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Switzerland

So stach er Jogi Löw aus: Neues Buch gibt Einblicke in Gedankenwelt von BVB-Trainer Favre

Es ist ein legendärer Schlagabtausch, den sich Ex-Hertha-Manager Dieter Hoeness (66) und Ex-Trainer Lucien Favre (61) liefern. Es geht um geplatzte Transfers und verletzte Eitelkeiten.

Weil Favre sich mit Transfer-Entscheiden schwertat, sagte Hoeness: «Favre ist der einzige Mensch, den ich kenne, der Gefahr läuft, im Supermarkt zu verhungern, weil er sich nicht zwischen Wurst und Käse entscheiden kann.» Favre kontert: «Und Hoeness würde immer nur Schokolade kaufen. Hauptsache schön verpackt und teuer.»

Im Buch «Lucien Favre – der Bessermacher» räumt Hoeness ein, dass diese Aussage im Nachhinein ein Fehler war: «Mit einigem Abstand würde ich auf diesen Vergleich verzichten. Wir haben uns einst bei Hertha oft gekabbelt und gerieben, aber als Trainer war ich von ihm immer total überzeugt. Fachlich ist er über jeden Zweifel erhaben.»

Es sind viele Weggefährten, die im Buch zu Wort kommen. Aus der Schweiz zum Beispiel FCZ-Präsident Ancillo Canepa, der auch über Favres Schwierigkeit bei Transfer-Entscheiden redet. «Kaderplanung war Nervensache. Heute wollte er einen, morgen nicht, übermorgen vielleicht...»

Ausserdem, so Ancillo Canepa, habe er als Präsident immer «Fussball-fachliche Fragen gestellt. Das war Favre nicht gewohnt und er war zu Beginn von meinem Wissensdurst genervt.» Seinen Abgang unter Misstönen 2007 nach Berlin habe er Favre «verziehen».

Wie er Alex Frei am Abheben hinderte

Die Weggefährten zeichnen bei Favre immer wieder das Bild des zaudernden Perfektionisten. Der alle Spieler besser macht.

Bei Dortmund-Sportchef Michael Zorc klingt es so: «Er achtet auf Details, die ich trotz meiner inzwischen über 40 Jahre im Fussball-Geschäft so kaum für möglich gehalten hätte. Das beginnt bei kleinsten Details wie der Arm- oder Fusshaltung. Anfänglich mögen solche Korrekturen auf erfahrene Profis befremdlich wirken, doch sobald sie es einmal ausprobiert und den Effekt für sich gespürt haben, sind sie begeistert. Und folgen den Ideen des Trainers umso bereitwilliger.»

Ex-Gladbach-Spieler Thorben Marx meint: «Er ist schon sehr speziell. Wenn fast alle Trainer nach einem 3:0-Sieg die Mannschaft loben, übt er feine Kritik, sagt zuerst, was man noch besser machen kann. Aber er sagt es auf eine gute Art.»

Was auch Alex Frei, der bei Servette unter ihm spielte, bestätigt, dass er nach vier Toren beim 4:1 über Sion hinterfragt wurde: «Ich war froh und glücklich und marschierte mit breiter Brust in unsere Kabine. Da kam Lucien Favre und sagte mir: ‹Alex, Sie müssen noch viel lernen!› Ich war 21 und hatte gerade vier Tore geschossen! Ich dachte, was will der Trainer denn von mir und war entsetzt. Später merkte ich, was er wollte: Ich sollte nicht abheben.»

Eberl: «Favre sagte, er kriegt es nicht hin»

Auch Gladbachs Max Eberl kommt zu Wort. 2011 rettete Favre den Klub vor dem Abstieg, führte ihn in die Champions League, blieb bis 2015. Als Eberl noch Jugendkoordinator war, besuchte er Favre in Saint-Barthélemy, auf der Terrasse sprechen sie stressfrei dreieinhalb Stunden über Philosophien.

Der Kontakt hält, als Eberl Manager bei der Borussia wird. Und ein Beispiel beeindruckt diesen. Borussia Mönchengladbach gerät im Dezember 2010 in eine grosse sportliche Krise. «Ich hatte Lucien Favre gesagt, dass ich ihn mir gut als Borussia-Trainer vorstellen könnte, aber auch, dass ich mit Michael Frontzeck in die Rückrunde gehen will, er noch eine Chance bekommen soll. Das fand Favre gut als Trainerkollege. Und er sagte: ‹Es ist richtig, Max, dass du beim ersten Gegenwind nicht gleich umfällst.›»

Als Borussia dann Letzter ist, muss Eberl reagieren: Nach einem 1:3 bei St. Pauli ruft er Favre auf dem Heimweg von der Autobahn aus an, zwei Tage später ist er neuer Trainer.

2015 verlässt Favre dann den Klub. Eberl: «Lucien fühlte sich nicht mehr bereit, das alles hinzubekommen. Er hat dann den Schritt gewählt, zurückzutreten. Wir waren sehr, sehr traurig und wollten es mit ihm durchstehen. Aber er sagte, er kriegt es nicht mehr hin.»

So stach er Joachim Löw aus

Und trotzdem ist er inzwischen ein Erfolgs-Trainer in Deutschland geworden. Im deutschsprachigen Raum begann alles in Zürich. Als es beim FCZ hiess: entweder Favre oder Joachim Löw, der spätere Weltmeister-Trainer.

Dr. Urs Scherrer holte Favre damals zusammen mit dem Präsidenten Sven Hotz. Er erzählt, dass Favre einen kleinen Nachteil hatte – als Mann aus der Romandie war sein Deutsch nicht gut. «Wir hatten beide an einem Tag bei uns in Zürich. Um 9 Uhr war Jogi Löw an der Reihe, um 10.30 Uhr Lucien Favre. Löw hielt einen sehr interessanten Vortrag über den modernen Fussball im Allgemeinen, wurde auch sehr philosophisch. Danach kam Favre, verlangte ein Flipchart und hatte sich unglaublich exakt auf den FC Zürich vorbereitet. Er kannte die Stärken und Schwächen von beinahe 50 unserer Spieler vom ersten und zweiten Team und aus dem Nachwuchsbereich. Er machte Anmerkungen, welche der jungen Spieler er künftig bei den Profis sehen würde. Sein Statement war toll.»

Favre überzeugt die Bosse von der ersten Sekunde an, während Löw angibt, noch weitere Gespräche zu führen. Er landet bei Austria Wien. Die Verhandlungen mit Favre wegen des Geldes seien einfach gewesen. «Favre sagte, ich nehme das, was Sie mir geben», erzählt Scherrer.

Der Rest ist bekannt: Favre machte Zürich zwei Mal zum Meister. Und was sagt Favre selbst? Im Buch meint er: «Ich habe jeden Tag Spass auf dem Platz, beim Training mit dem Ball. Der Ball ist für mich magisch.»

Das neue Buch über Lucien Favre

Der Berliner Journalist Michael Jahn war über 30 Jahre Sportredakteur bei der «Berliner Zeitung» und schrieb zahlreiche Bücher über Hertha BSC. Dort lernte er auch Lucien Favre kennen, der 2007 bis 2009 den Hauptstadt-Klub trainierte. Das Buch «Lucien Favre – der Bessermacher» ist im Arete Verlag erschienen.

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