Switzerland

Was die «arktische Eiskante» mit Norwegens Wohlstand zu tun hat

Die «arktische Eiskante», die Übergangszone zwischen Polareis und offener See, definiert in Norwegen, wie weit nach Norden die Erdölindustrie vorstossen darf. Ihre Festlegung ist Gegenstand harter Interessenkonflikte zwischen Wirtschaft und Umweltschutz.

Aktivisten von Greenpeace nähern sich in der Bucht vor Hammerfest einer Bohrplattform, die für einen Einsatz in arktischen Gewässern vorgesehen ist. Wie weit die Erdölindustrie in den Norden vorstossen darf, ist Gegenstand harter Auseinandersetzungen in Norwegen. Die Aufnahme stammt vom Frühling 2019.

Aktivisten von Greenpeace nähern sich in der Bucht vor Hammerfest einer Bohrplattform, die für einen Einsatz in arktischen Gewässern vorgesehen ist. Wie weit die Erdölindustrie in den Norden vorstossen darf, ist Gegenstand harter Auseinandersetzungen in Norwegen. Die Aufnahme stammt vom Frühling 2019.

Jonne Sippola / Greenpeace /  Reuters

Die ganze Welt scheint nur noch über das neuartige Coronavirus zu sprechen, doch in Norwegen sorgt auch eine heftige Diskussion über die «arktische Eiskante» für heisse Köpfe in der Politik. Der Begriff beschreibt den südlichen Rand der Übergangszone zwischen kompaktem polarem Meereis und offener See zum Zeitpunkt der grössten Meereisausdehnung, wie sie im Jahresverlauf generell im April beobachtet wird. Sich darüber zu enervieren, wo Eis aufhört und Wasser beginnt, erscheint auf den ersten Blick als ziemlich skurril. Doch treffen in dieser Übergangszone vitale Gesellschafts- und Wirtschaftsinteressen hart aufeinander.

Die «arktische Eiskante»

Wahrscheinlichkeit für Meereis im April

Ein Kompromiss, der wenig kostet

Von der Definition der Eiskante nämlich leitet sich ab, welche Gebiete die Regierung nach dem Gesetz für Erdöl-Prospektion freigeben darf. Die Umweltschützer möchten die Grenze dort sehen, wo das Treibeis faktisch aufhört, denn die Übergangszone zwischen kompaktem Eis und offener See ist anerkannterweise ein äusserst wichtiges Ökosystem. Sie ist reich an Plankton und damit ein Schlüsselelement in der gesamten maritimen Nahrungskette. Eine Ölpest hätte hier unabsehbare Folgen.

Die Petroleumindustrie wiederum fordert, den Verlauf der Eiskante so festzulegen, dass sie ein Gebiet betrifft, wo im April mit 30-prozentiger Wahrscheinlichkeit noch Treibeis auftritt; berechnet nach Daten der letzten 30 Jahre. Das würde es den Energiegesellschaften erlauben, bei der Suche nach Rohstoffen noch etwas weiter als heute nach Norden vorzustossen. Die Barentssee nämlich gilt als das Gebiet, wo man die grössten noch nicht entdeckten Vorkommen vermutet. Und der graduelle Rückzug des Polareises macht die Region besser zugänglich als je zuvor. Erdöl und Erdgas, so argumentieren die Verfechter einer nördlicheren Grenzziehung, seien seit Jahrzehnten das Fundament des norwegischen Wohlstands. Gerade jetzt mit einer drohenden Rezession am Horizont brauche man die Branche mehr denn je.

Die Regierung propagiert nun einen salomonischen Mittelweg: Die Linie soll anhand einer 15-prozentigen Wahrscheinlichkeit von Treibeis im April gezogen werden. Damit setzt sie einerseits ein «grünes» Zeichen: Die umweltpolitischen Bedenken gegenüber der Förderung fossiler Energieträger höre man sehr wohl und sei bereit, Konsequenzen zu ziehen. Andrerseits verdirbt sie es sich aber auch nicht mit der Petroleumindustrie. Denn die 15-Prozent-Linie macht einen eleganten Bogen um alle die Gebiete, für die in der Barentssee schon Lizenzen vergeben worden sind, und tangiert damit keine bestehenden Interessen von Petroleumunternehmen.

