die Reihe der Absagen auf der Tennis-Tour damit noch kein Ende gefunden hat. Im besonders heftig vom Coronavirus getroffenen New York diskutieren auch die Veranstalter des US Open die Verschiebung oder Absage des diesjährigen Turniers. Ausweichdaten gibt es kaum: Der amerikanische Sommer neigt sich kurz nach dem Turnier jeweils dem Ende entgegen, Tennis unter freiem Himmel ist spätestens ab Anfang Oktober kaum mehr möglich.

Die Wut über die Franzosen

Das steigert die Wut über das Vorgehen des französischen Tennisverbandes und seines Präsidenten Bernard Giudicelli, der vor zwei Wochen Roland-Garros ohne Absprache mit der ATP oder dem internationalen Verband (ITF) vom Frühjahr in den Herbst verschoben hat. Der deutsche Verbandspräsident Dirk Hordorff bezeichnete Giudicellis Vorgehen in einem Interview mit der französischen Zeitung «L'Equipe» als «inakzeptabel» und «widerlich». «Wenn die Franzosen an ihren Plänen festhalten, wird die ATP keine Weltranglistenpunkte für das Turnier vergeben.»

Die Tennisszene ist wie der Rest der Welt im Krisenmodus. Vor einer Woche sollten sich Vertreter von ATP, WTA, ITF und den vier Grand-Slam-Turnieren in London zu einer Aussprache treffen. Doch das Meeting fiel wegen der Reisebeschränkungen aus. Der Verzicht auf Wimbledon war ein Entscheid im Interesse des gesamten Sports. Er fiel den englischen Organisatoren allerdings auch deshalb leicht, we il das meteorologische Fenster für Rasentennis kürzer ist als auf anderen Unterlagen und das Turnier überdies versichert ist. Gemäss der britischen Zeitung «Daily Mail» hat sich Wimbledon vor einigen Jahren gegen den nun eingetretenen Fall einer Pandemie absichern lassen. Der jährliche Gewinn des Turniers von rund 40 Millionen Pfund ist damit garantiert.

Sobald das Ende der Corona-Pandemie absehbar ist, werden sich ATP, WTA und ITF zusammensetzen und einen neuen Kalender aushandeln müssen. Bis und mit Wimbledon sind bisher 34 Frauen- und Männer-Turniere dem Virus zum Opfer gefallen. Solche in näherer Zukunft, die wie das Swiss Open in Gstaad im Juli bis heute nicht abgesagt sind, dürften kaum 2020 stattfinden. Der Turnierdirektor Jeff Collet sagt: «Natürlich hoffen wir auf eine Besserung der Situation. Aber wir werden mit der Absage des Turniers nicht bis zum letzten Moment warten. Sechs bis acht Wochen vor dem Beginn müssen wir Klarheit haben. Sonst wird das finanzielle Risiko zu gross.»

Herwig Straka kann Collets Gedanken nachvollziehen. Er ist neben Turnierveranstalter (u. a. Wien, Stuttgart, Mallorca) auch Mitglied im Führungsboard der ATP. Der Österreicher sagt: «Je kurzfristiger ein Turnier abgesagt wird, desto grösser ist der finanzielle Schaden. Indian Wells, das am Tag vor Beginn der Qualifikation storniert wurde, hat es besonders hart getroffen.» Die Turnierveranstalter sind als Halter einer sogenannten Sanktion zwar Partner der ATP und werden je nach Kategorie auch an der globalen Vermarktung der Tour beteiligt, das unternehmerische Risiko allerdings tragen sie selber. Ein Hilfsfonds für Härtefälle existiert nicht.

Straka sagt, sollte es zu existenzbedrohenden Fällen kommen, werde man prüfen müssen, inwieweit finanzielle Hilfe möglich sei. «Die ATP aber muss zuerst einmal für sich sorgen. Sie hat Mitarbeiter, die sie zu bezahlen hat.» In den vier Büros in London, Monte Carlo, Ponte Vedra Beach und Sydney arbeiten rund 100 Personen vollamtlich in der Administration. Bisher wurde noch keine Kurzarbeit beantragt. Doch sollte sich die Corona-Krise in den Herbst hineinziehen, wird das wohl unvermeidlich.

Gemäss Straka diskutiert die ATP verschiedene Szenarien. «Sollte die Krise in die zweite Saisonhälfte hinein dauern, dann werden wir den Kalender überdenken müssen.» Grosse Anlässe wie die Major- oder ATP-1000-Turniere werden dann Priorität geniessen. Für 250er-Turniere wird es kaum noch Platz geben. Und auch für die Swiss Indoors in Basel im Oktober, die zur Kategorie der 500er-Turniere gehören, könnte es eng werden – weniger weil die Corona-Krise bis dann noch nicht ausgestanden wäre, sondern weil Turniere wie Indian Wells in den Kalender drängen könnten.

Der Turnierdirektor Roger Brennwald rechnet momentan noch mit der planmässigen Durchführung und bereitet mit dem Team das 50-Jahre-Jubiläum vor. Er sagt: «Wir können das Turnier nicht in einer Woche hochfahren, aber wir können ihm innerhalb einer Nacht den Stecker ziehen.» Gemäss Brennwald muss ein definitiver Entscheid bis Ende Juni fallen, um den finanziellen Schaden im Rahmen zu halten.

Die Federer-Frage

Klar ist: Der Kampf um die Plätze im Kalender, der bereits vor der Corona-Krise erbittert tobte, wird sich zuspitzen. Das Vorpreschen des französischen Verbandes war ein erster Vorgeschmack auf die Zerreissprobe, die dem Tennis wartet. Für den Schweizer ITF-Vizepräsidenten René Stammbach ist bereits jetzt klar, dass Roger Federers Laver-Cup seinen Platz im September nicht wird halten können. Federer und sein Manager Tony Godsick stehen unter grossem Druck. Sollten sie am Termin festhalten, würde ihnen das in der Szene als illoyaler Alleingang ausgelegt.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, welchen Einfluss die Corona-Krise auf die Karriere Federers hat. Nach der Meniskusoperation arbeitet er derzeit in Valbella am Comeback, das er auf die Rasensaison geplant hat. Englische Medien spekulieren darüber, dass er möglicherweise nie mehr nach Wimbledon, nie mehr auf die Tour zurückkehren wird. Federer reagierte auf die Absage des Wimbledon-Turniers umgehend. Per Twitter liess er wissen. «Es gibt kein GIF (Symbolbild) für das, was ich momentan fühle.» Gut möglich, dass die Corona-Krise seine Karriere um ein Jahr verlängert. Denn so still und leise will er bestimmt nicht abtreten.

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