Switzerland

«Regeln sind immer für die anderen»

Schon wieder Belgien: Das kleine Königreich zählte bereits im Frühling aussergewöhnlich viele Corona-Tote, nun steigt die Zahl der Ansteckungen erneut exponentiell an. Woran liegt das? Der belgische Virologe Marc Van Ranst hat dafür geografische, gesellschaftliche und politische Erklärungen.

Hier zumindest werden die Regeln eingehalten: Am Montag, 19. Oktober 2020, stehen Menschen mit Masken und Schutzabstand vor einem Testcenter in Brüssel an.

Hier zumindest werden die Regeln eingehalten: Am Montag, 19. Oktober 2020, stehen Menschen mit Masken und Schutzabstand vor einem Testcenter in Brüssel an.

Francisco Seco / AP

Marc Van Ranst gehört zu den bekanntesten Corona-Experten seines Landes. Der 55-Jährige lehrt als Professor für Virologie an der Katholischen Universität von Löwen.

Herr Van Ranst, Belgien ist eines der am schwersten von der Pandemie betroffenen Länder Europas. Erklären Sie uns, warum.

 Marc Van Ranst

Marc Van Ranst

James Arthur Gekiere / Imago

Zunächst einmal ist Belgien ein im Zentrum Europas gelegenes Land mit einer sehr offenen Volkswirtschaft und einem hohen Durchgangsverkehr. Das macht uns verletzlich. Es ist auch eines der am dichtesten besiedelten Länder Europas. Wir haben kaum unbesiedelte Flächen, wir sind praktisch ein einziger Ballungsraum. Entscheidend ist aber auch, dass wir sehr viel mehr als andere Staaten testen. Vergleichen Sie das mit der Schweiz: Dort wurden 188 000 Corona-Tests pro eine Millionen Einwohner durchgeführt. In Belgien waren das mit 354 000 fast doppelt so viele. Je mehr Sie testen, desto höhere Fallzahlen bekommen Sie.

Spielt die belgische Mentalität auch eine Rolle?

Sagen wir mal, die Disziplin, sich an Regeln zu halten, ist anders als in den nordeuropäischen Ländern. Wird ein Belgier mit einer Regel konfrontiert, lautet seine erste Frage: Kann die Polizei kontrollieren, ob ich die Regel einhalte? Wenn das der Fall ist, lautet die zweite Frage: Wie kann ich die Regel trotzdem umgehen? Und wenn das nicht geht, gibt es immer noch die Möglichkeit, sich über die Regel lustig zu machen. Oder über den Experten, der die Regel vorschlägt. Im Zweifel gilt: Regeln sind immer für den anderen.

Welche Schwachstellen sehen Sie noch?

Belgien hat wegen seines komplizierten föderalen Systems neun Gesundheitsminister. Neun! Und keiner dieser Leute weiss die Namen der anderen acht. Ich glaube, es gibt keinen Journalisten, der die Namen aller Gesundheitsminister aufzählen kann. Wir sind nicht ohne Grund das Land des Surrealismus. Die politischen Massnahmen dieser Minister sind leider auch nicht immer stimmig. Die Bereitschaft, sich miteinander abzustimmen, ist minimal. Und dann gibt es noch die vielen Lobbys, die nach dem Ende des ersten Lockdowns sehr früh dafür getrommelt haben, alle Sicherheitsmassnahmen herunterzufahren. Die Leute sind dadurch sehr unvorsichtig geworden.

Während der ersten Welle, im April, gab es in keinem Land in Europa so viele Corona-Tote im Verhältnis zur Einwohnerzahl wie in Belgien. In absoluten Zahlen wurden sogar mehr Tote als in Deutschland gemeldet, das fast achtmal so viele Einwohner hat.

Dafür gibt es eine sehr einfache Erklärung: Wir haben von Anfang an jeden Verdachtsfall mitgezählt. Im April wurde bei drei von vier Fällen eine Infektion als «mögliche» Todesursache genannt. Natürlich haben wir deswegen auch eine deutlich höhere Übersterblichkeit als andere Länder verzeichnet. Sie können Ihre Corona-Zahlen natürlich besser aussehen lassen, wenn Sie die Übersterblichkeit nicht akkurat erfassen oder wenn Sie weniger testen.

Zwei Drittel der Todesfälle wurden damals in belgischen Alters- und Pflegeheimen gemeldet. Auch die dortige Ausstattung galt als Schwachstelle. Hat sich daran etwas geändert?

Das war in Belgien grundsätzlich nicht anders als in anderen europäischen Ländern, die allerdings keine Verdachtsfälle aus den Pflegeheimen gemeldet haben. Aber ja, die Pandemie schlug in den Heimen verheerender zu als beispielsweise in Deutschland. Es gab zu wenig Schutzausrüstung und viel zu wenig medizinisch ausgebildetes Personal. Man hat sich auf die Spitäler konzentriert und die Altersheime schmerzlich vernachlässigt. Inzwischen sind die Heime besser organisiert.

Seit einigen Tagen zieht Belgien wieder stark die Zügel an. In Brüssel sind Schulen und Kindergärten noch geöffnet, Restaurants, Cafés und Kneipen aber geschlossen. Es gibt eine nächtliche Sperrstunde, und die Kontaktregeln wurden verschärft. Reicht Ihnen das?

Ich sehe jedenfalls nicht, dass irgendein Weg an den Einschnitten vorbeiführt. Derzeit verdoppelt sich die Anzahl der Ansteckungen alle acht Tage. Und vergessen wir auch nicht: Eine von fünf Infektionen tritt in der Altersgruppe von 20 bis 30 Jahren auf. Die Schliessung der Bars und Cafés war absolut notwendig, auch wenn das in Belgien eine extrem unpopuläre Massnahme ist. Wir hatten im Frühjahr einen schrittweisen Lockdown in drei Phasen, das ist die beste Vorgehensweise, um die Bevölkerung nicht zu überfordern. Auch jetzt müssen wir behutsam vorgehen.

Herr Van Ranst, Sie beteiligen sich auch an der Suche nach einem Impfstoff zum Schutz vor Covid-19. Gibt es einen Lichtblick?

Ja, mein Institut, das Rega-Institut für medizinische Forschung in Löwen, forscht mit Unterstützung der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung an der Entwicklung von Covid-19-Therapien und an der Entwicklung eines Impfstoffes gegen das Sars-CoV-2. Es werden derzeit mehrere vorklinischen Studien durchgeführt. Gibt es Anlass für Optimismus? Ja und nein. Wir werden in absehbarer Zeit Impfstoffdosen herstellen, aber wann werden wir das in milliardenfacher Ausführung tun können? Ich bin einigermassen zuversichtlich, dass der Impfstoff in der ersten Jahreshälfte 2021 den Markt erreichen und für die höchsten Risikogruppen verfügbar sein wird. Aber es wird mit Sicherheit Rückschläge und Engpässe geben.

Sie stehen unter Polizeischutz. Warum?

Ich bin in meinem Land nicht nur als Virologe bekannt, ich beziehe auch politisch Stellung. Laut der belgischen Polizei wurden auf rechtsextremen Chats Mordpläne gegen mich geschmiedet, deswegen hat die Polizei ein Auge auf mich und meine Familie. Ich bin nicht übermässig besorgt. Aber es gibt schon eine Menge Idioten da draussen.

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