Switzerland

Wie die Scheinheiligkeit des Amateurparagrafen den olympischen Sport fast in den Abgrund trieb

Der Hobbysportler auf Weltklasseniveau war bereits ausgestorben, als Profisportler 1981 offiziell für Olympische Spiele zugelassen wurden. Heute erscheint es unbegreiflich, dass die einstigen Sportführer in Schauprozessen ihre Publikumslieblinge opferten.

Lee Evans bekam stets auch das Geld für das Flugticket der Mutter – doch die Mutter reiste gar nicht mit.

Lee Evans bekam stets auch das Geld für das Flugticket der Mutter – doch die Mutter reiste gar nicht mit.

Ed Lacey / Getty

Es war ziemlich peinlich, wie sich ein Olympiasieger und 400-Meter-Weltrekordläufer wie der Amerikaner Lee Evans damals in den sechziger Jahren in Zürich verrenken musste, um eine angemessene Gage zu kassieren. Er erhielt die Auslagen für ein Flugticket erster Klasse, korrekt, aber auch noch eines für seine Mutter, die zu Hause geblieben war. Und an jedem Ort in Europa, wo er auftrat, zahlten sie ihm erneut die Dollarscheine für das Doppelticket auf die Hand. Ungefähr so ehrliche Amateure waren die damaligen Topstars und die Veranstalter, die sie engagierten.

Das Reinheitsgelübde des olympischen Sports war brandschwarze Heuchelei. Und natürlich wussten es alle und passten sich alle an. Im Osten züchteten sie den Staatsamateur heran. Im Westen entstand parallel ein diskret-grosszügiges System von Stipendien und Sponsoring oder, wie etwa in Italien oder Frankreich, eine paramilitärische Tarnorganisation mit Totalversorgung (in Italien bis zum Doping). Auch die kleine Schweiz etablierte nach dem olympischen Desaster an den Winterspielen von 1964 ein soziales Förderprogramm mit der Sporthilfe-Stiftung.

In den USA waren Profiturniere im Tennis und ein Leichtathletikzirkus mangels Interesse des Fernsehens gescheitert. Die geschlossenen Profiligen im Eishockey, Basketball, Baseball und American Football hingegen blühten.

Olympia vor der Selbstzerstörung

Um die Olympischen Sommerspiele 1984 bewarb sich 1977 noch ein einziger Kandidat: Los Angeles. Die olympische Bewegung stand vor ihrer Selbstzerstörung. In Montreal sollten die Steuerzahler noch dreissig Jahre für den Grössenwahn ihres Bürgermeisters Jean Drapeau büssen. Ost und West drohten und schlugen sich gegenseitig mit der Boykottkeule. Da setzte Juan Antonio Samaranch, der damalige Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOK) und einstige Diplomat im spanischen Franco-Regime, am Kongress 1981 in Baden-Baden den Befreiungsschlag durch: Der sogenannte Amateurparagraf, der Berufssportler von Olympia ausschloss, musste verschwinden. Der Hobbysportler auf Weltklasseniveau war ohnehin ausgestorben.

So endete die vergilbte Fiktion, die Scheinheiligkeit, die Farce des moralisch sauberen Sportmenschen und die verlogene, oft willkürliche Gerichtsbarkeit, die dieses verschrobene Ideal fast ein Jahrhundert lang hochgehalten hatte. Aber erst 1983 wurden auch all die ausgelöschten, gefallenen Helden rehabilitiert und wieder aufgerichtet. Manche waren längst tot und vergessen. Das IOK öffnete den Profis die Stadiontüren und wurde ein erfolgreicher, aber auch für den Honig der Korruption anfälliger Big Player im Milliarden-Showgeschäft.

In der Sprache seines Stammes hiess Jim Thorpe «Wa tho Huck» (weiter Weg).

In der Sprache seines Stammes hiess Jim Thorpe «Wa tho Huck» (weiter Weg).

Imago

Vergessen waren die Dramen und Schicksale, die Hexenjagden im Namen der gerechten Sache. Wer kannte noch James Francis «Jim» Thorpe, den Sieger im Fünf- und im Zehnkampf 1912 in Stockholm, aufgewachsen im Indianerreservat des Sac-and-Fox-Stammes in Oklahoma unter dem Namen «Wa tho Huck» (weiter Weg). Thorpe selber kannte sein genaues Geburtsdatum nicht, vermutlich war er 1887 oder 1888 zur Welt gekommen. Er war, wie Karl May geschrieben hätte, ein Halbblut, der Vater ein irischer Pelzjäger, der wieder verschwand.

