Switzerland

Srebrenica-Zeugin: «Sie holten Knaben, alte Männer und junge Frauen aus unserem Bus»

Im bosnischen Srebrenica fand vor 25 Jahren das schlimmste Massaker in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg statt: Was macht das mit einer Familie? Ein Gespräch mit einer Frau, die den Schrecken erlebte und dann in die Schweiz flüchtete.

«Ich kannte als Kind nichts anderes. Krieg war normal», sagt Emina Muminovic.

«Ich kannte als Kind nichts anderes. Krieg war normal», sagt Emina Muminovic.

Karin Hofer / NZZ

«Wir treffen uns in Tuzla!» Mit diesem Versprechen verabschiedet sich der Vater von seiner Familie und begibt sich in die umliegenden Wälder. Es ist das letzte Mal, dass Emina Muminovic ihn sieht. Blutrot schreibt sich jener 11. Juli 1995 in die Weltgeschichte ein – und er teilt Eminas Leben in ein Davor und ein Danach. Sie ist damals knapp achtjährig und harrt mit ihrer Familie in der Gemeinde Srebrenica aus, umzingelt, ausgehungert und beschossen von serbischen Truppen. Was sich in jenen Tagen am östlichen Rand Bosniens abspielt, lässt sich kaum in Worte fassen. Die Einheiten von General Ratko Mladic wüten im einstigen Bergwerkstädtchen. Ein Zeuge berichtet: «Es ist fürchterlich, was Menschen sich antun können. (. . .) Schusswunden, abgeschnittene Ohren, Vergewaltigungen.» Rund 8000 muslimische Männer und Jugendliche werden zusammengetrieben, ermordet, ihre Leichen mit Bulldozern verscharrt. Und dies in einer «Schutzzone» der Uno. Es ist die schlimmste Massenhinrichtung auf europäischem Boden seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag qualifiziert die Gewaltorgie später als Völkermord.

Ein Vierteljahrhundert danach besuchen wir Emina Muminovic. Die Betriebswirtin, die für eine Schweizer Bank arbeitet, lebt in einer Neubauwohnung in Luzern. In perfekter Mundart erzählt sie ihre Lebensgeschichte, die in einem Dorf namens Konjevic Polje beginnt, knapp 30 Kilometer von Srebrenica entfernt. Als Jugoslawien zerfällt und nach Slowenien und Kroatien auch Bosnien-Herzegowina 1992 seine Unabhängigkeit erklärt, bricht in der Region Krieg aus. Der serbische Präsident Slobodan Milosevic und Radovan Karadzic, der Anführer der serbischen Minderheit in Bosnien, wollen mit allen militärischen Mitteln ein Grossserbien schaffen. Die Folgen: ethnische Säuberungen, Verwüstungen, Tod.

Frau Muminovic, wie kamen Sie nach Srebrenica?

Mein Vater glaubte zunächst, der Krieg sei bald wieder vorbei. Doch nachdem die Moschee neben unserem Haus beschossen worden war, flüchteten er, meine Mutter, mein jüngerer Bruder und ich 1993 nach Srebrenica, wo die Blauhelmsoldaten der Uno stationiert waren. Mein Vater wollte eigentlich in die bosniakisch, also von bosnischen Muslimen kontrollierte Stadt Tuzla. Aber allein dorthin zu kommen, war zu gefährlich. Und in die wenigen Lastwagen, die von Srebrenica nach Tuzla fuhren, wurden so viele Flüchtlinge eingepfercht, dass einige die Überfahrt nicht überlebten. Wir fanden zuerst in der Stadt Srebrenica Unterschlupf, dann in einem Vorort namens Gostilj. Dort wohnten wir in einem ehemaligen Lebensmittelgeschäft zwischen leeren Regalen.

Gab es in diesen zwei Jahren so etwas wie Normalität?

Ich kannte als Kind nichts anderes. Krieg war normal. Wenn keine Granaten fielen, spielten wir draussen. Ich besuchte die Schule, wenn es möglich war. Ich habe auch schöne Erinnerungen an diese Zeit: wie mir mein Vater anhand der Beschriftungen der Uno-Hilfspakete das Abc beibrachte. Oder wie er Kraftübungen machte mit mir auf dem Rücken.

