Switzerland

Präsident des Familiengärtner-Verbands mahnt Schrebergärtner: «Wer Pestizide spritzt, fliegt an vielen Orten vom Platz»

Otmar Halfmann ist alles andere als, was man vom obersten Schrebergärtner erwartet. Er war Entwicklungshelfer in Afrika. Seine Sprache erinnert wegen seiner früheren Tätigkeit auf Schiffen an einen norddeutschen Seemann. Halfmann ist Rheinländer, er stammt aus Wuppertal. Zum Interviewtermin erscheint er im gebügelten Hemd.

Seit über 30 Jahren lebt er in der Schweiz, seit 2015 pflegt er mit seiner Frau einen Schrebergarten in Lyss BE.

Das Gartenhäuschen steht seit 1978. Halfmann hat es vor etwas mehr als vier Jahren übernommen. Der Pächter blieb bis zu seinem Ende auf der Parzelle, er hatte an einer Vollversammlung des Vereins einen Herzinfarkt. Die Tulpen sind fast verblüht. Ringelblumen wurden ausgesät, Kartoffeln vergraben. Letztes Jahr hatte Halfmann von August bis März jeden Tag Beeren aus dem Garten in seinem Müsli. Das ist Lebensqualität für Halfmann, der uns mit Hosenträgern und einem jagdgrünen Gilet empfängt.Herr Halfmann, warum haben Sie einen Schrebergarten?
Otmar Halfmann:
Als unsere Kinder klein waren, versuchten wir immer ein Haus zu mieten, wo man eine Schaukel an einem Kirschbaum anbringen konnte. In der Pubertät zogen wir näher an einen Bahnhof. Als unsere Kinder aus dem Haus waren, suchten wir für uns eine kleine Wohnung. Dann kamen die Enkelkinder, und wir merkten: Die Enkel müssen auch an die Natur herangeführt werden. Sie sollten draussen sein und dreckig werden.

Was hat sich in den letzten Jahren im Kleingartenwesen verändert?
Ein Trend dauert schon zwei Jahrzehnte an. Wir haben einen steigenden Anteil an Personen, die keinen eindeutigen Schweizer Hintergrund haben. Bei uns gibt es etwa zwei kurdische Familien, eine vietnamesische, drei mazedonische. Gerade in diesem gemeinschaftlichen Zusammenleben ergeben sich Reibungen, man muss einen gemeinsamen Nenner finden. Wir fördern das Zusammenleben verschiedener Kulturen. Das ist schön, aber auch kompliziert.

Warum?
Fatma etwa ist aus Kurdistan. Das erste Gärtnern hat sie von der Grossmutter in Nordostanatolien gelernt. Das ist eine sprachliche und kulturelle Herausforderung. Wir kriegen bestimmte Messages nicht rüber. Zum Beispiel die Nähe zum biologischen Gärtnern.

Welche Probleme gibt es noch?
Die Überalterung ist sicher eine grosse Herausforderung. Die Leute möchten auf der Parzelle bleiben, bis sie nicht mehr können. Aber nicht alle alten Leute sind offen, und je älter sie werden, desto weniger offen werden sie. Das schafft Konfliktfelder. Jetzt kommen die jungen, grünen Familien. Wir haben hier auch eine. Sie versuchen, alles so gut wie möglich naturnah zu machen, und gehen auf Konfrontation mit den Traditionellen.

Haben Sie ein Beispiel für einen Konflikt?
Wissen Sie, was eine Motorfräse ist?

So ungefähr. Damit pflügt man den Boden.
Für die alten Leute war das Gerät einmal ein Traum. Inzwischen weiss man, was sie mit den Böden anrichtet. In Zürich sind die Motorfräsen verboten. Das ist ein Problem zwischen den Generationen. Der Fritz da drüben hat das Ding 40 Jahre. Der neue, junge Pächter nimmt keine Fräsen.

Ein älterer Herr grüsst Halfmann. Hans, grüss dich! Alles klar? Hans ist einer der ältesten Pächter.

Warum stört es die junge Familie, wenn Fritz die Motorfräse nimmt?
Das sind schon fast ideologische Grundsätze. (lacht)

Gibt es oft solche Konflikte?
In einigen Anlagen schon. Bei uns gibt es eigentlich nur diese eine junge Familie und die alteingesessenen Gärtner. Dieser scharfe Bruch zwischen den Generationen ist ein Problem.

