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Tao Geoghegan Hart ist ein zäher Bursche. Er hat den Ärmelkanal durchschwommen – und ist nun der überraschende Sieger des Giro d'Italia

Der 25-jährige Brite kam als Helfer an die Italien-Rundfahrt, fand aber schnell Gefallen an der Rolle des Captains. Sein Chef bezeichnete ihn schon vor einiger Zeit als «das nächste grosse Ding in meinem Team».

Mit Radsport hatte der Giro-Sieger Tao Geoghegan Hart lange nichts am Hut. Er war Goalie im Fussball und wurde danach Schwimmer.

Mit Radsport hatte der Giro-Sieger Tao Geoghegan Hart lange nichts am Hut. Er war Goalie im Fussball und wurde danach Schwimmer.

Fabio Ferrari / AP

Tao Geoghegan Hart hat alle überrascht, sogar sich selbst. «Nicht in meinen wildesten Träumen hätte ich mir vor drei Wochen in Sizilien vorstellen können, den Giro zu gewinnen. Ich dachte bestenfalls daran, bei so einem Rennen in die Top 5 zu kommen. Das jetzt ist etwas völlig anderes», sagte der neue Sieger des Giro d'Italia am Sonntag in Mailand.

Tao Geoghegan Hart ist ein ungewöhnlicher Giro-Sieger. Er wurde erst nach der allerletzten Etappe zum ersten Mal ins rosafarbene Trikot gekleidet. So etwas gab es an der Italien-Rundfahrt bisher nicht. Der gebürtige Londoner mit schottischen und irischen Wurzeln kam auch nicht als Captain zum Giro. Seine Rolle war, für den potenziellen Leader Geraint Thomas zu arbeiten. Das passte perfekt in den langen Aufbauplan, den der Teamchef David Brailsford für seinen Landsmann entwickelt hatte. Er bezeichnete Geoghegan Hart früh als «das nächste grosse Ding» in seinem Rennstall. Der heute 25-Jährige war in der Junioren-Kategorie Dritter bei Paris–Roubaix, zwei Mal Dritter bei der U-23-Ausgabe von Lüttich–Bastogne–Lüttich – und stets kam er gut über die Berge. Britische Radsportjournalisten schnalzten schon damals mit der Zunge, wenn die Rede auf den Burschen mit dem unaussprechlich scheinenden Namen kam. «Tao bedeutet Tom auf Irisch, das ist der Vorname meines Vaters», erklärt Geoghegan (gesprochen «Gay-gan») Hart. Geoghegan ist ein irischer Familienname.

Beinahe verschwunden

Taos Vater, also Tom, ist kein Politiker, sondern Bauarbeiter. «Er schuftet oft 16 Stunden am Tag. Wenn er arbeiten kann, kann ich das auch», meinte er ganz simpel im Jahre 2017 in einem Interview. Da war er gerade von Axel Merckx' Axeon-Hagens-Berman-Team – dem gleichen, das auch die andere Giro-Überraschung, João Almeida, herausbrachte – zum Team Sky gewechselt. Die Erinnerung an prosaisches Tagwerk mochte ihm auch darüber hinweggeholfen haben, dass es beim Team Ineos zuletzt für ihn nicht so recht lief. Er drohte im Schatten der ähnlich talentierten Egan Bernal, Ivan Sosa und Pavel Siwakow zu verschwinden. Allerdings konnte Geoghegan Hart auch sicher sein, dass der Chef Brailsford langfristige Pläne für ihn bereithält. Denn das Team soll britisch bleiben, einen britischen Fahrerkern haben. Daher holte Brailsford auch Adam Yates – mit Geoghegan Hart hat er den nächsten britischen Grand-Tour-Sieger aber schon eine Saison früher als erwartet.

Mit Radsport hatte der junge Held lange nichts am Hut. Er war Goalie im Fussball, wurde danach Schwimmer. Mit 13 Jahren nahm er sogar an einem Staffelwettbewerb durch den Ärmelkanal teil. «Das hat mir gezeigt, dass man auch draussen schwimmen kann. Das Schwimmen in der Halle wurde danach fad für mich», erzählte er später.

