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Wenn Impfungen schaden

Zwei Frauen sind nach Erhalt einer Kandidatenvakzine gegen Sars-CoV-2 schwer erkrankt. Das könnte auf eine Nebenwirkung hindeuten – muss aber nicht. Was es zu Impfkomplikationen zu wissen gilt.

Eine wirksame Schutzimpfung würde in Corona-Zeiten vieles vereinfachen: Frauen mit ihren Neugeborenen auf einer Entbindungsstation in Manila, Philippinen.

Eine wirksame Schutzimpfung würde in Corona-Zeiten vieles vereinfachen: Frauen mit ihren Neugeborenen auf einer Entbindungsstation in Manila, Philippinen.

Eloisa Lopez / Reuters

Seit Monaten wartet die Welt auf eine Schutzimpfung gegen das neue Coronavirus. Damit, so die Überzeugung, liesse sich die Pandemie endlich beenden. Präsident Trump hofft zudem, mit einem raschen Erfolg bei der Impfstoffentwicklung die Wiederwahl im November zu schaffen.

Noch weiss allerdings niemand, wie wirksam die herbeigesehnte Impfung gegen Sars-CoV-2 sein wird. Und wird sie auch sicher sein? Ein Impfstoff der Universität Oxford hat vor kurzem die Diskussion um Nebenwirkungen neu entfacht. Denn das an der Evaluation beteiligte Pharmaunternehmen AstraZeneca musste sein Studienprogramm unterbrechen, nachdem zwei Frauen nach der Immunisierung schwer erkrankt waren.

In einem Fall war von einer Rückenmarkentzündung (transverse Myelitis) die Rede, bei der zweiten Frau scheint die Diagnose weniger klar. Zudem: Ob die Beschwerden der Probandinnen mit dem Impfstoff zusammenhängen, ist offenbar nicht belegt. Es stellen sich daher zwei zentrale Fragen: Wie häufig sind schwere Nebenwirkungen nach Impfungen? Und wie kommen sie zustande?

Normale Impfreaktion oder Komplikation?

Gemäss dem Bundesamt für Gesundheit sind schwere Nebenwirkungen oder bleibende Schäden nach Impfungen sehr selten – aber es gibt sie. Von solchen unerwünschten Impferscheinungen sind die normalen Impfreaktionen wie Rötung, Schwellung und Schmerzen an der Einstichstelle sowie Allgemeinreaktionen wie Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen und Unwohlsein abzugrenzen. Diese Reaktionen sind Ausdruck der erwünschten Auseinandersetzung des Immunsystems mit dem Impfstoff.

Nach echten Impfkomplikationen wird in klinischen Zulassungsstudien, wie sie derzeit mit verschiedenen Sars-CoV-2-Vakzinen laufen, intensiv gefahndet. «Damit lassen sich aber nicht alle möglichen Probleme erkennen», sagt die international anerkannte Impfexpertin Claire-Anne Siegrist vom Universitätsspital Genf. Das hänge mit der Seltenheit solcher Komplikationen zusammen.

Siegrist macht ein Rechenbeispiel. Bei einer schweren, potenziell tödlichen Nebenwirkung, die seltener als einmal auf 100 000 geimpfte Personen vorkomme, müsse man über 300 000 Personen immunisieren, um die Komplikation sicher nachzuweisen. Für die Professorin ist deshalb klar: «Eine Impfung gegen Sars-CoV-2 sollten zuerst Personen erhalten, die ein hohes Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf haben.»

Die meisten unerwünschten Wirkungen nach Impfungen werden durch eine Reaktion des Immunsystems ausgelöst. Im besten Fall handelt es sich dabei um eine harmlose Entzündung, die zur normalen Impfreaktion gehört. Ernsthafter, aber fast immer behandelbar sind allergische Reaktionen. Diese würden oft nicht durch den eigentlichen Impfstoff, sondern durch beigemischte Wirkverstärker und andere Stoffe ausgelöst, sagt Siegrist. Hier könnten Sars-CoV-2-Impfstoffe mit viralem Erbgut (DNA- und RNA-Vakzine) einen Vorteil gegenüber konventionellen (abgeschwächtes Virus, Virusproteine) oder vektorbasierten Impfstoffen haben.

Ein grösseres Problem sind laut der Ärztin jedoch Autoimmunkrankheiten, die von Impfungen ausgelöst werden können. Dies geschieht über ein Phänomen, das molekulare Mimikry heisst. Dabei geht das Immunsystem fälschlicherweise gegen körpereigene Bestandteile vor. Der Grund: Die angegriffenen Strukturen haben eine fatale Ähnlichkeit mit Bestandteilen der Impfung. Eine solche Autoimmunität ist nicht selten gegen das Nervensystem gerichtet. Klinisch kann dabei eine Entzündung der Nerven (Guillain-Barré-Syndrom), des Rückenmarks (Myelitis) oder des Gehirns (Enzephalitis) im Vordergrund stehen.

Statistik hilft bei der Ursachenforschung

Attacken gegen körpereigene Moleküle gehen aber nicht nur von Impfungen aus. Viele virale und bakterielle Krankheitserreger können ebenfalls schädliche Autoimmunreaktionen auslösen. Gut untersucht ist der Zusammenhang beim Guillain-Barré-Syndrom, einer meist von den Beinen aufsteigenden Lähmung. Das Syndrom ist längst auch bei Patienten mit Covid-19 nachgewiesen worden.

