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Switzerland

Wie widrig die Schweizer Demokratie manchmal sein kann

Sein Haus, sagt Martin Strupler, sei ganz leicht zu finden: «Suchen Sie nach dem Schwimmbecken im Garten.»

Montagmorgen, 9 Uhr, Tag 1 einer neuen Zeitrechnung in Bern. Seit Sonntag ist klar, dass die Stadt ein 50-Meter-Hallenbad bekommt, das erste zwischen Montreux und Sursee. 85 Prozent der Bevölkerung haben dem 75-Millionen-Franken-Projekt zugestimmt.

Klingt nach einer klaren Sache. Doch das täuscht. Dafür muss man nur mit Martin Strupler sprechen. Martin ist der Sohn von Ernst Strupler, geboren 1918, einer Legende des Schweizer Sports: Olympiateilnehmer im Wasserspringen, Vorsteher des Zürcher Sportamts, Gründer und langjähriger Direktor des Instituts für Sportwissenschaften der Uni Bern. Ernst Strupler kam vom Leistungssport, sein Herz aber galt der Breite: Er forderte den obligatorischen Turnunterricht an Berufsschulen, als das viele noch für eine Schnapsidee hielten, trieb den Bau von Sportanlagen voran, wollte kostenlose Benützung für alle.

Doch sein grösster Traum ging bis zu seinem Tod 2015 nicht in Erfüllung. Sein Sohn erinnert sich an eine Ehrung, bei der einen Abend lang salbungsvolle Worte über Ernst Strupler niedergingen. Der Gefeierte aber sass mit gesenktem Blick auf seinem Stuhl und murmelte: «Das Hallenbad haben sie mir trotzdem verwehrt.»

Martin Strupler war 16-jährig, als er 1968 ins Nationalteam der Wasserspringer aufgenommen wurde. Foto: Adrian Moser

Die Geschichte dieser Sehnsucht ist ein halbes Jahrhundert alt und ebenso eng mit dem alten wie mit dem jungen Strupler verknüpft. Martin Strupler war 16-jährig, als er 1968 ins Nationalteam der Wasserspringer aufgenommen wurde. Mit einem Standortnachteil: Es gab weit und breit keinen Sprungturm. Sein Vater, damals auch sein Trainer, versicherte ihm, Bern werde in wenigen Jahren eine richtige Schwimmhalle haben. Mit 50-Meter-Becken, Sprungturm, allem Drumherum.

Es dauerte dann etwas länger. Aber warum? Die Antwort liest sich wie ein demokratiepolitisches Lehrbuchbeispiel.

Heute kann niemand mehr mit Sicherheit sagen, wie viele Projekte seit den 60er-Jahren gescheitert sind. Doch alle sagen: Am ehesten wisse Sisto Salera Bescheid, ehemaliger Inhaber eines Architekturbüros, lange Vorstandsmitglied des Schweizerischen Schwimmverbands.

Neunmal Nein

Die Frage, ob er zu sprechen sei, erreicht Salera auf einem Kreuzfahrtschiff vor den Azoren. Er sei über achtzig Jahre alt, schreibt er, aus dem Kopf fielen ihm neun Projekte ein, «wobei ich an acht davon beteiligt war». Rasch zählt er auf, «ich hoffe, dass die Mail über Satellit noch rausgeht»: Das städtische Bäderkonzept in den 60er-Jahren, eine Privatinitiative in den 70er-Jahren, Wettbewerbe in den 80er-Jahren. Und so weiter. Im Marzili, unter der Monbijoubrücke, im Wankdorf: Kaum ein Flecken, der nicht in Betracht gezogen wurde.

Das Projekt, das am weitesten gedieh, war jenes in den 90er-Jahren. Projektverfasser: Sisto Salera. Eng beteiligt: der junge Strupler als Chef des kantonalen Sportamts. Die Idee: ein 45-Millionen-Franken-Bau auf dem Weissensteinareal, mit Turnhallen, Quartierrestaurant, Kinderspielplatz. Es war alles da, und alle wollten es, im Patronatskomitee sassen Nationalräte und beide Berner Ständeräte. Aber einer hatte etwas dagegen, ein Emmentaler.

«In Bern nannten sie mich den ‹Drachentöter aus dem Emmental›.»Christian Waber, Alt-Nationalrat der EDU

Anruf bei Christian Waber, Alt-Nationalrat der EDU, fundamentaler Christ. Während seiner Bundeshauszeit in den 2000er-Jahren schweizweit bekannt geworden für seinen Kampf gegen Homosexualität und DJ Bobos Song «Vampires Are Alive». Waber lacht laut, als er versteht, worum es geht. «Genau so war es», sagt er. «In Bern nannten sie mich den ‹Drachentöter aus dem Emmental›.»

Tags darauf, in einem Café. Die Unterlagen von damals hat Christian Waber, 71-jährig, geschreddert, als er mit seiner Frau kürzlich von Wasen nach Lützelflüh gezogen ist, «näher zum Zentrum». Aber die Erinnerung an die 90er-Jahre ist frisch. Wie könnte er diese Geschichte je vergessen! Das Schwimmzentrum war beschlossene Sache, das Kantonsparlament mit erdrückender Mehrheit dafür.

