Switzerland

Verzeihen, um selber zu genesen

Der Hammer kam mit Verzögerung und nahm keine Rücksicht. Zweieinhalb Jahre nachdem eine betrunkene junge Frau das Leben des damals 23-Jährigen beinahe auslöschte, wurde es im Kopf von Kevin Lötscher so richtig dunkel. Der schwierige Schritt des endgültigen Rücktritts als Eishockeyprofi löste beim Walliser eine tiefe Depression aus. Wie soll es weitergehen? Was ist in Zukunft mein Antrieb? Wo liegt der Sinn des Lebens? Lötscher benötigte Zeit, professionelle Hilfe und die bedingungslose Unterstützung der Familie, um wieder zu jenem Menschen mit sonnigem Gemüt und positiver Ausstrahlung zu werden, der er war. Und er musste akzeptieren, dass der Unfall für immer Teil seines Lebens sein wird.

Der Unfall vier Tage nach dem sportlichen Höhepunkt

Das Unglück traf Kevin Lötscher im Mai 2011 unvermittelt auf dem Höhepunkt seines sportlichen Schaffens. Nur vier Tage nach einem beeindruckenden Auftritt im Trikot der Schweizer Nationalmannschaft, nach zwei Toren und internationalen Lobgesängen im WM-Duell mit den USA, schlug das Schicksal zu. Die 19-jährige Cloé fuhr ihn am Steuer eines 400 PS starken SUV’s, mit 1,5 Promille Alkohol im Blut und mit massiv überhöhter Geschwindigkeit in einem Kreisel in Siders an. Lötschers Körper flog gut 30 Meter durch die Luft. Mit einem Schädel-Hirn-Trauma wurde er ins Spital eingeliefert. Neun Tage behielten ihn die Ärzte im künstlichen Koma. Als der 23-Jährige aufwachte, musste er die allermeisten Dinge von Grund auf neu lernen: Sprechen, Zähneputzen, Schuhe binden, Gehen.

Doch etwas war für Kevin Lötscher, der keinerlei Erinnerungen mehr an den Unfall, die Tage zuvor und seinen Glanzauftritt gegen die USA hatte, schnell klar. Er wollte wieder zurück aufs Eis. Anknüpfen, wo er als Stürmer nach 325 Partien in der Nationalliga stand – an vorderster Front der verheissungsvollen Schweizer Sporttalente.

Fürs Hadern mit dem Schicksal blieb keine Zeit. «Es gab stets ein neues Ziel, das ich mir setzen konnte und das ich dann auch erreichte», sagt Lötscher heute, «irgendwie ging es zuerst immer aufwärts». Selbst wenn sich der Beginn der Rehabilitation brutal anfühlte. Nach einer Viertelstunde Therapie schlief der Walliser aufgrund der Anstrengung anschliessend den ganzen Tag lang. Bis heute bleiben die Konzentrationsfähigkeit und die Reaktionsschnelligkeit beeinträchtigt.

Wie beeindruckend Kevin Lötschers 30-monatiger Kampf ums Comeback, das ihn bis zurück zum EHC Biel führte, auch war. Es funktionierte mit diesem Handicap schlicht nicht mehr. Sein Hirn reagierte für Eishockey zu langsam. Auf die Erkenntnis und den Rücktritt mit 25 Jahren im Februar 2014 folgte die brutale Leere. Die Heirat mit Conny und die Geburt seiner zwei Söhne – «das Beste, was mir im Leben passierte» – gaben dem Leben wieder Sinn. Ebenso eine Ausbildung zum Ernährungsberater. «Ich begann mir wieder Ziele zu setzen, anstatt zu hadern», sagt Lötscher.

Besonders wichtig in diesem Prozess war die Fähigkeit, einen Schlussstrich zu ziehen. «Das hat viel mit Vergebung und Versöhnung zu tun», erklärt der Walliser. Dass er sich mit der damaligen Unfallfahrerin traf und ihr verzieh, sei Teil des eigenen Heilungsprozesses gewesen. «Ich wollte abschliessen, denn so lange ich nicht vergeben kann, trage ich Hass in mir», erklärt er. Er habe jahrelang alles versucht, «dass es besser wird. Heute kann ich sagen: es ist gut so, wie es ist. Ich bin ein sehr zufriedener Mensch».

Eishockey steht für Kevin Lötscher nicht mehr oben auf der Prioritätenliste. In dieser Saison hat er erst ein Spiel gesehen – als Kommentator für Radio Fribourg. Im Mittelpunkt stehen heute seine zwei Kinder und der Einsatz als Unternehmer und Referent in der eigenen Firma Sorgha GmbH. Mit den Auftritten will er Menschen auf dem Weg zum persönlichen Erfolg helfen. Sein Motto lautet: «Verschwende keine Energie, um Dinge zu verändern, die du nicht beeinflussen kannst. Verändere was du kannst!» Klar gebe es auch bei ihm Tage, an denen es nicht einfach sei. «Aber heute gelingt es mir, positiv und cool zu bleiben». Beinahe so wie früher als Goalgetter vor dem gegnerischen Tor.

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