Switzerland

Westschweizer Kantone überbieten sich mit Schnäppchenangeboten, um Deutschschweizer Touristen anzulocken

Gleitschirmflug zum Sondertarif, Restaurantbesuch zum halben Preis und Gratis-Skipass beim Kauf von zwölf Flaschen Wein: Kantone der Romandie investieren Dutzende von Millionen Franken. Kommt das Geld am richtigen Ort an?

Genfs Tourismusindustrie ist stark von ausländischen Gästen abhängig – und leidet deshalb zurzeit besonders.

Genfs Tourismusindustrie ist stark von ausländischen Gästen abhängig – und leidet deshalb zurzeit besonders.

Denis Balibouse / Reuters

Kaum ein Wirtschaftssektor ist von den Massnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie so massiv betroffen wie der Tourismus. Besonders stark bluten muss die Hotellerie: Im Frühling brachen die Buchungen regelrecht ein, im April lag die Auslastung der Hotels gemäss Zahlen der ETH Zürich noch bei rund 10 Prozent. Seither zieht die Nachfrage wieder an – und die Sommerferien stehen vor der Tür.

Die Vermutung ist nicht sonderlich gewagt, dass dieses Jahr so viele Schweizer wie noch nie ihre Ferien im eigenen Land geniessen werden. Wer in Zürich, Bern oder Basel wohnt, will die freien Tage aber nicht unbedingt vor der eigenen Haustüre verbringen. Also warum nicht westwärts schauen?

Die Westschweiz hat zwar keine Meeresstrände oder Millionenstädte anzubieten, verfügt aber doch über Attribute, nach denen sich Feriengäste sehnen: eine andere Sprache, lateinische Lebensformen, kulinarische Entdeckungen – auch wenn die Unterschiede naturgemäss kleiner sind als bei einer Reise in entferntere Gefilde.

Dieses Potenzial auszuschöpfen, ist nun erklärtes Ziel der Westschweizer Kantone. Praktisch alle haben in den vergangenen Wochen Programme aus dem Boden gestampft, um dem in letzter Zeit notleidenden Tourismussektor unter die Arme zu greifen. Teilweise investieren die Behörden dabei beachtliche Summen an öffentlichen Geldern.

Zwei Nächte im Hotel genügen

So etwa das Wallis, wo der Tourismus seit je ein eminent wichtiges Standbein ist. Nicht weniger als 16 Millionen Franken spricht der 350 000-Einwohner-Kanton, um die Feriengäste davon zu überzeugen, ihren Aufenthalt doch etwas länger als geplant zu gestalten und lokal zu konsumieren. Funktionieren soll dies über ein Gutscheinsystem: Wer zwischen dem 15. Juli und dem 15. Dezember mindestens zwei Nächte in einem Walliser Hotel bucht, bekommt einen Bon in der Höhe von 100 Franken. Dieser kann in denjenigen Walliser Betrieben eingelöst werden, die an der Aktion teilnehmen – etwa Restaurants, Spezialitätenläden oder Freizeitparks.

Auch die Besitzer von Zweitwohnungen sollen profitieren: Um ihnen «für ihren Beitrag zur Einhaltung der Hygieneanforderungen während der akuten Phase der Pandemie zu danken», so die offizielle Sprachregelung, erhalten sie Gutscheine im Wert von 90 Franken: 50 Franken davon müssen für Walliser Käse, 40 Franken für Walliser Wein ausgegeben werden. Schliesslich lohnt es sich, an den Tagen der «offenen Weinkeller» von Ende August zuzuschlagen: Wer mindestens zwölf Flaschen Wein kauft, erhält eine Gratistageskarte für ein Walliser Skigebiet.

Wird da nicht etwas gar viel Steuergeld mit der Giesskanne verteilt, zumal weitere 1,2 Millionen Franken für zusätzliche Kommunikationsmassnahmen beantragt sind? Der zuständige Staatsrat Christophe Darbellay sagt, dass die «aktuell ausserordentliche Lage auch ausserordentliche Massnahmen erfordert». Die Aktion sei eine Investition in die Walliser Wirtschaft, die dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt sei. Es biete sich nun die Chance, noch mehr Schweizer Gäste als ohnehin schon vom Wallis zu überzeugen.

«Stadthotels profitieren praktisch nicht»

Nicht lumpen lässt sich auch die Waadt – sie legt für ihr aussergewöhnliches Stützprogramm 15 Millionen Franken auf den Tisch. Der Kanton hat sich eine Zusammenarbeit mit dem Westschweizer Schnäppchenanbieter QoQa ausgedacht, wovon sämtliche Konsumenten im Kanton profitieren können. Wer auf der Plattform einen Gutschein kauft, erhält auf den Preis 20 Prozent Rabatt, die vom Kanton gedeckt werden. Die Hunderte von Angeboten reichen vom Theaterbesuch über den Gleitschirmflug bis zum Önologiekurs. Mit Abstand am meisten Offerten gibt es von Restaurants und Bars.

Lohnenswert ist der Deal nicht nur für die Nutzer der Aktivität, sondern auch für die Anbieter. Denn diese bekommen, auch das wird vom Kanton übernommen, sogar noch 10 Prozent Zuschlag auf den Originalpreis. Laut QoQa sind die Erwartungen übertroffen worden: In den ersten knapp zehn Tagen haben 700 Gewerbetreibende ein Angebot aufgeschaltet und 6000 Personen einen Gutschein gekauft. Über 2,5 Millionen oder 17 Prozent der «reservierten» 15 Millionen Franken sind damit weg.