Auf dem College beherrschte Thorpe jeden Sport, in dem er sich betätigte. Er spielte American Football und Baseball, gelegentlich für eine Handvoll Dollar. Mit dem Leichtathletik-Training begann er erst 1912. Auf der langen Schiffsreise nach Europa schlief er meistens. Einer seiner geschlagenen Gegner war Avery Brundage, der spätere IOK-Präsident (von 1946 bis 1972) mit einer typisch amerikanischen Aufsteiger-Biografie vom Strassenkind ohne Eltern zum erfolgreichen Bauunternehmer.

Brundage war ein vehementer Verfechter des Amateurgedankens und weigerte sich, Thorpe zu rehabilitieren. Wie Zeitgenossen vermuteten, steckte hinter dieser Abneigung auch der Neid auf die ausserordentliche Begabung des Rivalen, der später im Baseball bei den New York Giants und im Football Karriere machte, aber im Alter verarmte. Ein Film mit Burt Lancaster als Jim Thorpe blieb vom Ruhm.

Die Erinnerung an die Gladiatoren 

Der «Amateur», der aus nichts als Liebhaberei (was der Begriff impliziert) und Leidenschaft seinen Sport treibt, war die schwärmerische Schöpfung von Pierre de Coubertin, dem Wiedererwecker der Olympischen Spiele der Antike. Und es war eine historische Illusion. In der Hochblüte der römischen Brot-und-Spiele-Epoche waren die Gladiatoren im Kolosseum und die Wagenlenker der damaligen Formel 1 im Circus Maximus Sklaven, die sich auf Leben und Tod ihre Freiheit erkämpfen konnten. Flavius Scorpus, der 2048 Siege herausfuhr, verdiente etwa 60 000 Sesterzen pro Jahr, das Sechzigfache eines Legionärs, starb aber bereits mit 27 Jahren den Unfalltod.

Dem hochfliegenden Ideal des Courbertinschen Denkens entsprach vielleicht der britische Edelmann und Diplomat Philip Noel-Baker, der Silbermedaillengewinner 1920 in Antwerpen über 1500 Meter, der 1953 mit dem Friedensnobelpreis geehrt wurde. Schon die Pioniergenerationen im Vereinigten Königreich entstammten Adelsfamilien. Söhne, die sich die Freizeit an den Eliteschulen mit Tennis und Cricket und Rugby vertrieben. Aus dem Rugby ging der Fussball der Arbeiterklasse hervor, der an den neuen freien Samstagnachmittagen sofort populär wurde. Die Spieler in den führenden Klubs wurden für ihre Einsätze bezahlt in Form von Lohnausfallentschädigungen. Fussball wurde also Arbeit gleichgesetzt. Im Fussball gibt es bis heute bloss ein marginales, unterbesetztes Olympiaturnier.

Die Erfinder des modernen Kommerzsports waren wie de Coubertin Franzosen, Journalisten der Zeitung «L’Auto» (später «L’Equipe»), einer Brutstätte von Ideen wie der Tour de France, der Gründung der Fifa und der Fussball-WM, später auch des Meistercups (der heutigen Champions League) und des Ski-Weltcups. Die Zeitung und das Publikum brauchten den täglichen Stoff, das olympische Hochamt fand nur alle vier Jahre statt.

Doch der olympische Ring war auch das Sprungbrett grosser Boxer wie Cassius Clay (später Muhammad Ali), Benvenuti, Frazier, Foreman. Ali warf seine Goldmedaille in den Ohio-River, nachdem er in einem Restaurant nicht bedient worden war. Der Schwimmer Johnny Weissmüller verwandelte sich in Hollywood in Tarzan, den Dschungelmenschen. Der Star ist magischer als die Spiele, die ihn hervorbringen, das zeigt sich bis zu Usain Bolt und Simone Biles.

Paavo Nurmi mit 22 Weltrekorden

Heute erscheint es unbegreiflich, dass die damaligen Sportführer in Schauprozessen wie in der politischen Realität der Sowjetunion oder des Naziregimes ihre Publikumslieblinge opferten.

Leidtragender dieser Säuberungen war auch Jules Ladoumègue. Der Franzose lief 1931/32 sechs Weltrekorde und als Erster die 1500 Meter unter 3:50 Minuten. «Julot» war ein Waisenkind aus Bordeaux, das mit zwölf als Gärtnerlehrling zu arbeiten begann. Die Veranstalter warfen ihm das Geld nach, aber das Verbandsgericht konnte für eine lebenslängliche Sperre keine Beweise vorlegen. Das Volk liebte den elegant laufenden Dandy, und als Ladoumègue mitten in Paris eine Art Abschiedsvorstellung im Alleingang absolvierte, feuerte der Chansonnier Maurice Chevalier den Startschuss ab, und 400 000 Sympathisanten säumten den Weg von der Place de la Concorde über die Champs-Elysées zum Arc de Triomphe.

