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Raffael hat uns die schönsten Madonnen hinterlassen und unserer Vorstellung von menschlicher Liebe ein bis heute gültiges Bild geschaffen

Der Meister der italienischen Hochrenaissance gelangte schon zu Lebzeiten zu Ruhm. Das ist ihm nie zu Kopf gestiegen.

Selbstporträt Raffaels, 1506.

Selbstporträt Raffaels, 1506.

Uffizien, Florenz

An einem Apriltag wie dem heutigen vor genau fünfhundert Jahren lag ein Mann in bestem Alter schweissgebadet in fiebrigem Delirium. Am 6. April 1520, starb Raffaello Santi mit 37 Jahren in Rom. Er soll sich bei archäologischen Ausgrabungen in den Sümpfen vor der Ewigen Stadt mit Malaria angesteckt haben. Die Strassen zum Pantheon, wo er beigesetzt wurde, waren gefüllt mit Trauernden. Er war der grösste aller Maler seiner Zeit, und seine Gemälde galten nicht als gemalt, sondern als wahrhaftig und lebendig. Rom hatte ihn geliebt.

Die ihn aber am allermeisten geliebt und erst vor Jahren wiedergewonnen hatte, um ihn nun für immer zu verlieren, stand nach der Trauerfeier noch eine Weile lang alleine am offenen Sarkophag. Dann legte sie ein kleines Pergamentpapier hinein, das sie seit ihrer Jugend hütete wie einen Schatz: Es war die erste Zeichnung, die Raffael von ihr angefertigt hatte.

Bis heute lebt Raffaels Ruhm fort in seinen Bildern. Seine Madonnen gelten als die schönsten, die jemals gemalt wurden – längst sind sie zum Sinnbild der liebenden Muttergottes geworden. Dabei war Raffaels Epoche keineswegs eine besonders gottesfürchtige. Es war die Zeit der Italienkriege, eine Zeit von List und Gewalt, Folter und Mord, von grausamen Kriegszügen mit plündernden und massakrierenden Söldnerheeren. Das Recht war auf der Seite des Stärkeren, und das einzige Bollwerk gegen die menschlichen Abgründe, der christliche Glaube, war zum Instrument für Unterdrückung und Selbstlegitimation geworden.

Im Dienst der Mächtigen stand nicht zuletzt auch die Kunst. Und auch Raffael trug zur Glorifizierung der Macht von Kirche und Fürsten bei. Gleichwohl aber gelang es ihm, unbeirrt von den intriganten Zeitläuften, in einigen der beeindruckendsten je geschaffenen Altarbilder der christlichen Kernbotschaft von menschlicher Liebe und Güte ewige Gültigkeit zu verleihen.

Liebe und Genie

Einen sanften, etwas schüchternen Jüngling mit langem dunklem Haar und androgynen Zügen haben wir vor uns, wenn wir Raffaels Selbstporträt mit 23 Jahren betrachten (Uffizien, Florenz). Wir kennen aber auch ein Bildnis aus seinem Todesjahr 1520, als sich Raffael in Rom auf dem Zenit seiner Karriere befand.

Er war damals der Hofmaler des Papstes, Bauleiter des Petersdoms, umworben von den Adligen und Reichen ganz Italiens, geschätzt vom Künstlergenie Leonardo da Vinci sowie gehasst vom eifersüchtigen Michelangelo Buonarroti. Aus diesem Doppelporträt zusammen mit einem Freund (Louvre, Paris) blickt uns der reife Künstler an, nun mit einem Bart um das Kinn, der ihm männliche Würde verleiht, die Züge aber nach wie vor sanft, der Blick wach und freundlich.

Selbstbildnis mit einem Freund, 1520.

Selbstbildnis mit einem Freund, 1520. 

PD

Von gewinnender Liebenswürdigkeit ist dieser Mann von 37 Jahren, dem sein Ruhm kein bisschen zu Kopf gestiegen zu sein scheint: einer, den man sich zum Freund wünschen würde, einer, in den sich die Frauen verlieben. Dass sie ihm zu Füssen lagen, zeigen allein die zahlreichen Porträts junger Schönheiten.