Doch im Frühling 1997 ergriff Waber das Referendum, gegen den Willen aller Parteien, nicht einmal seine EDU mochte helfen. Ihn störten zwei Dinge: der Standort und dass die Bau- und Unterhaltskosten zu tief angesetzt waren. «Sah doch jeder, dass das stinkt», sagt er.

Einer gegen alle

Die Befürworter des Projekts sahen es naturgemäss anders, die Leute dieses «Sportclans», wie Waber sie nennt. Er sei als Laie verunglimpft worden, als «Bauer aus dem Emmental», «die hätten mich am liebsten aus der Stadt gejagt». Aber er stellte sich ihnen, auf Podien, in den Zeitungen, stoisch ertrug er die Angriffe. Seine Eltern waren Heilsarmeeoffiziere gewesen, selbst bei Schulbesuchen trugen sie Uniform, das Gelächter der Klassenkameraden härtete Waber ab.

Mehr als 100'000 Franken kostete der Abstimmungskampf ihn und seine wenigen Unterstützer, er fand Gehör bei der Landbevölkerung, die sich bis dahin kaum Gedanken über das Projekt gemacht hatte. Die Leute störten sich an den Kosten: Was haben wir davon, wenn die in der Stadt sich ein Bad bauen?

Im Herbst 1997 sagte eine knappe Mehrheit Nein. Strupler, Salera und Konsorten waren fassungslos. Sie hatten gegen einen verloren, den sie Monate zuvor nicht einmal gekannt hatten.

Man dachte: Das wars. Ein 50-Meter-Hallenbad in Bern? Auf Jahrzehnte aussichtslos. Gescheitert an der Demokratie.

Doch dann geschah etwas Erstaunliches: 2010 liess die damalige Gemeinderätin Edith Olibet ein Sport- und Bewegungskonzept erstellen. Klingt trocken. Aber wirkte. Denn darin war die Forderung plötzlich offiziell festgehalten: Bern braucht eine 50-Meter-Schwimmhalle. Möglichst schnell. Auch weil die 25-Meter-Hallenbäder sanierungsbedürftig sind.

Der geplante Neubau im Berner Neufeld. Visualisierung: Nightnurse

Das war aus zwei Gründen bemerkenswert. Erstens weil es ein Eingeständnis der Politik war. Zu lange hatte man das ehrenamtliche Engagement von Strupler, Salera und Konsorten nicht ausreichend unterstützt. Und zweitens weil sich eine Richtungsänderung ankündigte, eine Lehre aus den Niederlagen 1985 und 1997. Die neue Schwimmhalle würde ein städtisches Projekt sein, kein kantonales, also würde auch nur die Stadtbevölkerung darüber entscheiden.

Als der frühere Volleyballer Christian Bigler 2012 Leiter des städtischen Sportamts wurde, war er der frische Wind, den das Vorhaben brauchte. Bigler wusste, diesmal dürfen keine Fehler geschehen. Letzte Chance. Zuallererst eruierte man den Wasserbedarf, rechnete alles doppelt und dreifach durch. Mit dem Resultat, dass Bern zwanzig zusätzliche 25-Meter-Bahnen benötigt, um den Wasserbedarf zu decken.

Oder zehn 50-Meter-Bahnen. Für Volksschwimmen, Kinderschwimmkurse, Sportvereine. In dieser Reihenfolge. Das war die zweite Lehre aus den Niederlagen: dass nicht einmal ansatzweise der Eindruck entstehen darf, das Bad werde nur für den Leistungssport gebaut. Obwohl der darauf angewiesen ist: Alle wichtigen nationalen und internationalen Wettkämpfe finden in 50-Meter-Becken statt.

Endlich

Montagmorgen, 9 Uhr. Martin Strupler sitzt am Küchentisch, vor ihm ein halbes Jahrhundert Geschichte: Bundesordner, Projektpapiere, Mappen. Die Hauptschuld am Scheitern früherer Vorlagen gibt er der Politik. Sie habe ehrenamtliche Initiativen ausgebremst, freiwilliges Engagement nicht gewürdigt. «Ich glaube, langsam begreifen die Leute, dass Breitensport wichtig ist, aus sozialen, persönlichen, gesundheitlichen Aspekten.» Es ist das Mantra seines Vaters.

Er hat alles aufbewahrt, die Bemühungen seines Vaters ebenso wie die eigenen. Schon als Architekturstudent an der ETH Zürich hat er sich mit Sportanlagen befasst, in seiner Diplomarbeit 1980 ging er der Frage nach, wo es im dichten Bern noch Platz für Freizeitgebiete hat.

Seine Antwort damals: der Norden der Stadt. Also dort, wo jetzt tatsächlich die Halle gebaut wird, im Neufeld. Aber nicht genau so, wie Strupler sie skizziert hat, etwas weniger grosszügig, etwas weniger leistungssportorientiert, ohne Mantelnutzung. «Aber wer wäre ich, wenn ich jetzt maulen würde», sagt er.

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