Switzerland

Staatsanleihen werden zur Mangelware

In der Schweiz und der Euro-Zone ist das Volumen der Netto-Neuemissionen in diesem Jahr negativ. Welche Folgen hat das für den Kapitalmarkt?

Schweizer Staatsanleihen schrumpfen seit Jahren.

Schweizer Staatsanleihen schrumpfen seit Jahren.

Edi Engeler  / Keystone

Für das neue Jahr planen die Schuldenmanager der Schweiz, Anleihen mit einem Volumen von 2,5 Mrd. Fr. zu emittieren – das sind 500 Mio. Fr. mehr als im vergangenen Jahr. Trotzdem schrumpft das Volumen ausstehender Eidgenossen um 2,1 Mrd. Fr. Das ist darauf zurückzuführen, dass im Juli eine Anleihe im Umfang von 4,6 Mrd. Fr. fällig wird. In der ganzen entwickelten Welt werden Staatsanleihen knapper. Anleger müssen sich nach Alternativen umschauen.

Liquidität nimmt ab

Die Investoren am Schweizer Kapitalmarkt sind an die schrumpfenden Volumen bei Schweizer Staatsanleihen seit Jahren gewöhnt. Benchmark-Anleihen mit sehr grossen Volumen gibt es fast nicht mehr. Die Liquidität sei damit zwar zurückgegangen, trotzdem funktioniere der Markt nach wie vor gut, sagt Michael Wölfle, Leiter Debt Capital Markets bei der Zürcher Kantonalbank. Kaufinteressenten und auch Verkäufer finden auch in diesem Umfeld ohne Probleme einen Gegenpart.

Auch vonseiten der öffentlichrechtlichen Körperschaften wie Städten und Kantonen wurde der Rückgang bei den «Eidgenossen» in den vergangenen Jahren nicht kompensiert. Diese Emittenten sind aufgrund ihrer sehr guten Kreditqualität ein beliebter Ersatz für Staatsanleihen. Doch diese waren mit Transaktionen sehr zurückhaltend. Als Substitut für Eidgenossen haben in den vergangenen Jahren Pfandbriefe an Bedeutung gewonnen. Die Pfandbriefbank ist im vergangenen Jahr an die Spitze der grössten Inlandschuldner gerückt und hat mit einem ausstehenden Volumen von 68,8 Mrd. Fr. die Eidgenossenschaft abgelöst, die sich nun auf dem zweiten Platz befindet. Genau wie Staatsanleihen werden Pfandbriefe mit dem Spitzen-Rating «AAA» eingestuft. Hinzu kommt, dass regelmässig neue Titel emittiert werden und sie daher eine sehr hohe Liquidität aufweisen. Sollte der Pfandbriefmarkt aber eines Tages aufgrund von Verwerfungen am Immobilienmarkt ins Stocken geraten, könnte dies Anleger, gemäss Kapitalmarkt-Experte Wölfle, in eine schwierige Situation bringen.

EZB räumt den Markt leer

Auch im Euro-Währungsraum stehen Investoren in diesem Jahr weniger neue Staatsanleihen zur Verfügung. Das erwartete Brutto-Emissionsvolumen im Euro-Währungsraum liegt in diesem Jahr bei 870 Mrd. €, das ist etwas mehr als im vergangenen Jahr. Gleichzeitig werden Zinstitel im Umfang von 690 Mrd. € fällig. Netto ergibt sich daraus ein Plus von 180 Mrd. € für das Gesamtjahr. Das ist also ein leichtes Wachstum gegenüber 2019. Doch die Anleihekäufe der EZB führen dazu, dass das Netto-Angebot negativ sein wird. Das Minus wird rund 80 Mrd. € betragen.

Immer weniger «Eidgenossen»

Emissionstätigkeit Bundestresorerie, in Fr. (in Milliarden)

Nettoemissionen (Bruttoemissionen abzüglich Fälligkeiten)

199920002001200220032004200520062007200820092010201120122013201420152016201720182019–50510

Die EZB hat ihr Anleihekaufprogramm im vergangenen Jahr neu aufgelegt. Bis Ende Oktober 2019 wurden nur die fällig werdenden Titel reinvestiert. Seit November werden aber wieder Bruttokäufe mit einem Volumen von 20 Mrd. € pro Monat getätigt. Davon werden 15% in Unternehmensanleihen, 10% in Covered Bonds und 75% in EU-Staatsanleihen investiert – das entspricht einer monatlichen Investitionssumme von 15 Mrd. €. Diese Käufe werden das Volumen der neu emittierten Staatsanleihen aus der Euro-Zone übersteigen und die Knappheit dieser beliebten Obligationen noch verstärken.