Für die einflussreichen Familien bedeutete es Prestige, wenn ihre Töchter von Raffael gemalt wurden, und für Letztere musste ein besonderer Reiz damit verbunden gewesen sein, dem Maestro aus Urbino Modell sitzen zu dürfen. Raffael aber war kein Frauenheld, auch wenn der grosse italienische Künstlerbiograf Giorgio Vasari (1511–1574), der in seinen «Vite» gerne viel erfand und oft kein gutes Haar liess an den grossen Künstlern seiner Epoche, als Todesursache Raffael eine Geschlechtskrankheit andichtete.

Liebe, auch die sinnliche, dürfte indes in Raffaels Leben keine untergeordnete Rolle gespielt haben, dies aber wohl in anderer Weise, als es sich Vasari auszumalen vermochte. Rom war unter dem spanischen Papst Alexander VI. zum grössten Sündenpfuhl der damals bekannten Welt verkommen, die Stadt war voller Bordelle, und die Geistlichen hielten sich minderjährige Mätressen zuhauf.

Aus Raffaels Römer Zeit aber stammen die wunderbarsten Madonnenbilder der Kunstgeschichte. Raffaels Marien sind von unvergleichlicher Sanftmut, ihre Gesten voller Zärtlichkeit, ihre Gesichtszüge reinste Anmut, und ihrer Ausstrahlung ist eine Wärme eigen, die aus dem Inneren dieser Bilder zu leuchten scheint wie eine nie versiegende Liebesglut.

Raffaels Frauendarstellungen sind anders als alles, was die Kunstgeschichte bis anhin kannte. Denn auch sein Blick auf das weibliche Geschlecht war ein anderer. Es war weder der Blick schwärmerischer Verehrung mädchenhafter Schönheit eines Botticelli noch jener sinnlichen Begehrens eines Giorgione, aber auch nicht der Blick eines psychologisch versierten Frauenverstehers, wie Leonardo ihn hatte. Interessanterweise ist von Raffael keine einzige nackte Venus bekannt, ein Motiv, das seine Zeitgenossen mit Vorliebe behandelten. Die antike Liebesgöttin aber hat dieser Maler gleichsam in das blaue Gewand der Maria gekleidet.

Raffael hat in seiner Malerei beide miteinander versöhnt: die sinnliche Liebe, für die die griechische Aphrodite steht, und die selbstlose Nächstenliebe der heiligen Mutter Gottes. Bei ihm wird die christliche Botschaft der Menschenliebe nicht länger verklärt in einer entrückten weiblichen Heilsfigur, sondern auf ein irdisches, ja menschliches Mass aus Fleisch und Blut gebracht.

«Madonna della Seggiola», 1513/14, Öl auf Tafel.

«Madonna della Seggiola», 1513/14, Öl auf Tafel.

Palazzo Pitti, Florenz

Solches aber kann nur einem Maler gelingen, dem die Liebe nicht unbekannt ist. Raffael wusste, was Liebe ist, und wir können dies im Antlitz seiner Madonnenbilder erkennen. Denn aus diesen zarten Frauenfiguren blickt uns das Gesicht der grossen Liebe seines Lebens entgegen, und dieses Gesicht hat einen Namen: Margherita Luti.

In die Bäckerstochter aus Siena könnte sich Raffael schon als junger Mann verliebt haben. Pinturicchio hatte ihn 1503 nach Siena geholt, um bei der Gestaltung der Fresken in der Libreria Piccolomini mitzuwirken. Indes lässt sich Margheritas Antlitz mit dem charakteristischen dunklen Haar und dem makellos hellen Teint erst während Raffaels Römer Jahren ab 1508 mit Bestimmtheit festmachen. Eine schmerzliche Trennung über Jahre wäre denkbar.

In dem frühen Werk der «Vermählung Mariä» (1504), das in der Kunstgeschichte gerne als «mit einem Schleier der Schwermut gemalt» beschrieben wird, könnte Raffael diesem Verlust Ausdruck verliehen haben. Maria ist im Mädchenalter dargestellt, reicht aber einem wesentlich älteren Bräutigam die Hand zur Ehe. Vor dem Paar steht ein knabenhafter Verehrer mit langem Haar, in dem sich Raffael porträtiert haben dürfte. Voller Verzweiflung bricht dieser über dem Knie seinen Stock.

