Switzerland

Selina Büchel: Knopf gelöst, Balance gefunden

Selina Büchel lacht nach dem Rennen und ist zufrieden. Das gab es zuletzt nicht besonders oft. Doch diese Schweizer Hallen-­Meisterschaft in St.Gallen ist ohnehin eine besondere – gerade wegen Büchel und ihrem 800-m-­Rennen. In den vergangenen Jahren war diese Disziplin nur eine Randnotiz wert. Entweder stand die Siegerin – Rekord­halterin Büchel natürlich – schon vor dem Start fest. Oder die Schnellste wich auf den 400-m-­Lauf aus, wo sie mehr gefordert wurde.

Doch in dieser Saison ist ­vieles anders. Büchel hat endlich Konkurrenz bekommen. So gehören die 800 m an den Hallen-­Titelkämpfen plötzlich zu einem der Top-Events des Wochen­endes. Die grosse Frage lautet: Delia Sclabas oder Selina ­Büchel, der Nachwuchs oder die Arrivierte. Neun Jahre trennen die beiden Leichtathletinnen. Im Sport ist das beinahe eine Generation.

Und so unterschiedlich ist auch das Rennen. Die Junge übernimmt früh die Führung, die Routinierte wartet geduldig im Hintergrund. In der zweiten Runde setzt sich Büchel dann an die Spitze – und gibt die Position nicht mehr her. Am Ende gewinnt sie in 2:06,84 Minuten. Damit bleibt Sclabas, die er­kältet war, zwar die Saisonschnellste. Gold gehört aber ­Büchel. Sie ist die Schweizer Hallen-Meisterin über 800 m. «Ich habe mich riesig auf dieses Rennen gefreut, weil es wieder einmal eine richtige Challenge war», erklärt die 28-jährige St.Gallerin. Und sie fügt hinzu: «Ich habe mich sehr gut gefühlt.» Auch das war zuletzt nicht immer so.

Kleine Zwischenfälle im Trainingslager

Büchel hat eine schwierige Zeit hinter sich. In den vergangenen Jahren hatte sie, die an Asthma leidet, immer wieder mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Im letzten Sommer hoffte sie, dieses Kapitel endlich abgeschlossen zu haben. Doch dann musste sie im August ­mehrere Rennen auslassen, weil sie im Trainingslager in St.Moritz wegen der ungewohnten Höhe krank wurde. An der WM in Doha Ende September schied die zweifache Hallen-Europameisterin dann schon im Vorlauf aus. Auch in diesem Winter blieb sie nicht ganz von Krankheiten verschont. In Portugal, wo sie zweimal drei Wochen trainierte, war sie zweimal angeschlagen, einmal wegen einer Erkältung, einmal wegen leichter Magenprobleme. Doch es waren Ausnahmen, die sie nicht weiter behinderten.

«Diese kleinen Zwischen­fälle erinnern jedoch daran, wie wichtig die Erholung ist, wie wichtig es ist, auf seinen Körper zu hören», sagt Büchel. Im ­Training stimme jedoch viel zusammen. Nun hofft sie noch auf eine schnellere Zeit. An ­diesem Mittwoch wird sie als Saison­abschluss an einem Hallen-­Meeting im französischen Liévin antreten, wo das Feld sehr stark sein wird.

«Es läuft bei mir in allen Bereichen richtig gut»

Unabhängig von diesem letzten Hallen-Rennen sagt Büchel: «Ich werde viel Positives in die Sommersaison mitnehmen.» Sie spricht davon, dass sie in der Olympiasaison gerne eine Zeit laufen würde wie 2015, als sie mit 1:57,95 einen Schweizer ­Rekord aufgestellt hatte. «Ich glaube, dass es möglich ist», sagt sie. Diese neugewonnene Zuversicht hat viele Gründe. «Es ist das Wichtigste als Athletin und Mensch in Balance zu sein», sagt Büchel. «Und momentan ist das so. Es läuft bei mir in allen Bereichen richtig gut.» Auch das Training mache ihr wieder mehr Spass. Das war zuletzt nicht ­immer so, vor allem wegen der Atemprobleme.

Und da ist auch noch der Knopf. Sie fühlt sich befreit. Im Intervalltraining kommt sie in einen Flow, kann sich pushen. «Daran will ich weiter arbeiten», sagt Büchel. «Ich sehe den Weg, weiss nun, wie ich mein Ziel erreichen kann.» Sie lächelt nochmals, bevor sie zur Medaillenvergabe geht. Der Sommer kann kommen.