Switzerland

Saisoneröffnung in der Tonhalle: So macht man das Beste aus der Situation

Paavo Järvi denkt angesichts der Pandemie über den globalen Musikbetrieb nach und sieht eine Zukunft in der Stärkung regionaler Traditionen. Wie das klingt, führt er mit dem Tonhalle-Orchester Zürich unter besonderen Bedingungen vor.

Freude und Intensität beim Musizieren waren bei Paavo Järvi (links) und dem Pianisten Lars Vogt fast mit Händen zu greifen.

Freude und Intensität beim Musizieren waren bei Paavo Järvi (links) und dem Pianisten Lars Vogt fast mit Händen zu greifen.

Alberto Venzago / Tonhalle-Gesellschaft Zürich

Er strahlt noch immer, vor Tatendrang und positiver Energie. Aber Paavo Järvi wirkt nachdenklicher als früher. Der Strahlemann, der als neuer Musikdirektor des Tonhalle-Orchesters schon mit seinen ersten Auftritten das Zürcher Musikleben aufgemischt hat, ist von der Corona-Pandemie schwer gebeutelt worden – wie so viele praktizierende Musiker. Rund dreissig Konzertprojekte und zwanzig Wochen Probenarbeit sind auf Nimmerwiedersehen aus seiner Agenda verschwunden; auch bis zum Jahresende gähnt dort weitgehend die sprichwörtliche Leere. Tourneen ins Ausland, nach Asien gar? Alles ungewiss in der Kulturwelt unserer Tage.

Was bewirkt diese verordnete Vollbremsung bei einem Dirigenten, den man bis zum Ausbruch der Krise als virtuosen Traumtänzer zwischen mindestens drei Kontinenten erlebt hat und der bei den besten Orchestern der Welt so gefragt war, dass er sich die Engagements aussuchen konnte? Järvi hat die Zeit, wie er im Gespräch mit der NZZ erzählt, zur Selbstbesinnung und zu intensivem Nachdenken genutzt. Er ist dabei nicht zuletzt mit der eigenen Rolle schonungslos ins Gericht gegangen.

«Psychologische Kurskorrektur»

«Zum ersten Mal mache ich für mich persönlich die Erfahrung, dass es etwas gibt, das alles stoppen und verändern kann», erklärt er, «etwas, das mächtiger ist als das menschliche Handeln.» Er begreife das als eine Art «psychologische Kurskorrektur». Diese hat ihm auch bewusst gemacht, dass «unser ‹Jetset-Lifestyle› an Grenzen stösst». Der bisherige global orientierte Musikbetrieb – und in dieser Schlussfolgerung steckt für Järvi spürbar ein gerüttelt Mass Selbstkritik – sei «höchstwahrscheinlich ein Auslaufmodell».

Was aber bedeutet diese Skepsis gegenüber einem Veranstaltungszirkus, der bis zur Disruption durch Corona tatsächlich viele führende Ensembles dazu verleitet hat, am einen Abend in der New Yorker Carnegie Hall aufzutreten und am nächsten bereits in der Suntory Hall in Tokio? Wird es dieses «Konzert-Hopping» rund um den Globus in einer Welt nach der Pandemie wirklich nicht mehr geben? Järvi glaubt zumindest nicht an ein schnelles Wiederanlaufen des Reisekarussells – nicht zuletzt deshalb, weil sich derzeit im stark heruntergefahrenen Kulturleben ein bemerkenswerter gegenläufiger Trend entwickle.

Järvi meint die vielerorts erkennbare Rückbesinnung auf die Qualitäten lokaler Institutionen und Orchester. In einer medial eng vernetzten Welt muss eine derartige Regionalisierung des Musikbetriebs nicht zwingend einen Verlust an Aussenwirkung oder gar Provinzialität bedeuten. Järvi verweist in dem Zusammenhang denn auch nicht zufällig auf den grossen Zuchtmeister George Szell, der das Cleveland Orchestra in den 25 Jahren seines gestrengen Wirkens vor Ort dauerhaft unter den «Big Five» der amerikanischen Klangkörper etabliert hat.