 «Vermählung Mariä», 1504.

 «Vermählung Mariä», 1504.

PD

«Die Mächtigen tun, was immer sie wollen», lässt Noah Martin in seinem historischen Roman «Das Lächeln der Madonna» Raffael über dieses Bild zu einem Freund sagen: «Sogar die Heilige Jungfrau musste auf Geheiss des Hohepriesters Josef heiraten, der schon ein alter Mann war. Und es macht kaum einen Unterschied, ob es Kirchenfürsten sind oder weltliche Männer. Sie setzen ihren Willen durch, mit uns oder ohne uns.»

Zum Geheimnis von Raffaels Madonnenbildern mag uns dieser Roman zwar keinen kunsthistorisch einwandfreien Patentschlüssel liefern. Er regt aber zur Frage an, was denn grosse Kunst ausmacht. Bekanntlich muss das Genie unglücklich sein, um nach Höherem zu streben. Und so könnte die Triebfeder im Fall des Künstlergenies Raffael eine verunmöglichte Jugendliebe gewesen sein. War die Mixtur, aus der seine Kunst entstand, allenfalls ein Gemisch aus künstlerischem Talent, unglücklicher Liebe und – sehnsüchtigem Verlangen?

Die geheimnisvolle Bäckerin

In Noah Martins Roman ist Margherita einem anderen versprochen. Die Getrennten schwören sich indes lebenslange Treue. Und das Schicksal will es, dass sie sich nach Jahren in Rom wiedertreffen. Tatsächlich scheint sich Raffael in seiner Römer Zeit, in der er die schönsten Marienbilder, darunter die berühmte Sixtinische Madonna (Dresdner Gemäldegalerie), malt, nur noch auf einen einzigen Frauentyp zu fokussieren: das Gesicht Margheritas.

«La Velata», 1515.

Nun entsteht auch ein hoch realistisches Porträtbild seiner wiedergewonnenen Liebe: «La Velata» (Die Verschleierte, Palazzo Pitti, Florenz). Und dieselbe Frau blickt uns in einem Porträt entgegen, das als «La Fornarina» (Die kleine Bäckerin) in die Kunstgeschichte eingegangen ist und in Raffaels letzten Lebensjahren entstanden sein dürfte.

«La Fornarina», 1518/19, Öl auf Leinwand. Galleria Borghese, Rom.

«La Fornarina», 1518/19, Öl auf Leinwand. Galleria Borghese, Rom.

Picasa

Dieses Bild ist vielleicht nicht sein bestes, aber zweifellos sein persönlichstes. Es stellt keine Allegorie dar, keine entrückte Madonna, keine verklärte Grazie, sondern einfach nur Margherita, in ihrer irdisch unvollkommenen Schönheit, nackt auf dem Bettrand sitzend, ein angedeutetes Lächeln um ihre Mundwinkel, das innige Vertrautheit mit dem Maler suggeriert. Am linken Oberarm trägt die Dargestellte einen goldgefassten Armreif, in den Raffael seinen Namen hineingesetzt hatte.

Das Bild (Galleria Borghese, Rom) ist 2005 einer Restaurierung unterzogen worden. Dabei wurde unter den Farbschichten ein Rubinring an Margheritas linker Hand entdeckt, der offenbar schon bald nach Fertigstellung des Werks übermalt worden war. Dies gab Anlass zu Spekulationen über eine geheime Hochzeit kurz vor Raffaels Tod.

Diese geheimnisvolle Künstlerliebe jedenfalls hat später auch die Phantasie grosser Maler beflügelt. Jean-Auguste-Dominique Ingres verewigte die beiden in einem fiktiven Doppelporträt (Fogg Art Museum, Cambridge, Massachusetts), und Picasso hat das Liebespaar in einer Reihe erotischer Radierungen für immer in inniger Umarmung vereint.

«Sixtinische Madonna», 1512/13, Öl auf Leinwand.

«Sixtinische Madonna», 1512/13, Öl auf Leinwand.

Gemäldegalerie Dresden.

Buchhinweis: Noah Martin: Raffael – Das Lächeln der Madonna. Droemer-Knaur-Verlag, München 2020. 640 S., Fr. 32.90.

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