Switzerland

Stille Tage in Bern: Der SCB zittert weiter um die Playoff-Teilnahme

Stell dir vor, es ist Eishockey in Bern und niemand geht hin. Ein paar Buben spielen auf dem offenen Eisfeld vor dem Hockey-Tempel. Ein friedlicher, beinahe gespenstisch ruhiger Abend. Dabei wird der SCB in einer Viertelstunde gegen Gottéron um die zweitletzte Playoff-Chance spielen.

Ein Geisterspiel also. In Zusammenarbeit mit den Behörden hat die Liga festgelegt, wer doch ins Stadion darf. Die Spieler, die Betreuer, die für den Ablauf des Spiels notwendigen Funktionäre, die Chronistinnen und Chronisten, die Angestellten der SCB Eishockey AG plus die für den minimalen Beizenbetrieb notwendigen Fachkräfte der Gastro AG. So kommt es, dass auch das übliche Rahmenprogramm (Auszeichnung der besten Spieler) entfällt – die Sponsorenvertreter dürfen ja auch nicht ins Stadion. Nur eine handverlesene Schar wird Zeuge eines seltsamen Spektakels. Hochstehendes, intensives Eishockey. Die Berner dominieren (38:19 Torschüsse), finden aber erst mit dem ersten Angriff in der Verlängerung einen Weg, um einen Reto Berra in Weltklasse-Form zu überwinden.

Marc Lüthi sorgt für TV-Übertragung

Es ist ein seltsames Spiel, das an den Klassiker «Stille Tage in Clichy» mahnt. «Stille Tage in Bern» ist sozusagen der Gegenentwurf des Klassikers von Henry Miller. Der Amerikaner beschreibt wilde, frivole Tage in Paris, der Roman trägt mit zu seinem Ruf bei, er sei einer der unmoralischsten Autoren des 20. Jahrhunderts gewesen. «Stille Tage in Bern» ist hingegen ein Tatsachenbericht über einen wahrlich stillen Tag. Es ist so ruhig im Stadion, dass die Zurufe der Spieler gut zu hören sind. Lautstark dirigiert Berns Torhüter Kari Jarhunen seine Vorderleute. Aber eben: ohne den gleissenden Mantel der Emotionen tendiert der Erlebniswert des Spektakels gegen Null. Trainer Hans Kossmann hat recht, wenn er sagt, seine Männer hätten alles gegeben. «Aber wir haben einfach keinen Weg gefunden, um Reto Berra zu überwinden.» Dass es ein Spiel ohne Publikum war, habe er eigentlich gar nicht realisiert: «Ich bin auf der Bank so auf das Spiel konzentriert, dass ich das Publikum nicht wahrnehme.»

Marc Lüthi war es ein Anliegen, dass die SCB-Fans die Partie gratis am TV verfolgen können. Also hat er dem TV-Rechtehalter UPC («MySports») die Lizenz für diese Partie abgekauft und Blick-TV verkauft. So war es möglich, das Spiel gratis bei Blick-TV zu sehen. Wieviel er in diesen Handel investiert hat, mochte er nicht verraten. Gewöhnlich setzt der SCB zwei Personen ein, um das Spiel laufend über die eigenen Kommunikationskanäle (SCB-Homepage, Twitter, Instagram) zu verbreiten. Für dieses Geisterspiel ist der Personalbestand verdoppelt worden. Es war zwar Eishockey und niemand ging hin – aber die Aussenwelt ist eingehend über das Geschehen informiert worden.

Zurückhaltender Berner Jubel

Der 1:0-Sieg hält die Playoff-Hoffnungen am Leben (so es denn Playoffs geben wird): Vor dem letzten Spiel heute Abend in Lausanne hat der SCB einen Punkt Rückstand auf Lugano. Gewinnt Lugano seine letzte Partie gegen Ambri, dann ist die Entscheidung gefallen. Der SCB schafft die Playoffs wegen der schlechteren Bilanz in den Direktbegegnungen nur noch, wenn er einen Punkt mehr holt als Lugano. Gottéron hingegen genügt der eine Punkt nach 60 Minuten für die Playoffs. So kommt es, dass auf der Spielerbank der Gäste nach 60 Minuten gejubelt wird.

Die Berner bejubeln ihren Siegestreffer eher zurückhaltend. Die Aufarbeitung dieser missglückten Saison steht an. Unabhängig davon, ob der SCB heute die Playoffs doch noch schafft oder nicht. Es dürfte in den SCB-Büros in den nächsten Tagen hin und wieder lauter werden als während dieses Geisterspiels. Wir stehen vor den «unruhigen Tagen von Bern.»