Auch Paavo Järvi, obwohl entschieden weniger despotisch als Szell, steht als erfolgreicher Orchestererzieher bei allen seinen früheren und gegenwärtigen Ensembles in hohem Ansehen. Und Zürcher Musikfreunde entsinnen sich wohl jenes hingestreuten Satzes, den Järvi bei seinem Amtsantritt wie beiläufig als Arbeitshypothese formuliert hatte: Das Tonhalle-Orchester habe das Zeug, zu den fünf besten Orchestern der Welt zu gehören.

Ob für sein hiesiges Engagement folglich ein ähnlicher Zeithorizont zu erwarten ist wie einst bei George Szell? Als Profi setzt Järvi bei solchen Fragen gerne sein charakteristisches Sphinx-Lächeln auf. Aber die Konzerte zur Saisoneröffnung, die seit Mittwoch in der Tonhalle Maag unter besonderen Bedingungen stattfinden, zeigen eindringlich: Man hat sich bereits intensiv an die Arbeit gemacht.

Frei von jeder Routine

Diese insgesamt sechs jeweils rund einstündigen Konzerte sind wegen der Umstände sogar echte Bewährungsproben. Nicht allein wegen der begrenzten Zahl von 460 Besucherinnen und Besuchern, die sich – anders als im fast doppelt so stark ausgelasteten Opernhaus – streng nach dem Schachbrett-Prinzip recht luftig in den Sitzreihen verteilen. Eine Herausforderung bedeutet das Abstandsgebot von anderthalb Metern vor allem für die Musiker. Hier haben namentlich die an Einzelpulten isolierten Streicher mit der klanglichen und rhythmischen Abstimmung innerhalb der Gruppe zu kämpfen.

Viel Platz zwischen den Besuchern, reichlich Abstand zwischen den Musikern: Das Schutzkonzept in der Tonhalle Maag verlangt es so.

Viel Platz zwischen den Besuchern, reichlich Abstand zwischen den Musikern: Das Schutzkonzept in der Tonhalle Maag verlangt es so.

Alberto Venzago / Tonhalle-Gesellschaft Zürich

Bei der Schweizer Erstaufführung von Arvo Pärts «La Sindone», einer atmosphärischen Meditation über das Turiner Grabtuch, macht sich dies kaum bemerkbar – bei den Beethoven-Werken der je zwei durch eine einstündige Lüftungspause getrennten Programme hingegen schon. Allerdings wider Erwarten durchaus nicht negativ. Zwar wirkt der sonst so satte, runde Streicherklang des Tonhalle-Orchesters offener, manchmal auch geringfügig brüchig; aber was an Geschlossenheit fehlt, wird durch die Feinheit des Tons und den Reichtum an Obertönen aufgewogen.

Erinnert schon dies an die Originalklang-Praxis, so gibt auch die aus Platzgründen reduzierte Streicherbesetzung mit nur zehn ersten Violinen den Bläsern mehr Gewicht. Sie nutzen dies bei Beethovens Siebter nach minimalen Koordinierungsproblemen immer pointierter und selbstbewusster. Überhaupt entwickelt die als eine einzige grosse Erzählung durchgestaltete Wiederhabe der vier Sätze bis zum gleichwohl kontrollierten Rausch des Finales einen mitreissenden Sog.

Beim 4. Klavierkonzert mit dem Einspringer Lars Vogt wirkt das Klangbild etwas zerklüfteter und nervöser; auch wegen der teilweise extremen Dynamik des Solisten. Aber auch hier muss man am Ende feststellen: So feurig, so frei von jeder Routine hat man dieses herrliche Werk lange nicht gehört.

Das gesamte Gespräch mit Paavo Järvi finden Sie unter nzz.ch/feuilleton/musik.

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