Switzerland

Warum unsere Krankenkassenprämien trotz Corona-Krise nicht explodieren werden

Die Pandemie führt zu hohen Mehrkosten im Gesundheitswesen, die Rechnung für die Versicherten wird happig ausfallen: Das klingt einleuchtend, ist aber falsch.

Das Gesundheitswesen ist in der Corona-Krise stark beansprucht – zu einer starken Verteuerung der Prämien sollte es dennoch nicht kommen.

Das Gesundheitswesen ist in der Corona-Krise stark beansprucht – zu einer starken Verteuerung der Prämien sollte es dennoch nicht kommen.

Anthony Anex / Keystone

In der Corona-Krise hat der Bundesrat den Ausnahmezustand erklärt und die politische Führung übernommen. Was die Legislative zu dem Ganzen meint, interessiert derzeit wenig. Unter dieser vorübergehenden Bedeutungslosigkeit scheinen manche Parlamentarier zu leiden. Was liesse sich dagegen Besseres unternehmen, als ein paar markige Worte zu einem populären Thema abzusetzen? Also warnen Linke und Bürgerliche im «Blick» vor einem «Prämienschock» wegen der Pandemie.

Alt FDP-Ständerat Joachim Eder, bis zu seinem Rücktritt 2019 ein einflussreicher Gesundheitspolitiker, sagt: «Das Parlament muss die Explosion der Krankenkassenprämien auffangen!» Die virusbedingten Gesundheitsausgaben dürften nicht den Prämienzahlern aufgebürdet, sondern müssten direkt abgegolten werden. Schon in der ausserordentlichen Session vom Mai müsse die Problematik unbedingt angepackt werden, so Eder.

Diesem Wunsch will der Parteikollege Damian Müller, Ständerat aus Luzern, subito nachkommen. «Der Bundesrat muss dafür sorgen, dass die Corona-Kosten separat ausgewiesen werden, und die Auswirkungen auf die Prämien aufzeigen.» Müller fordert einen runden Tisch und betont, nach einem Paket für die Wirtschaft brauche es auch ein Paket für das Gesundheitswesen. Denn eine Prämienexplosion auf Kosten des Mittelstands, der Familien und Alleinstehenden wegen Corona sei unbedingt zu verhindern. Gleicher Meinung ist die SP-Vizepräsidentin Barbara Gysi.

Reiner Populismus

All dies scheint nachvollziehbar: Eine gesundheitliche Ausnahmesituation muss doch zu höheren Kosten auch für die Versicherten führen, was wiederum finanzielle Stützungsmassnahmen des Staates erfordern würde. Doch bei genauerem Hinsehen entpuppen sich die Forderungen als Populismus. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass es 2021 zu einem «Prämienschock» kommt, sind sehr gering – und das sollten Gesundheitspolitiker eigentlich wissen.

Basis für die Berechnung der Prämien des nächsten Jahres sind nicht die Kosten, die 2020 anfallen, sondern eine Prognose der Ausgaben im Jahr 2021. Selbst wenn die 2020er Prämien die Kosten der jetzigen Pandemie nicht decken sollten, würde dies nicht einfach auf die Prämien des Folgejahres durchschlagen. Denn es gibt ein dickes Polster, das für den Notfall parat steht: die Reserven der Kassen. Laut Bundesamt für Gesundheit (BAG) betrugen diese zu Beginn des Jahres 2019 9,5 Milliarden Franken.

Die Versicherer hatten damit zusammen doppelt so viel Geld auf der hohen Kante, wie die Mindestreserve erfordern würde. Diese ist so definiert, dass die Kassen ein ausserordentliches Grossereignis finanziell überstehen könnten, das alle hundert Jahre auftritt. Nicht bei allen Kassen sind die Reserven zwar gleich üppig. So ist es denkbar, dass ein Versicherer, der zahlreiche Kunden in besonders von der Pandemie betroffenen Kantonen und gleichzeitig nur ein kleines finanzielles Polster hat, dieses ganz aufbrauchen muss oder sogar ins Minus fällt. Doch es gibt ausserdem einen Sicherungsfonds, der bei solchen kurzfristigen Liquiditätsengpässen einspringt und verhindert, dass eine Kasse wegen Corona die Prämien fürs kommende Jahr erhöhen muss.

30 Prozent höhere Kosten?

Die ETH-Konjunkturforschungsstelle ging davon aus, dass die Gesamtausgaben der Grundversicherung für das Jahr 2020 unter normalen Umständen etwa 33 Milliarden Franken betragen hätten. Entsprechend müsste die Pandemie die Kosten um fast 30 Prozent nach oben treiben, damit die Reserven aufgebraucht würden. Wenigstens die CVP-Politikerin Ruth Humbel, Präsidentin der nationalrätlichen Gesundheitskommission, weist im «Blick»-Artikel auf die Existenz dieses Polsters hin. Der Kassenverband Santésuisse hält trocken fest: «Die Reserven sind für solche ausserordentlichen Situationen vorgesehen, so dass allfällige Mehrkosten gedeckt werden können.»