Die Rückenmarkentzündung in der AstraZeneca-Studie muss daher nicht zwingend impfbedingt sein. Weil die ursächliche Zuordnung im Einzelfall schwierig ist, hilft meist nur die Statistik weiter. Sollte sich zeigen, dass bei den Geimpften schwere Autoimmunstörungen häufiger vorkommen, als das ohne Impfung zu erwarten wäre, dann dürfte die Impfung der Auslöser sein. Andernfalls haben wohl eher andere Faktoren die Beschwerden ausgelöst.

Eine solche statistische Beweisführung ist bei Pandemrix gelungen, einem Grippeimpfstoff, der 2009 in vielen Ländern gegen die Schweinegrippe-Pandemie zum Einsatz kam. In Finnland und weiteren europäischen Ländern führte die Vakzine bei Kindern zu einem Anstieg einer sehr seltenen Autoimmunkrankheit des Zentralnervensystems (Narkolepsie). «Solche zuvor unbekannten Nebenwirkungen kann man nicht voraussehen», betont Siegrist. Umso wichtiger sei die rigorose Überwachung der Sicherheit auch nach der Zulassung der Impfung.

Als weitere Quelle für mögliche Impfkomplikationen gelten bei Sars-CoV-2-Impfstoffen bestimmte Antikörper, die nach der Immunisierung gebildet werden. Dabei handelt es sich nicht um die erwünschten neutralisierenden Antikörper, die für eine Schutzwirkung unabdingbar scheinen. Aus früheren Beobachtungen – auch bei Coronaviren – weiss man, dass die Immunisierung auch nichtneutralisierende Antikörper hervorbringt. Diese Eiweissstoffe können über eine erleichterte Infektion und/oder verstärkte Immunreaktion dazu führen, dass geimpfte Personen nach einer Infektion sogar schwerer erkranken als ohne Impfung.

Diesen Effekt haben Forscher bei dem Impfstoff Dengvaxia gegen das Denguefieber nachgewiesen, worauf der Hersteller Sanofi 2017 eine Warnung aussprach. Der Antikörper-abhängigen Verstärkung müsse bei der Evaluation von neuen Sars-CoV-2-Impfstoffen grösste Aufmerksamkeit geschenkt werden, schreiben Forscher in der Fachzeitschrift «Nature».

«Bemerkenswert sicher»

Trotz solchen Risiken seien Impfungen insgesamt «bemerkenswert sicher». Zu diesem Schluss kommen Wissenschafter in einer soeben in der Fachzeitschrift «Annals of Internal Medicine» erschienenen Analyse. Sie untersuchten dafür die in den letzten zwanzig Jahren in den USA aufgetretenen Änderungen bei den Sicherheitsinformationen von zugelassenen Impfstoffen. Die Modifikationen basieren auf dem amerikanischen Meldesystem für unerwünschte Impfreaktionen (VAERS). Das Sicherheitssystem ist seit 1990 im Einsatz und liefert jährlich rund 30 000 Meldungen.

In der ganzen Zeit musste 1999 ein einziger Impfstoff wegen Sicherheitsbedenken vom Markt genommen werden. Dabei handelt es sich um Rotashield, die erste Impfung gegen Rotaviren, die bei Kleinkindern schwere Durchfallerkrankungen auslösen. Die Warnsignale in VAERS hatten die Experten auf ein stark erhöhtes Risiko für eine seltene, aber potenziell tödliche Darmeinstülpung aufmerksam gemacht. Bei Kindern unter einem Jahr war das Erkrankungsrisiko 20- bis 30-mal höher als ohne Impfung. Die US-Gesundheitsbehörde CDC schätzte, dass auf 10 000 geimpfte Kinder mit ein bis zwei zusätzlichen Darmeinstülpungen gerechnet werden muss.

Laut dem Spezialisten für Impfstoffsicherheit Daniel Salmon von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Baltimore, USA, beruhen jedoch wenige Befürchtungen rund um Impfungen auf wissenschaftlicher Evidenz. Dass auch öffentlicher Druck einen Impfstoff zu Fall bringen kann, zeigt das Beispiel von Lymerix, der ersten und bisher einzigen Humanvakzine gegen Borreliose. 1998 zugelassen, nahm der Hersteller sie vier Jahre später wieder vom Markt.

Berichte von Gelenkentzündungen hatten dem Impfstoff das Genick gebrochen. Die mögliche Nebenwirkung wurde in Medienberichten und von Impfgegnern hemmungslos ausgeschlachtet, und es wurden Gerichtsklagen gegen den Hersteller angestrengt. Die Firma nahm die Impfung schliesslich vom Markt, obwohl die Gesundheitsbehörden in den Prä- und Postmarketingdaten kein erhöhtes Risiko für die berichteten Beschwerden fanden. Für Experten ist die Geschichte um Lymerix ein warnendes Beispiel dafür, wie irrational die Welt sein kann.

Dazu passen auch die Ergebnisse einer jüngst publizierten Umfrage zum Vertrauen der Bevölkerung in Impfungen. Demnach ist in Europa die Zustimmung generell tief, wobei es grosse regionale Unterschiede gibt. So sagten in Finnland rekordhohe 66 Prozent der Befragten, dass sie Impfungen für sicher hielten, während die Zustimmungsrate in Litauen bei 19 Prozent lag. Als Gründe für das vielerorts geringe Vertrauen sehen die Forscher die schnelle Verbreitung von Falschinformationen zu Impfungen und den Umstand, dass es in Bezug auf die realen Risiken zu Übertreibungen komme. Beides schüre Ängste und säe Zweifel und Misstrauen. Diese Mechanismen dürften auch hinsichtlich der Sars-CoV-2-Impfstoffe spielen.

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