Anleihen mit hohen Volumen laufen aus

Marktteilnehmer haben immer ein Auge auf die anstehenden Fälligkeiten am Kapitalmarkt. Werden die auslaufenden Anleihen vollständig refinanziert, können sich Investoren auf Neuemissionen und somit neue Anlagechancen einstellen. In diesem Jahr werden in den grössten Volkswirtschaften weltweit Anleihen mit einem Volumen von 8,7 Bio. $ zur Rückzahlung fällig. Das sind etwas mehr als im vergangenen Jahr, laut Angaben des Anbieters von Finanzmarktdaten Bloomberg. Den grössten Refinanzierungsbedarf haben die USA, auf deren Schuldenmanager Fälligkeiten im Umfang von fast 5 Bio. $ zukommen. Auf den Plätzen zwei und drei folgen Japan und China, die mit Fälligkeiten in Höhe von 1,92 Bio $ und 351 Mrd. $ weit hinter den USA zurückliegen.

Auf die erwarteten Neuemissionen treffen Anleger mit hohen Liquiditätsbeständen, die 2020 investiert werden wollen. Anleger müssen sich aber hintenanstellen. Die Anleihekäufe der US-Notenbank Fed und der Europäischen Zentralbank werden das weltweite Angebot neuer Staatsanleihen um 40% reduzieren. Privaten Investoren wird nach den Käufen der Zentralbanken deutlich weniger zur Verfügung stehen – laut Bloomberg ist das Niveau auf dem niedrigsten Wert seit 2017. Trotz den enormen Volumen fällig werdender Obligationen prognostizieren Marktbeobachter aus diesen Gründen eine Knappheit an den internationalen Kapitalmärkten.

Anleger haben sich bereits darauf eingestellt, dass die Nachfrage nach EU-Staatsanleihen in diesem Jahr leicht höher sein wird als das Angebot. Diese Situation werde die Zinsen 2020 aus technischer Sicht stützen, sagt Uwe Pyde, Leiter Portfoliomanagement Anleihen bei der Bantleon Bank.

Die Nachfrage nach Staatsanleihen wird laut Ökonomen auch in den kommenden Jahren das Angebot übersteigen. Wenn man davon ausgeht, dass die Notenbanken Obligationen mit einem Volumen von jährlich 255 Mrd. $ kaufen werden – sollte es zu einer Rezession kommen, könnte das Volumen sogar bis auf 1 Bio. $ steigen –, ist ein Nachfrageüberhang programmiert.

Konjunkturdaten sind wichtiger

Das gesamte Volumen ausstehender Euro-Staatsanleihen liegt bei knapp 7 Bio. € Marktwert. Ein Rückgang der Netto-Neuemissionen von 80 Mrd. € falle daher nicht sehr stark ins Gewicht, meint Kapitalmarkt-Experte Pyde. Der US-Markt für Staatsanleihen ist sogar noch um ein Vielfaches grösser. Staatsanleihen machen an den 115 Bio. $ schweren internationalen Kapitalmärkten etwas weniger als die Hälfte der ausstehenden Bonds aus. Für die Entwicklung der Renditen wären derzeit geopolitische Ereignisse und auch Fundamentaldaten zur Konjunkturentwicklung deutlich wichtiger, ergänzt Pyde.

Im vergangenen Jahr ist das Zinsniveau für Staatsanleihen erneut deutlich gesunken. US-Treasuries werden aufgrund ihrer positiven Rendite für Anleger attraktiv bleiben. In einem Umfeld, in dem Bonds im Umfang von mehr als 11 Bio. $ mit einem negativen Vorzeichen gehandelt werden, ist auch eine Rendite von 1,7% – für Treasuries mit zehn Jahren Laufzeit – höchst willkommen. Die grossen Volumen an fällig werdenden Obligationen und der daraus entstehende Investitionsbedarf könnte im Umfeld negativer Zinsen zu Umschichtungen führen. So erwarten Marktbeobachter, dass Anleger japanische Bonds mit positiven Coupons, die in diesem Jahr fällig werden, eher nicht durch Titel mit negativer Verzinsung ersetzen, sondern sich Alternativen beispielsweise am US-Obligationenmarkt suchen werden.