Paavo Nurmi lief 22 Weltrekorde und gewann 9 Goldmedaillen. Der «fliegende Finne» war mit seiner eiskalten Attitüde und der kontrollierenden Stoppuhr in der Hand eine fast diabolische Figur – und auf die Dauer zu dominant und auch zu reich geworden. Aber seiner lebenslänglichen Disqualifikation ging ein Funktionärsstreit voraus zwischen dem finnischen Leichathletikverband, der ihn schützte, und dem Weltverband, der ihn schliesslich zu Fall brachte. Nurmi erwies sich auch als cleverer Geschäftsmann: Mit dem erlaufenen Kapital baute er 40 Appartementhäuser zu je 100 Wohnungen. Er starb als einer der reichsten Finnen.

Sonja Henie wurde auch in Hollywood ein Star – und verdiente als erste Schauspielerin 2 Millionen Dollar pro Jahr.

Sonja Henie wurde auch in Hollywood ein Star – und verdiente als erste Schauspielerin 2 Millionen Dollar pro Jahr.

Imago

Ein noch besseres Näschen hatte Sonja Henie, die norwegische Eisprinzessin. Und ihr hinreissender Charme bewahrte sie vor dem Amateur-Tribunal, ehe sie 1936 mit drei Olympiasiegen und zehn WM-Titeln ins Profilager der Revuen wechselte. Sie wurde auch in Hollywood zum Star, verdiente als erste Filmdarstellerin 2 Millionen Dollar pro Jahr, galt als von Sex und Geld besessene Femme fatale und als Bahnbrecherin für Frauenrechte in der Unterhaltungsbranche. Sie kam 1969, bereits schwer krank, bei einem Flugzeugabsturz auf dem Weg in ihre Heimat ums Leben.

An ihrer Popularität hätten sich die Amateurrichter die Finger verbrannt, also liessen sie es bleiben. In Schweden hingegen wurde Gunder Hägg 1946 geopfert, nachdem er in seinem kriegsverschonten Land 15 Weltrekorde eingesammelt und für jeden gelaufenen Meter eine Krone einkassiert hatte. Seine Verteidigungslogik, er habe nie etwas verlangt, sondern sei stets beschenkt worden, konnte ihn nicht retten. An ihn erinnert eine Rockband, die seinen Namen trägt.

Dem Glamour-Eislaufpaar Marika Kilius / Hans-Jürgen Bäumler blieb ein bitteres Lächeln, nachdem es 1964 in Innsbruck überraschend dem sowjetischen Paar Ludmila Beloussowa / Oleg Protopopw mit seiner gewagten «Todesspirale» unterlegen war und danach auch noch die Silbermedaille abgeben musste. Sie hatten zuvor schon den Vertrag mit einer Eisrevue unterschrieben, allerdings in Erwartung des Olympiasiegs.

In Österreich führte die fadenscheinige Kaltstellung des Ski-Idols Karl Schranz zu einem Volksaufstand. Auf Betreiben des IOK-Präsidenten Brundage war Schranz die Teilnahme an den Winterspielen 1972 in Sapporo kurzfristig verweigert worden – mit der Begründung, er habe an einem Benefiz-Fussballspiel ein Trikot mit einer Werbeaufschrift getragen. Als Schranz aus Sapporo zurückkehrte, empfingen ihn auf dem Wiener Heldenplatz 100 000 Empörte, angeführt von Bundeskanzler Bruno Kreisky.

Der oberste olympische Sittenrichter, Avery Brundage, geriet nach dem Überfall palästinensischer Terroristen auf die Unterkunft des israelischen Teams 1972 in München mit seiner Durchhalteparole «The Games must go on» in die Bredouille der schwierigen Weltpolitik und trat endlich zurück.

Mit dem faulen Amateurzauber räumte aber erst sein Nach-Nachfolger Samaranch endgültig auf. Da hatte sich jedoch längst schleichend die neue Front des Vertuschens und Lügens aufgebaut. Und dahinter verbarg sich ein echtes, kaum kontrollierbares Problem: Doping.

An den Spielen von Los Angeles 1984, die den olympischen Sport retteten, verschwanden aus dem Tresor des Doping-Verantwortlichen Prinz Alexandre de Mérode im schwer bewachten IOK-Hotel Biltmore angeblich zwei Dutzend Urin-Flakons mit den Proben von mutmasslich amerikanischen Olympiasiegern und Medaillengewinnern. Der Fall wurde nie geklärt.

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