Switzerland

Warum ist Senegal ein Dankeschön unhöflich ist

Dass sich die Senegalesen selten bedanken, ist ein Zeichen von Höflichkeit. Es bekräftigt die Freundschaft, in der Geben selbstverständlich ist. Und es lässt die Hoffnung auf den Lohn Gottes intakt.

Der Umgang mit seinen Mitmenschen in Senegal mag für Schweizer Anfangs ungewohnt sein.

Der Umgang mit seinen Mitmenschen in Senegal mag für Schweizer Anfangs ungewohnt sein.

Zohra Bensemra / Reuters

Manchmal haben Europäer den Eindruck, Senegalesen seien unhöflich; dabei gibt es einfach unterschiedliche Arten von Höflichkeit. So ermahnt man in der Schweiz schon die Kinder, dem Gesprächspartner in die Augen zu schauen. In Senegal hingegen gilt es als unhöflich, sein Gegenüber «anzustarren». Also schaut man im Gespräch oft leicht aneinander vorbei. Das kann aus europäischer Sicht desinteressiert wirken und, gerade bei Kindern, unhöflich. «Schau mich an, wenn du mit mir redest!», möchte man dann ausrufen, während das senegalesische Kind mit dem gesenkten Blick lediglich Respekt bezeugt.

Dasselbe gilt für das Wort Nein. In Senegal vermeidet man die direkte Widerrede. Wenn man jemanden bittet, um 15 Uhr zu kommen, wird er möglicherweise Ja sagen, obwohl er weiss, dass er dann verhindert ist. Aber er möchte das Gegenüber nicht brüskieren. Wenn er dann erst um 16 Uhr kommt, ist der Schweizer verärgert. Für ihn wäre ein Nein ein kleineres Ärgernis als das lange Warten gewesen.

Irritierend ist auch, dass man sich in Senegal selten bedankt. Hat einem ein Freund einen Dienst erwiesen und man bedankt sich, entgegnet der Freund: «Aber wir sind doch zusammen!» Will heissen: Das ist doch selbstverständlich. Ein Dank stellt die Freundschaft infrage, errichtet Distanz. Zudem wird mit einem Dankeschön die Schuld beglichen, man ist dann quitt. Das ist für Schweizer wichtig, man steht nicht gerne in der Schuld von jemandem. In Senegal ist es umgekehrt. Es ist gut, wenn einem Leute etwas schulden; man weiss dann, dass sie einem in der Stunde der Not die Hilfe nicht verwehren können. Das Ideal ist nicht Autonomie, sondern, in ein Netz von Verbindlichkeiten, Schulden, offenen Rechnungen und gegenseitigen Verpflichtungen eingebunden zu sein. So fühlt man sich sicher. Zudem kann man sich durch Hilfe gegenüber Armen Punkte im Himmel holen. Durch einen Dank macht der Empfänger das Geschenk zum Tausch: Almosen gegen Dankbarkeit. Bettler segnen deshalb den Geber, aber bedanken sich nicht. Sie würden sonst dem Lohn Gottes zuvorkommen.

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