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Warum aus mir eher ein Kalif als ein Kalligraf geworden wäre

Die Handschrift geht uns allmählich verloren. Das ist ein Jammer, weil mehr als das schöne Schreiben auf der Strecke bleibt.

Hier liegt das Schreibwerkzeug, aber wer weiss es noch zu bedienen? Ein Kundenarbeitsplatz in der Schweizerischen Nationalbank.

Hier liegt das Schreibwerkzeug, aber wer weiss es noch zu bedienen? Ein Kundenarbeitsplatz in der Schweizerischen Nationalbank.

Karin Hofer / NZZ

Die Hand des Vaters, die sich immer erst den Respekt des Papiers verschaffen musste. Nur wenn sie richtig lag, wenn sie Platz hatte für ihre grossen Schleifen und dynamischen Striche, konnte sie loslegen: «Mein Sohn war krank gewesen.» Unterschrift: Der Vater dessen, der sich in der Schule mühte, eines Tages eine Schrift zu haben wie er. Der Sohn musste scheitern. Nie würde sich bei ihm das grosse F auf dem Blatt aufpflanzen wie eine Kriegsstandarte. Als wehende Fahne, die dem tänzelnden Fussvolk der Buchstaben die Richtung wies. Vorwärts, mir nach!

Auf dem Feld der Schrift waren wir nur die Nachhut. Wir, die wir unser Studium schon mit Computern abgeschlossen haben und kapitulieren mussten vor dem Können der Eltern oder Grosseltern. Vor den Briefschreibern in der Familie, die auf Luftpostpapier quer durch die Welt korrespondierten und dabei niemals von der Zeile abkamen. Eher wäre aus mir ein Kalif geworden als ein grosser Kalligraf, aber heute ist alles noch viel schlimmer. Die ordentliche Handschrift stirbt aus.

Verbindung von Körper und Geist

In schöner Regelmässigkeit schlagen Pädagogenverbände ihre Schreibhände über dem Kopf zusammen, weil immer weniger Kinder richtig schreiben lernen. Es gibt die «Siegener Erklärung zur Schrift in der Schule», die unmissverständlich fordert: «Jedes Kind muss eine verbundene Handschrift lernen!» Die Leute aus Siegen zeichnen einerseits ein düsteres Bild der Lage und verweisen andererseits auf die Verdienste des Schreibens mit der Hand.

Nach allem, was wir wissen, bringt ein gut geführter Schreibstift Körper und Geist auf optimale Weise zusammen. Die Schrift wird zur Signatur des Körpers, und der Geist beginnt mit den Wellen und Schlingen der Buchstaben zu schwingen. Das fördert die Konzentration und hält das Geschriebene länger im Gedächtnis. «Handschrift ist Hirnschrift», sagt die Graphologin Rosemarie Gosemärker der «Zeit» in einem Interview. Längst hat sich das Gehirn für seine Produkte andere Werkzeuge gesucht. Wer wie die jüngste Generation mit Tastaturen aufwächst und Herz und Hirn nur noch über Whatsapp sprechen lässt, der erleidet womöglich Deformationen, die man heute noch gar nicht abschätzen kann. Konzentrationsfördernd jedenfalls sind diese Dinge nicht.

Beim Schreiben mit der Hand sind wir alles selbst. Unser Inneres verlängert sich über die Muskeln nach aussen. Die Beherrschung der Gedanken wäre ohne die Beherrschung des Körpers nichts. Wir würden den anderen so unleserlich bleiben wie womöglich auch uns selbst. Und wo uns der andere lesen kann, da liest er uns ganz. Die Gabelungen, Haken und Wölbungen in der Schrift, die «grafischen Tatbestände», wie die Daktyloskopie das nennt. Beim Schreiben mit der Hand sind wir der Überbringer unserer Botschaft, aber wir sind auch Überführte. Wir verraten uns.

Über die «Handschrift als Tatschrift» informiert das deutsche Bundeskriminalamt auf einer eigenen Webseite und zeigt dort die dunkle Seite des Schreibens. 40 000 Dokumente umfasst das Archiv, das nicht nur hierzulande gebräuchliche Schriften berücksichtigt, sondern auch die des internationalen Verbrechens. Es ist ein weites Feld. Die Beamten des BKA müssen mitunter persönlichkeitsspezifische Abweichungen von den offiziellen Schulschriften ferner ausländischer Provinzen erkennen können, um verbrecherische «Urheberschaftszusammenhänge» aufzudecken.

Eine Renaissance der Handschrift?

Die wichtigsten Dinge, schreibt der Philosoph Lichtenberg, werden durch Röhren getan. Als Beispiele nennt er die menschlichen Zeugungsgeräte, das Schiessgewehr und die Schreibfeder. Lässt man die martialisch-männlichen Röhren beiseite, bleibt wenigstens noch die im Grunde friedliche Schreibfeder. Man hat Diktatoren ihre Dekrete unterschreiben sehen, aber öfter sieht man Dichter an ihren Arbeitstischen. Dort tun sie so, als würden sie gerade an einem grossen Werk arbeiten. Von Peter Handke oder Alexander Kluge gibt es ergreifende Bilder handschriftlicher Produktivität. Sie sind umso ergreifender, als unsereins heute nicht einmal mehr auf die Idee käme, Briefe mit der Hand zu schreiben. Ganze Werke also? Der Vorteil der Handschrift: Sie ist nicht schneller als unser Denken. Und die Gedanken müssen sich Zeit lassen, um nicht ein Fall für die Korrekturwerkzeuge zu werden.

Der geübte Schreiber schreibt so, wie er denken kann, und wir wären geübter im Denken, wenn wir mehr schrieben. Ist das eine Utopie? Vielleicht. Vielleicht erlebt das Handschriftliche aber auch eine Renaissance. Als Premiumsegment des Mediums Schrift. So wie die Leute heute wieder Filterkaffee kochen oder ihre Schallplatten entstauben. Nirgendwo ist es leichter, die anderen im Anderssein zu übertrumpfen, als in der Schrift. Und wenn wir den Stift wieder öfter zur Hand nehmen, dann kann es sein, dass wir aufschliessen ins grosse Bleistiftgebiet derer, die vor uns schon dies oder jenes gedacht haben. Der letzte Gedanke, das letzte Wort des Dichters Heinrich Heine war «Bleistift!». Aber es war zu spät, um noch irgendetwas umzuschreiben.

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