Wie schlugen Sie sich durch?

Elektrizität gab es nicht, und die Serben hatten die Wasserversorgung zerstört. Mein Vater, ein Maschinenbauingenieur, kaufte Ziegen und pflanzte auf einer kleinen Fläche Gemüse an. Alles war knapp, alles musste getauscht werden. Wohl wegen der Mangelernährung fielen uns die Fingernägel aus. Und wir lebten gefährlich: Zweimal schlugen in unmittelbarer Nähe von mir Geschosse ein. Ich hatte viel Glück.

Wie nahmen Sie den Feind wahr?

Meine Eltern sprachen nie von den Serben, sondern immer nur von bösen Menschen, die uns etwas antun und unser Land haben wollten. Aber es gab natürlich Propaganda: Auf meinem Schulweg lag das Haus von Naser Oric, dem Kommandanten der Bosniaken in Srebrenica. Wir Kinder haben dort jeweils ein patriotisches Lied gesungen, in dem Oric dafür gepriesen wurde, dass er über tausend Serben getötet habe.

Naser Oric geniesst bei den bosnischen Muslimen bis heute Heldenstatus, auch wenn ihm Kriegsverbrechen angelastet werden. Einst ein Leibwächter des serbischen Präsidenten Milosevic, wird er später mit seinen miserabel ausgerüsteten bosniakischen Truppen zum Verteidiger Srebrenicas. Er ist es auch, der alle kampffähigen Männer und Jugendlichen der Stadt zur Flucht aufruft, als am 11. Juli 1995 klar wird, dass General Mladics Einheiten die «Schutzzone» stürmen und wohl keine Gefangenen machen werden. Über 10 000 Bosniaken versuchen daraufhin, sich durch die Wälder bis nach Tuzla durchzuschlagen – ein 100-Kilometer-Marsch. Unter ihnen befindet sich auch Eminas Vater, ihr Onkel und ihre Cousins. Die meisten haben keine Waffen, und die wenigsten überleben den Marsch durch die feindlichen Linien. Sie fallen in Gefechten, werden gefangen genommen, gefoltert, exekutiert.

Derweil schliesst sich der Rest von Eminas Familie dem Strom von Frauen, Kindern, Alten und Schwachen an, der sich langsam nach Norden in Richtung Potocari bewegt, wo sich das Hauptquartier der Uno-Blauhelme befindet. Rund 20 000 Personen suchen dort Zuflucht – und merken bald, dass die niederländischen Soldaten bereits kapituliert haben. Die Mitglieder des «Dutchbat» helfen den Serben sogar bei der Selektion der ankommenden Zivilisten: Wer nicht auf einen der Transporte nach Tuzla gelassen wird, dem drohen Erschiessung, Vergewaltigung, Lager. General Mladic macht vor Ort gute Miene zum bösen Spiel, während das serbische Fernsehen filmt: «Passen Sie auf Ihre Kinder auf», ruft er lächelnd den durstigen und vor Angst zitternden Müttern zu, «dass hier keins verloren geht!»

Fühlten Sie sich in Potocari sicher?

In einer Fabrik, in der wir zuerst Unterschlupf gesucht hatten, beobachtete meine Mutter schreckliche Dinge. Was genau, das hat sie mir nie gesagt. Ich erinnere mich, wie die Blauhelme untätig auf einem Rasen sassen. Und ich sah Mladic und seine Soldaten. Die Nacht verbrachten wir in einem Haus gegenüber meiner ehemaligen Schule. Deren Fenster waren voller Blut. Immer wieder fielen Schüsse. Am nächsten Tag konnten wir mit einem der letzten Busse Potocari verlassen.

War das die ersehnte Rettung?

Noch nicht. Immer wieder hielten uns auf dem Weg serbische Soldaten an. Sie holten Knaben, alte Männer und junge Frauen aus unserem Bus. Wir sassen gleich hinter dem Busfahrer, einem serbischen Soldaten, der mit einer Muslimin verheiratet war. Er gab uns Wasser und kam mir wie ein Engel vor. Am Schluss mussten wir noch 15 Kilometer zu Fuss gehen, durch vermintes Gebiet. Dann nahmen uns bosniakische Soldaten in Empfang.