Auf einen anderen Outdoor-Sport war er kurz zuvor beim Grand Départ der Tour de France in London gestossen. Und endgültig fing er Feuer für den Radsport, als 2010 das Team Sky in London präsentiert wurde. Kurioserweise sei sein erstes Rennrad ein Damenrad gewesen, sagte er in einem früheren Interview. Und in seinem ersten Rennen, dem Hog Hill Criterium 2009 in London, sei er Vorletzter geworden, gab er zu.

Kein sehr beeindruckender Start also. Ernsthaftes Training begann Geoghegan Hart dann mit seinem Kumpel Alex Peters. Sie trieben sich dabei gegenseitig so an, dass Geoghegan Hart einmal in ein Auto krachte und Peters über den Lenker flog. «Um Hilfe zu holen, mussten wir am nächsten Haus klingeln, wir hatten nicht einmal Kleingeld für ein Münztelefon», erzählte der Giro-Sieger bereits 2013 der Radsport-Website Cyclist.co.uk. Mindestens so lange schon gibt es zumindest in Fachkreisen Interesse an dem Burschen. Aus dem Frühjahr 2013 datiert auch sein Podestplatz bei dem Juniorenrennen auf dem Pflaster von Roubaix.

Zusammen mit Peters schaffte er es schliesslich zum Team Sky. Dann aber trennten sich die Wege. Peters verliess Sky 2016 und ist jetzt bei unterklassigen Rennställen unterwegs. Geoghegan Hart hingegen erbat sich von Brailsford eine Auszeit und legte noch eine Runde im U-23-Rennbetrieb ein.

«Er hätte damals gleich zu Team Sky gehen können. Aber er blieb noch ein Jahr bei uns», schrieb sein alter Mentor Axel Merckx im Londoner «Guardian» einen Tag nach Geoghegan Harts Giro-Sieg. «Er fragte mich damals, was er tun solle. Und ich sagte ihm ganz offen: ‹Klar, das ist eine Riesenchance, und bei Sky kann man schwer Nein sagen. Aber wenn du mich fragst, ist es ein Jahr zu früh. Denn du hast noch nicht bewiesen, dass du ein Leader sein kannst. Wenn du zu einem solchen Team gehst, solltest du es als potenzieller Captain tun›», beschrieb Merckx die damalige Situation. Geoghegan Hart blieb. Und holte erste Siege.

Mit trockenem Humor

Den Umschwung beim Giro brachte für Geoghegan Hart übrigens auch so ein Kumpelding, ein wenig wie in jener Zeit mit Peters. «Nach dem Ausscheiden von Geraint Thomas waren wir alle etwas niedergeschlagen. Dann holte Filippo Ganna aber den Etappensieg in den Bergen, und jeder von uns dachte: ‹Was für eine tolle Leistung!› Und das inspirierte uns alle», erzählte der Teammanager David Brailsford am Schlusstag des Giro in Mailand. «Wer es an einem Tag nicht selbst in die Fluchtgruppe schaffte, blieb bei Tao. Und ich denke, das gefiel ihm. Er wuchs so in die Rolle. Wir übten keinen Druck auf ihn aus, er wurde einfach jeden Tag besser und besser», erklärte Brailsford die Dynamik. Eine Mischung aus Glück und Zutrauen, verbunden mit Kraft und Arbeitseifer, führte zum überraschenden Erfolg am Sonntag.

Dass sich Geoghegan Hart bei all den turbulenten Ereignissen noch seinen trockenen Humor bewahrt hat, bewies der Giro-Sieger am Sonntag. «Jetzt bin ich endlich einmal nicht der zweitbeste Radsportler im Hause», sagte er. Seine Freundin Hannah Barnes wurde 2018 Weltmeisterin im Teamzeitfahren. Zum Regenbogentrikot kommt im Hause Geoghegan Hart-Barnes nun also auch die Maglia rosa. Vielleicht legt Dave Brailsford bei seinen Planungen zur Britishness des Teams Ineos bald eine Voranmeldung für künftige Kinder dieses Paars vor.

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