Enttäuschungen in der Barentssee

Wenn die Diskussion um die arktische Eiskante derzeit dennoch etwas akademisch wirkt, dann aus zwei Gründen. Erstens hat die Barentssee die hohen Erwartungen, die man bei der Rohstoffbranche in sie setzt, noch nicht annähernd erfüllt. Wichtige regionale Spieler wie Equinor, Aker BP oder Lundin haben in den Bereichen, die am aussichtsreichsten schienen, bei Probebohrungen zu ihrer grossen Enttäuschung bisher keine ökonomisch interessanten Vorkommen entdeckt. Von den neuen Blöcken, die die norwegische Regierung dieses Jahr zur Lizenzierung für Prospektion ausschreiben will, liegt denn auch kein einziger in der Barentssee, sondern alle befinden sich in der Gegend bereits produzierender Felder südlich des Polarkreises. 

Zweitens liegt der Erdölpreis derzeit in einem Bereich, der Förderung in der Arktis auch dann als illusorisch erscheinen liesse, wenn dort neue Öl- und Gasvorkommen gefunden worden wären. Grosse Entfernungen und dünne Infrastruktur an Land verteuern die Erschliessung und den Betrieb von Feldern. Für Neuerschliessungen in der Barentssee schätzen diverse Experten einen Preis pro Fass von 50 $ und mehr als gewinnbringend ein; je nachdem, unter welchen Kosten und Bedingungen die Entwicklung eines Projekts stattfindet. Von einem solchen Niveau sind die Erdöl-Referenzpreise heute weit entfernt, und es ist fraglich, ob, wann und wie nachhaltig sie es wieder erreichen.

Norwegens Gretchenfrage

Einen massiven Einbruch des Erdölpreises hatte Norwegen schon 2014 zu verkraften gehabt; in dessen Gefolge strichen die Fördergesellschaften ihre Investitionen in künftige Erschliessungen zusammen und rationalisierten auch die Produktionsabläufe. Dies brachte wiederum die Hersteller von Förderanlagen und die übrigen Zulieferer unter Spardruck. Diese Mechanismen spielen auch jetzt wieder. Doch während 2014 nach vielen fetten Jahren der Petroleumbranche reichlich Sparpotenzial bestand, ist der Spielraum heute schon praktisch aufgebraucht. 

Gross ist dafür die Unsicherheit, was die Zukunft für die Erdöl- und Erdgasunternehmen bringt. Die Corona-Krise setzt den Sektor kurz- und mittelfristig unter Druck, und wenn sie vorbei ist, dürfte der Klimaschutz wieder an Dringlichkeit gewinnen, mit entsprechenden potenziellen Auswirkungen auf die Nachfrage (siehe Grafik). Wird Norwegen also überhaupt je in eine Situation kommen, da arktisches Erdöl wirtschaftlich gefördert werden kann? Zu dieser Frage dürfte sich heute kaum jemand allzu weit aus dem Fenster lehnen wollen.

Der globale Ausblick für Erdöl

Weltnachfrage nach Szenario, in Mio. Fass/Tag

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Damit kommt für Norwegen einmal mehr das Thema der Notwendigkeit einer schrittweisen Abnabelung von der Erdölwirtschaft aufs Tapet. Seit der globalen Finanzkrise von 2008 geistert es durch die Politik, doch keine Regierung hat es bisher entscheidend voranzubringen vermocht. Mit drei Krisen im Abstand von jeweils sechs Jahren (2008, 2014, 2020) stellt sich die Forderung einer breiter abgestützten Wirtschaft nun aber dringlicher denn je. Der gigantische Staatsfonds, in den seit 1996 alle Staatseinnahmen aus dem Erdölsektor fliessen, gibt Oslo zwar ein komfortables Polster zur Abfederung der Corona-Krise. Doch Norwegens Gretchenfrage kann auch er nicht beantworten: Wann ist der richtige Zeitpunkt, und was wären die richtigen Massnahmen, damit Norwegen mit so wenig Wohlstandsverlust als möglich von seiner Abhängigkeit vom Erdöl wegkommt?

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