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Sorry, aber es geht auch ohne Stillen

Die romantische Verklärung des Stillens zielt an der Realität vorbei und schadet den Müttern. 

Schoppenkind, na und? Stillen wurde fälschlicherweise zum Synonym mütterlicher Fürsorge. Foto: iStock

Mein Kleiner war drei Monate alt, als er das erste Mal nicht mehr mitmachte. Er lag neben mir auf dem Sofa. Ganz klar hatte er Hunger. Aber statt zu trinken, schrie er nur die Brust an. Alles Zureden und Streicheln half nichts, er fand einfach keine Ruhe mehr. Ich hielt es erst für einen Einzelfall. Aber die Schreianfälle wurden häufiger, vor allem tagsüber. Nachts kam er dafür öfter. Ich fühlte mich unfähig. In der Öffentlichkeit stillte ich bald nur noch, wenn es nicht anders ging. Zu Hause begann ich abzupumpen, und er trank dieselbe Milch aus dem Schoppen, die er an der Brust verschmähte.

Dass ich beim Stillen einmal so verzweifelt, ja frustriert sein würde, hatte ich nicht erwartet. Ich hatte Glück gehabt, nach der Geburt genügend Milch, der Kleine hatte keine Mühe beim Saugen, und die Brustwarzen taten nur ein paar Wochen weh. All das war in der Stillberatung, in den Ratgebern, im Bekanntenkreis Thema gewesen. Dass ein Baby aber plötzlich die Brust verweigert, war mir neu. Erst als ich Freundinnen davon erzählte, kamen die Geschichten ans Licht. Da trank ein Baby nur noch, wenn es geföhnt wurde. Ein anderes verlangte nach dem Fernseher. Und eines trank tagsüber gar nicht mehr. Fast alle Mütter, mit denen ich sprach, hatten irgendwann abgepumpt, und einige hatten das Stillen nach einer Weile entnervt aufgegeben.

Die Wunderkräfte des Stillens

Dass man das erst zu hören bekommt, wenn man selbst mitten in einer Stillkrise steckt, ist symptomatisch. Stillen ist zum Synonym für die mütterliche Fürsorge geworden. Wer sich kritisch äussert, macht sich verdächtig. Die Tabuisierung ist eine Nebenwirkung der Wunderkräfte, die dem Stillen heute zugeschrieben werden. Klar, Stillen wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlen, und es hat ein paar eindeutige Vorteile: Es schafft intime Momente, stärkt die Immunabwehr, und wenn der Nachwuchs mitspielt, ist es auch wirklich praktisch.

Ob aber alles stimmt, was Studien sonst noch festgestellt haben wollen? Werden gestillte Kinder wirklich intelligenter, sozialer, schlanker, stressresistenter, erkranken später seltener an Krebs? Der Beweis ist nicht leicht zu führen. Man muss das soziale Milieu und die Genetik aussen vor lassen, also Zwillinge oder Geschwister vergleichen. Eine US-Studie, die das getan hat, sah viele postulierte Effekte nicht bestätigt. Der Mainstream aber ist blind für solche Kritik. Wenn es um die eigenen Kinder geht, wollen wir alle nur das Beste und sind anfällig für Übertreibungen. Ganze Industrien leben davon. Man muss sich nur vor Augen halten, dass vor wenigen Jahrzehnten noch Pulvermilch als gesünder galt als Muttermilch. Heute gilt das Gegenteil.

Hinter beiden Paradigmen aber steht eine Lobby. An der Universität Zürich gibt es seit ein paar Jahren einen Lehrstuhl für Muttermilchforschung. 20 Millionen Franken hat eine Stiftung dafür bereitgestellt. Dahinter steckt eine Familie, die ihre Millionen mit Milchpumpen verdient.

Hollywoodreife Mutter-Kind-Idylle

Das ist kein Votum gegen das Stillen. Nur gegen den Hype, der darum gemacht wird, gegen das Dogma, dass Stillen alternativlos sei. Denn all das schadet den Müttern. Nicht nur jenen, die nicht stillen können und die mit dem scheusslichen Gefühl konfrontiert werden, sie könnten nicht recht für ihr Kind sorgen. Auch allen anderen Müttern, die irgendwann aus beruflichen oder anderen Gründen auf Pulvermilch wechseln. In Europa hören drei von vier Frauen in den ersten sechs Monaten mindestens teilweise mit Stillen auf. Sie sollten es ohne Schuldgefühle tun können.

Tatsache ist doch: Auch Schoppenkinder besuchen die Universität. Frankreich, das eine der tiefsten Stillquoten überhaupt hat, steht beim Übergewicht viel besser da als der europäische Durchschnitt. Und Stillen ist in der Praxis längst nicht immer die hollywoodreife Mutter-Kind-Idylle, als die es dargestellt wird. Es kann einen zur Verzweiflung bringen. Das ist banal, aber man muss heute die Mütter daran erinnern.

Stattdessen wird von vielen, auch via soziale Medien, das Stillen leichtfertig verklärt und ein absurdes Meinungsdiktat installiert. Wie weit dieses unterdessen reicht, zeigt ein Besuch auf der Website eines Milchpulverherstellers. Dort wird man zuerst des Langen und Breiten über die Vorteile des Stillens aufgeklärt und dann allen Ernstes gefragt: Wollen Sie trotzdem fortfahren? So als wollte man für sein Baby Zigaretten kaufen.

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