Switzerland

Weshalb es ausgerechnet Italien trifft

Warum Italien? Nun, da die erste Welle der grossen Sorge überstanden ist, fragen sich die Italiener, warum das Coronavirus gerade ihr Land so stark trifft. Am Fernsehen zeigen sie ständig dieselbe Weltkarte mit roten Punkten drauf. Je grösser der Punkt ist, desto höher ist die Zahl der bekannten und gemeldeten Infizierten. Rechnet man die Kranken auf dem Kreuzfahrtschiff Diamond Princess nicht zu Japan, und lässt man die offiziellen Zahlen aus dem Iran einfach so stehen, dann kommt nach China und Südkorea schon Italien.

Mittlerweile soll es 231 Fälle geben, die allermeisten von ihnen in den norditalienischen Regionen Lombardei und Veneto, genauer: in und um die Infektionsherde Codogno und Vo’. Sieben Personen sind schon gestorben, alle sieben waren entweder schwer krank und/oder hochbetagt, doch alle wurden auch positiv auf das Coronavirus getestet. Damit zählt Italien mehr Ansteckungen und mehr Todesopfer als alle anderen europäischen Länder zusammen.

Warum Italien? Die Zeitung «Il Fatto Quotidiano» fasst die weitverbreitete Erklärung am Dienstag in eine fette Schlagzeile auf der Frontseite: «Weil wir sie suchen, während andere Länder darauf pfeifen.» Doch was nach einer trotzigen Verteidigung klingt, ist in Wahrheit auch das Eingeständnis eines selbst verursachten Problems.

Tatsächlich testeten die Italiener nach den ersten Verdachtsfällen in den betroffenen Zonen «a tappeto», wie sie es nennen, also beinahe flächendeckend – mit Rachenabstrichen. Bei diesen Schnelltests wurden auch Infektionen gefunden, die im Normalfall nie publik geworden wären. Etwa die Hälfte der Personen, die positiv getestet wurden, weisen nur schwache Symptome auf: Sie stehen unter Quarantäne, aber bei sich zu Hause.

Am Ursprung der schnellen Verbreitung stand offenbar das Krankenhaus von Codogno, wo der sogenannte Patient 1, ein 38-jähriger Forscher und Sportler, zuerst untersucht wurde. «Mattia», wie er in der Presse genannt wird, liegt nun in Pavia auf der Intensivstation.

Die Wartesäle im Notfall sind meistens voll

Mehrere berühmte Virologen im Land halten das Krankenhaus von Codogno für einen «Resonanzkörper», so auch Massimo Andreoni von der römischen Universität Tor Vergata. In sanitären Anlagen finde man alle Bedingungen, Bakterien und Viren, die für Patienten mit schweren Krankheiten gefährlich seien, sagte Andreoni dem «Corriere della Sera». Erschwerend kommt hinzu, dass die Italiener zur Gewohnheit haben, auch bei normaler Grippe oder leichten Beschwerden immer gleich Hilfe in den Notfallstationen der Krankenhäuser zu suchen. Die Wartesäle im «Pronto Soccorso» sind meistens voll.

Auch Italiens Premier Giuseppe Conte sieht in den Zuständen im Krankenhaus von Codogno eine der Hauptursachen für die schnelle Verbreitung des Virus. «Der Infektionsherd hat sich auch deshalb ausgeweitet», sagte Conte am Fernsehen, «weil ein Krankenhaus die angezeigten Vorsichtsmassnahmen nicht ganz befolgte.»

Die Aussage hat eine laute Polemik ausgelöst mit dem Gouverneur der Lombardei, Attilio Fontana von der oppositionellen Rechtspartei Lega. «Unzulässig und verletzend» seien die Worte des Premiers, sagte er. Einer von Fontanas Parteigänger ging noch etwas weiter: «Faschistisch» sei das, Conte möge sich doch ein bisschen ausruhen, wenn er der Aufgabe nicht gewachsen sei.

Chaotisches Gesundheitswesen

Der Streit gründet nicht nur auf politischen Animositäten. Es geht dabei auch um eine Strukturfrage: Die Verantwortung für das Gesundheitswesen liegt in Italien ganz bei den Präsidenten der Regionalverwaltungen. Im Fall von nationalen Notständen kollidieren die Kompetenzen ständig.

Conte wirft manchen Gouverneuren vor, sie schlügen Alarm ohne Not. So wies er etwa den Präsidenten der zentralitalienischen Region Marken an, die Schliessung der Schulen in seinem Kompetenzgebiet wieder aufzuheben: In den Marken gibt es bisher keine bekannten Infektionsfälle. Die Zeitung «La Repubblica» schreibt über das «Chaos» im Gesundheitswesen: «Manche Verantwortliche folgen dem Herzen, andere dem politischen Opportunismus, noch andere den Ratschlägen von ebenso illustren wie fantasierenden Provinzprofessoren.»

Video: Leere Gassen in Codogno

Miniaturausgabe von Wuhan: Die Strassen von Codogno sind fast menschenleer. Video: AP

Ein weiterer Grund für den italienischen Sonderfall liegt wohl an einer Massnahme, die man bislang für vorbildlich gehalten hatte: Italien beschloss früh, alle Flüge aus China zu untersagen. Doch wahrscheinlich brachte das nichts, eher im Gegenteil: Womöglich behinderte das die Kontrollen. Statt direkt zu reisen, wählten Passagiere aus China einfach Flüge über Frankfurt, Zürich oder London, wo sie die Maschine wechselten, um nach Mailand und Rom weiterzufliegen. So verlor sich die Spur.

Andere europäische Länder folgten dem Rat der Weltgesundheitsorganisation und stellten die ankommenden Passagiere, die ihre Endstation erreicht hatten, zunächst unter Quarantäne. So liessen sich alle systematisch prüfen.

Bei wem steckte sich Patient 1 an?

In Italien fragen sie sich unterdessen noch immer, wie das Virus ins Land gekommen sein könnte. Im Norden Italiens leben nicht nur viele Chinesen, es gibt da auch etliche Firmen, grosse und kleine, die rege mit China handeln und Mitarbeiter regelmässig auf Geschäftsreise nach China schicken. Hunderte, jede Woche.

Zunächst glaubte man, dass ein 41-jähriger italienischer Manager und Freund von «Mattia» diesen auf seinem Heimaturlaub in Codogno angesteckt haben könnte. Sie trafen sich mehrmals. Doch obschon er Erkältungssymptome hatte, stellte sich dann heraus, dass es nur eine herkömmliche Grippe war. Auch alle anderen Fährten zu möglichen Ursprungsansteckern erwiesen sich als falsch.

Und so wächst die Unsicherheit im Volk weiter an. Es ist eine ungefähre Sorge, die durch widersprüchliche Informationen genährt wird. Manchmal widersprechen sich auch die Experten in den Fernsehstudios.