Die Sommermonate seien eine Gelegenheit, die es nun bestmöglich auszunützen gelte, sagt Staatsrat Philippe Leuba. Das staatlich unterstützte Schnäppchenprogramm macht in der Waadt jedoch nicht alle glücklich. Am lautesten protestiert der Westschweizer Hotelierverband (ARH): Die Absicht, den lokalen Tourismus zu stützen, sei zwar lobenswert, das gewählte Mittel hingegen sei falsch. Während die Hotels in touristischen Hotspots vielleicht noch davon profitieren könnten, bringe die Aktion jenen in den Städten und im Flachland kaum etwas, schreibt der Verband. «Man kann das Angebot so lange stimulieren, wie man will, das Problem ist die Nachfrage.» Aufgrund der abgesagten Kongresse und Grossveranstaltungen sowie des ausbleibenden Geschäftstourismus müssten viele Hotels in den Städten sogar geschlossen bleiben, präzisiert der ARH-Direktor Alain Becker. Am dramatischsten ist die Lage in Genf, wo auf die ausländischen Gäste normalerweise weit über die Hälfte aller Logiernächte entfallen.

Aus Sicht der Hotellerie seien Programme, wie sie die Kantone Freiburg und Neuenburg aufgegleist hätten, viel sinnvoller, so Becker. Neuenburg investiert 2 Millionen Franken, um notleidende Hotellerie-Betriebe direkt zu unterstützen. Die Details regelten die Branchenpartner, damit das Geld so effizient wie möglich eingesetzt werde, heisst es. Freiburg seinerseits hat eine Finanzhilfe in der Höhe von 5 Millionen Franken beschlossen, die über den bereits existierenden Tourismusförderungs-Fonds den Betrieben zur Verfügung gestellt wird. Eine weitere Million Franken kommt dem Tourismusverband als zinsloses Darlehen zu. Die Tourismusbranche bringt dem Kanton Freiburg laut Schätzungen jährlich knapp 1 Milliarde Franken ein.

Der Schatten Maudets

Das Tourismushilfe-Paket, das in der Westschweiz am meisten zu reden gab, wurde in Genf geschnürt – allerdings weniger wegen der eingesetzten Gelder als wegen des politischen Kontexts. Staatsrat Pierre Maudet hatte in seinem Gesetzesentwurf vorgeschlagen, dass die ersten 10 000 Schweizer Kunden im Juli und August nur einen Drittel des Übernachtungspreises bezahlen müssen, während die Betriebe und der Kanton den Rest unter sich aufteilen. Hotels mit mehr Sternen hätten davon überproportional profitiert.

Das jedoch kam einer Mehrheit des Parlamentes in den falschen Hals. Denn nicht nur sind mehrere Genfer Fünfsternehäuser im Besitz von internationalen Grosskonzernen, auch die Nähe der Hotelgruppe Manotel zu Maudet irritierte – sie soll seinen Wahlkampf 2018 unterstützt haben. Am Mittwoch hat die Genfer Staatsanwaltschaft diesen Teil der Vorwürfe gegen den FDP-Magistraten fallengelassen, doch bereits zuvor hatte sich der Grosse Rat dazu entschieden, die Gesetzesvorlage komplett zu überarbeiten. Mehrere Parlamentarier betonten in der Debatte, dass sie die Möglichkeit einer Gefälligkeit zugunsten von Manotel unbedingt verhindern wollten.

Der Grosse Rat entschloss sich schliesslich zu einem System, das den Kanton 4,5 Millionen Franken kostet: Bei der Buchung von mindestens zwei Hotelübernachtungen erhalten die Gäste einen Gutschein über 100 Franken, der in lokalen Restaurants und Bars ausgegeben werden kann (insgesamt 25 000 Bons). Weitere 40 000 Gutscheine über 25 Franken gehen an die lokale Bevölkerung, die aber für mindestens 50 Franken konsumieren muss.

Nur einer tanzt aus der Reihe

Der Jura ist der einzige Westschweizer Kanton, der kein Pandemie-spezifisches Tourismusprogramm auf die Beine gestellt hat. Das mag mit den klammen Finanzen zu tun haben, aber auch damit, dass sich die Branche jüngst positiv entwickelt hat und von der Corona-Krise gar profitieren könnte, wie die Kommunikationsstelle ausrichtet. Angesichts der erforderlichen Distanzmassnahmen dürften zahlreiche Schweizer diesen Sommer genau das suchen, was der Jura im Überfluss zu bieten hat: unberührte Landschaften, die einem das Gefühl von Weite vermitteln.

Die jurassische Regierung will aber Massnahmen verabschieden, die indirekt dem Tourismus zugutekommen würden. So will sie dieses Jahr keine Patentgebühren bei den Betreibern von Restaurants, Hotels oder Diskotheken eintreiben. Die Vorlage wird im September vom Parlament beraten.

Klammert man die jurassische Ausnahme aus, ähneln sich die verschiedenen Westschweizer Ansätze zur Stützung des Tourismussektors, notabene jene von Genf, der Waadt und des Wallis. Fragt sich also, ob sich die Kantone – auf Kosten ihrer Haushalte – nicht gegenseitig «kannibalisieren». Die Regierungen wollen davon nichts wissen. Der Waadtländer Staatsrat Leuba sagt, dass der Schweizer Tourismus diversifiziert sei und die Kantone nicht in Konkurrenz zueinander stünden. Hotelier-Präsident Becker seinerseits fragt sich allerdings, ob bei all den verschiedenen Initiativen «am Ende die Verteilung der Touristen über die Kantone hinweg nicht die gleiche bleibt, wie wenn es gar keine Programme gegeben hätte».

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