Switzerland

Vater wehrte sich gegen «Entfremdung» von seinem Sohn

Gesprächig ist der 37-jährige Schweizer vor dem Obergericht nicht gerade. Zur Sache will er sich gar nicht mehr äussern. Immerhin lässt sich aus den Antworten zu seiner Person ein klarer Schluss ziehen: In dieser Angelegenheit, derentwegen er vor Gericht steht, betrachtet er sich als das eigentliche Opfer.

«Höchst strittiges familienrechtliches Verfahren»

Er ist nicht mehr erwerbstätig, weil nicht arbeitsfähig, seit der Sohn «mir gewaltsam entrissen» wurde. Vor dem Bezirksgericht hatte er noch gesagt, er arbeite selbstständig zuhause - «als Pflichtverteidiger meines Sohnes». Er ist in psychiatrischer Behandlung, weil er durch die ganzen Umstände «schwer belastet» ist. Und Schulden, ja, die hat er auch. «Sie steigen mit jeder falschen Beschuldigung, die zu einem Strafverfahren gegen mich führt.»

Was sind die Fakten? Die Frau hatte ihn kurz nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes verlassen. Seither läuft, was seine Verteidigerin «ein höchst strittiges familienrechtliches Verfahren» nennt. Es geht im Wesentlichen um Obhutsfragen, Besuchsrechte, elterliche Sorge.

Polizeinotruf alarmiert

Fakt sind seine Briefe - an die Kesb, an den Bezirksrat, ans Verwaltungsgericht. In diesen ist die Rede von «massiver Gewalt gegenüber dem Kind und dem Kindsvater», von «Kindsmisshandlung und Kindsmissbrauch». Schuld an dieser «Kindswohlgefährdung»: die Kindsmutter.

Fakt ist auch, dass er zwischen Anfang Dezember 2018 und Ende Januar 2019 mehrfach der Einsatzzentrale der Kantonspolizei sowie weiteren Polizeibeamten telefonierte und seine Ex-Partnerin, wie es in der Anklage heisst, «sinngemäss für den psychischen Missbrauch und Misshandlung des gemeinsamen Sohnes verantwortlich» machte. Tatsächlich rückte die Polizei auch mehrfach an den Wohnort der Frau aus.

Kontakt- und Rayonverbot missachtet

Schliesslich wurde dem Mann vorgeworfen, er habe während etwa eineinhalb Jahren bis zu zwanzig Mal pro Monat der Frau abgepasst, wenn sie mit dem Sohn spazieren oder auf den Spielplatz ging, oder er habe sich in der Nähe ihres Wohnorts aufgehalten. Davon habe er sich auch nicht abbringen lassen, nachdem er ein Rayon- und Kontaktverbot erhalten habe.

Das zuständige Bezirksgericht verurteilte ihn wegen mehrfacher falscher Anschuldigung und mehrfachen falschen Alarms, wegen Nötigung (Stalking) und Missachtung des Kontaktverbots (Ungehorsam gegen amtliche Verfügung) und bestrafte ihn mit einer Bewährungssttrafe von neun Monaten.

Frau führte ein Stalking-Tagebuch

Vor dem Obergericht verlangte seine Verteidigerin im Wesentlichen einen Freispruch. Der 37-Jährige habe seiner Ex-Partnerin nie vorgeworfen, den Sohn körperlich misshandelt zu haben. Er habe psychische Gewalt gemeint. Und die Entfremdung zwischen Vater und Sohn, die die Mutter betreibe, sei eine Form von psychischer Gewalt. Auch von falschem Alarm könne keine Rede sein. Er sein von der zuständigen Kesb nicht ernst genommen und von dieser an die Polizei «abgeschoben» worden.

Keinen Glauben schenkte die Verteidigerin dem Stalking-Tagebuch, das die Frau offenbar führte. Die Mutter habe alles unternommen, um ihren Ex-Partner als «gefährlichen Stalker» hinzustellen. Ihr Motiv sei klar: Sie wolle aus seiner angeblichen Gefährlichkeit Profit schlagen für die familienrechtliche Auseinandersetzung. Sie habe erreicht, dass der Mann bei den Behörden als «Querulant» betrachtet werde.

Bedingte Geld- statt Freiheitsstrafe

Das Obergericht bestätigte die Verurteilung wegen falscher Anschuldigung, falschem Alarm und Missachtung des Kontaktverbots. Seine Briefe hätten einen «durchaus dramatischen Charakter» gehabt und gravierende Vorwürfe enthalten, die polizeiliches Handeln notwendig gemacht hätten. Sinngemäss habe man aus diesen tatsächlich den Vorwurf herauslesen können, dass gegenüber dem Kind körperliche Gewalt ausgeübt werde.

Vom Stalking-Vorwurf (Nötigung) wurde der Mann hingegegen freigesprochen. Zwischen dem Inhalt der Anklageschrift und dem Inhalt des Stalking-Tagebuchs gäbe es eine Diskrepanz. Häufigkeit und Intensität der angeblichen Handlungen präsentierten sich unterschiedlich.

An Stelle einer bedingten Freiheitsstrafe von neun Monaten kassierte der 37-Jährige eine bedingte Geldstrafe von 180 Tagessätzen à 30 Franken sowie eine unbedingte Busse von 2000 Franken. Er müsse mit dem Problem «einen zivilisierten Umgang finden», meinte der Gerichtspräsident zum Abschluss. Das wird nötig sein, denn der Strafaufschub wurde mit einer Probezeit von vier Jahren versehen.