Hatten Sie Bekannte in Tuzla?

Ja, ein Bruder meiner Mutter nahm uns auf. Wir wohnten alle in einem winzigen Zimmer. Etwas später zogen wir in eine Art Garage, ohne Fenster, nur mit Plastikplachen vor Wind und Regen geschützt. Meine Mutter ging in Tuzla jeden Tag zum Roten Kreuz und hoffte auf eine Nachricht meines Vaters. Vergeblich. Aber wir fanden so einen meiner Cousins wieder. Er hatte auf dem Marsch meinen Vater aus den Augen verloren und war danach acht Monate in einem Lager inhaftiert gewesen. Heute lebt er in unserem Heimatdorf in Ostbosnien, ist schwer traumatisiert, geht kaum aus dem Haus. In seiner Nachbarschaft wohnen zwei der Männer, die ihn misshandelt haben.

Aufgeschreckt durch die Massaker in Srebrenica handelt der Westen endlich. Die USA intervenieren militärisch und zwingen die Konfliktparteien an einen Tisch – nach über drei Jahren Krieg mit über zwei Millionen Vertriebenen und mehr als 100 000 Todesopfern. Auf einer Luftwaffenbasis bei Dayton (Ohio) schliessen der serbische Präsident Milosevic, sein bosniakischer Antipode Izetbegovic und der kroatische Staatschef Tudjman ein Friedensabkommen, das im Dezember 1995 in Kraft tritt. Der bosnische Gesamtstaat bleibt erhalten, wird aber in zwei weitgehend selbständige, stark ethnisch segregierte Territorien aufgeteilt: die Bosniakisch-Kroatische Föderation sowie die Republika Srpska. Flüchtlingen und Vertriebenen wird das Recht eingeräumt, an ihre einstigen Wohnorte zurückzukehren.

Für die Familie Muminovic ist das aber keine Option. Gut zwei Jahre nach Kriegsende bietet sich für Emina, ihren Bruder und ihre Mutter die Chance auf ein besseres Leben. Ein Cousin des Vaters, der schon lange in der Westschweiz arbeitet, besucht die Familie im Sommer 1997 und sieht ihre prekäre Lage. Im Herbst holt er sie mit dem Auto ab, fährt via Kroatien und Italien nach Chiasso. Dort werden die Flüchtlinge wegen des Versuchs, illegal über die Grenze zu kommen, mit einem Einreiseverbot belegt. Es hält sie aber nicht davon ab, es an der französisch-schweizerischen Grenze erneut zu versuchen – diesmal erfolgreich. In Genf stellen sie ein Asylgesuch.

Hatten Sie eine Vorstellung, was Sie in der Schweiz erwarten würde?

Wir glaubten, die Schweiz sei das Paradies. Wir kannten ja vor allem die Schokolade, die uns der Cousin des Vaters mitgebracht hatte. Es kam dann aber bald die erste Enttäuschung. Die Mutter wollte unbedingt in die Romandie, sie kannte ausser dem Cousin des Vaters niemanden, konnte die Sprache nicht, hatte zwei Kinder. Wir wurden dann aber in die Deutschschweiz untergebracht, zuerst in einem Heim in Emmenbrücke, dann in Horw in einer Unterkunft der Caritas.

Nach dem Ende des Bosnienkriegs begann die Schweiz rasch, einen Teil der rund 24 000 aufgenommenen Flüchtlinge wieder zurückzuschicken. Sie kamen dann erst an . . .

Wir galten wohl als Härtefall, weil wir Srebrenica überlebt hatten. Meine Mutter musste das bei den Schweizer Behörden eindeutig belegen können – zum Glück hatte sie noch medizinische Unterlagen aus dem Uno-Spital in Potocari. Unsere Aufenthaltsgenehmigung wurde dann jeweils immer nur um ein Jahr verlängert. Die Angst, jederzeit ausgewiesen werden zu können, belastete uns sehr. Das hörte erst auf, als ich 2005 eingebürgert wurde.