Doch noch ein weiterer Umstand spricht dagegen, dass es zu einer «Prämienexplosion» kommen wird: Es ist nicht einmal sicher, dass die Ausgaben der Krankenversicherer derzeit steigen. Die Therapie Hunderter oder Tausender Corona-Patienten in den Intensivstationen ist zwar teuer. Doch nach dem derzeitigen Finanzierungsregime zahlen die Krankenkassen maximal 45 Prozent der Kosten; 55 Prozent oder mehr übernimmt die öffentliche Hand. Diese berappt über die gemeinwirtschaftlichen Leistungen auch die umfangreichen Massnahmen der Spitäler zur Vorbereitung auf die Corona-Welle.

Gleichzeitig sind derzeit weite Teile des Gesundheitswesens quasi stillgelegt. Der Bundesrat hat die Order erlassen, dass alle nichtdringenden Eingriffe aufzuschieben seien. Ein offenes Geheimnis ist, dass lange nicht jede Operation am Knie oder an der Hüfte medizinisch wirklich notwendig wäre. Es ist deshalb fraglich, ob alle Eingriffe, die in Zeiten des Corona-Lockdowns stattgefunden hätten, später gemacht werden. Auch in Hausarztpraxen fällt derzeit weniger Arbeit an, weil die Patientinnen und Patienten vor einem Besuch zurückschrecken. So sinken über Wochen oder gar Monate hinweg die Kosten deutlich – und zumindest im Bereich der Bagatellfälle und der ausgesetzten Routinekontrollen ist kein Nachholeffekt zu erwarten.

Abrechnungszahlen, die solche wahrscheinlichen Effekte bereits jetzt zeigen, liegen den Krankenkassen noch nicht vor. Einen Einfluss auf die finanzielle Situation werden zudem auch politische Entscheidungen haben: Wird für Corona-Patienten die Franchise ausgesetzt, und wer übernimmt die Kosten? Wer bezahlt die Tests und die Impfungen, wenn diese eines Tages verfügbar sind? «Es ist klar, dass die Versicherer ihren Anteil zur Bewältigung der Corona-Krise beitragen werden, dafür ist die soziale Krankenversicherung ja auch da», sagt der Santésuisse-Sprecher Matthias Müller.

Pharma stellte Ansprüche

Auch wenn für 2021 wohl keine Prämienexplosion zu befürchten ist, könnte die Corona-Krise die Kosten indirekt nach oben treiben. In den nächsten Jahren dürfte in der Gesundheitspolitik die Versorgungssicherheit im Vordergrund stehen, nicht die Kosteneffizienz. Ein Beispiel dafür sind die Medikamente. Axel Müller, Geschäftsführer des Verbandes der Generikahersteller, fordert in verschiedenen Medien, dass die Preise für Antibiotika, Blutdrucksenker oder Schmerzmittel nun steigen müssten – und nicht noch weiter sinken dürften, wie das der Bundesrat anstrebt. Eine «Repatriierung der Wirkstoffproduktion» soll die Schweiz aus der Abhängigkeit von asiatischen Herstellern befreien, mit entsprechenden finanziellen Folgen.

Die Interessenvertreter der Pharma brächten sich jetzt in Stellung, um von der Krise zu profitieren, kritisiert der Santésuisse-Sprecher Müller. Die Politik müsse dennoch weiterhin darauf drängen, dass die im internationalen Vergleich hohen Schweizer Medikamentenpreise nach unten angepasst würden. «Die Corona-Krise zeigt ja gerade, dass auch die überhöhten Preise, die wir bis jetzt bezahlen, keine Liefergarantie bieten.»

Football news:

Agent hakimi: ashrafs Ziel ist es, für Real Madrid zu spielen
PSG-Torhüter Bulka hat bei einem Verkehrsunfall in Polen einen Lamborghini zerschlagen. Zwei Menschen wurden verletzt
Nizza hat sich in den Kampf um Verteidiger Olympiakos Tsimikas eingeschaltet. Sie Interessieren sich für Loco
Lacazette lehnte Inters Angebot ab. Er könnte bei Atlético gegen Lemar eingetauscht werden
Ehemaliger Chef Scout CSKA: 99% der Arbeit des Pfadfinders ist verschwendet. Das ist spezifisch
Victor Valdez führte den Klub aus der 4.Liga von Spanien
Agent Georginho: Zwei nicht-italienische Topklubs haben mit mir Kontakt aufgenommen