Wie gingen Sie mit dem Erlebten um?

Meine Mutter hatte in der Anfangszeit immer wieder Schockzustände, konnte plötzlich nicht mehr atmen, musste notfallmässig ins Spital. Es war eine schwere Zeit, aber allmählich wurde es besser, als wir ein Netzwerk von Bekannten in der Schweiz hatten und die Möglichkeit von Therapiesitzungen. Langfristig gesehen war der harte Start aber gut, weil wir sofort Deutsch lernen und uns integrieren mussten.

Waren Srebrenica und der Krieg an der Schule ein Thema?

Ich habe nie darüber geredet. In meiner Klasse war ich das einzige Flüchtlingskind aus Ex-Jugoslawien. Die Sprachbarriere machte mich zur Einzelgängerin. Als ich ein bisschen Deutsch konnte, freundete ich mich mit einer Schweizerin an, die bis heute meine beste Freundin ist. Als ich einmal bei ihr zu Hause war und wir über unsere Kindheit redeten, wurde mir schlagartig bewusst, dass mein Leben alles andere als normal verlaufen war. Meine Vergangenheit machte mir zu schaffen: schlimme Bilder von früher, Albträume, Depressionen. Dazu kamen damals noch die «Scheissjugo»-Sprüche von Schweizer Schülern.

Haben Sie das Trauma verarbeitet?

Ich glaube, so gut das geht. Es half mir, dass ich mich im Rahmen der Maturarbeit mit dem Bosnienkrieg beschäftigte. Ich konnte mir früher nicht vorstellen, jemals zurück nach Srebrenica und Potocari zu gehen. Meine Mutter sagte mir, ich müsse mich damit konfrontieren. Inzwischen versuche ich, einmal im Jahr nach Bosnien zu reisen. Um das Grab meines Vaters zu besuchen.

Überreste Ihres Vaters wurden 2009 identifiziert. Sie stammten aus einem Massengrab. Was löste diese Nachricht bei Ihnen aus?

Es war wichtig für mich, dass ich einen Abschluss finden konnte. Aber es zerstörte auch den letzten Funken Hoffnung, den ich bewahrt hatte – dass mein Vater irgendwo noch lebte und uns einfach nicht finden konnte. Ich fuhr mit meiner Mutter nach Tuzla, wo uns Bilder des Skeletts in Originalgrösse vorgelegt wurden. Es hat mich sehr mitgenommen, auch wenn ich mir das nicht eingestehen wollte.

Mit einer Resolution des Uno-Sicherheitsrats wird 1993 der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien mit Sitz in Den Haag geschaffen. Er soll schwere Verbrechen verfolgen, die in den Kriegen auf dem Westbalkan begangen wurden. Bis Ende 2017 werden in 161 Verfahren und nach über 11 000 Prozesstagen 84 Personen verurteilt. Lebenslängliche Freiheitsstrafen erhalten die beiden Hauptverantwortlichen der Greueltaten im Bosnienkrieg, Ratko Mladic, der «Schlächter von Srebrenica», und der bosnische Serbenführer Karadzic.

Wie bedeutsam war für Sie diese gerichtliche Aufarbeitung des Kriegs und der Ereignisse von Srebrenica?

Es ist sehr wichtig, dass die Haupttäter der Massaker zur Rechenschaft gezogen wurden. Es bringt zumindest ein bisschen Gerechtigkeit, auch wenn es nichts ungeschehen macht. Es ist eine Art Anerkennung unseres Leids. Und ich hoffe, es hilft, aus der Geschichte zu lernen.

Ist es heute noch schwierig für Sie, auf Serben zu treffen?

Nein, das war es auch früher nicht. Meine Eltern erzogen mich anders. Der übersteigerte Nationalismus, der leider noch immer von vielen Serben, Bosniaken und Kroaten gepflegt wird, ist mir fremd. Die jungen Generationen müssen sich versöhnen, sonst geht die Gewalt einfach weiter.

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