Der Durchschnittsbesitzer ist immer noch der ältere Schweizer?
Ältere Ehepaare. Wir leben in einer Gesellschaft, die demografisch nicht ausgewogen ist, und hier in den Kleingärten zeigt sich das noch stärker. Aber jetzt kommt ein Schub an Jungen.

Wie oft wechselt eine Parzelle den Pächter?
Zwei bis drei im Jahr hören wegen Altersumständen auf. Das wird sich wegen der Altersstruktur beschleunigen auf fünf im Jahr. Aufgeben von den Alten tut niemand einfach so. Das finde ich gut. Letztens mussten wir jemandem kündigen, weil er die Bewirtschaftung des Grundstücks nicht schaffte.

Das war Ihre Meinung oder auch seine?
Das war objektiv sichtbar. Es war total vergammelt.

Da schreiten Sie ein?
Ja, da müssen wir eingreifen. Es ist manchmal wegen des Alters. In einer kleineren Anlage wie hier in Lyss ist es überschaubarer als in einer Anlage wie in Zürich-Wiedikon, die fast 400 Mitglieder hat.

Gerade in Städten hört man immer von langen Wartelisten.
Es gibt Vereine, die haben 100 Leute auf der Warteliste. Von ihren 100 Parzellen werden jedes Jahr bloss 10 frei. In Städten wie Zürich, wo die Leute beruflich etwa drei bis fünf Jahr wissen, wo sie sind, ist das schwierig.

Ist die Nachfrage nach Gärten seit Corona noch mehr gestiegen?
Sehr. Wir haben seit einem Jahr mehr Anfragen. Es sind derzeit 5000 Personen, die sich bei unseren Vereinen für eine Parzelle interessieren. Um diese Anfrage zu befriedigen, bräuchten wir etwa 200 Hektar Fläche. Im Moment haben wir aber nur Areale, die wir verlieren.

Gibt es klare Regeln, was ich bei mir im Garten wie anbauen darf?
Es gibt überall eine Gartenordnung.

Weit gereister Kleingärtner

Philippe Rossier

Otmar Halfmann lebt sieben Leben in einem. Aufgewachsen im deutschen Wuppertal ging er mit Anfang 20 für die deutsche Entwicklungshilfe nach Sambia. Lebte vier Jahre in Saudi Arabien, sah dort sogar ein Gefängnis von innen. «Alles Erlebnisse», sagt der heute 68-Jährige, «die ich nicht missen will.» Er zieht in die Schweiz und arbeitet für diverse Logistikunternehmen im Management. 2018 geht er für Ärzte ohne Grenzen in den Sudan, nun würde er gerne noch einen Einsatz machen. «Ich bin ein Kosmopolit», sagt Halfmann, der mit einer Sambierin verheiratet ist. Die beiden haben vier Kinder und sind bereits Grosseltern. Sie leben in Lyss BE.

Muss ein gewisser Anteil Gemüse und Obst sein?
Ja, da ist in den meisten Gartenreglementen. Wir haben auch einen Beetabstand. (lacht) Ein bisschen Ordnung hilft.

Wegen des Erscheinungsbilds? Oder will man nicht, dass die Leute nur grillieren?
Ein Hintergrund ist die historisch gewachsene Selbstversorgungsidee. Die war gerade zwischen den beiden Kriegen ausgeprägt. Es gab eine Ermutigung, Flächen im öffentlichen Raum mit Kartoffeln und Gemüse zu bewirtschaften.

Aber der Krieg ist schon lange vorbei!
Es schmeckt einfach gut. Das Gemüse, das wir aus dem Gewächshaus in Südspanien kriegen, hat deutlich über 2500 Kilometer Weg hinter sich, kann gar nicht mehr so schmecken wie das hier. Hinzu kommt der Stolz, fürs Essen zu arbeiten. Das klingt jetzt sehr altmodisch, aber das Leben ist nicht nur Take-away.

Halfmann: Sali Fritz. Wie gehts Lisa?
Nachbar: Ja geht gut. Sie ist am Klavierspielen.
Halfmann: Ist gut gegen die Arthrose. (lacht)
Nachbar: Sie hat jetzt mit 77 Jahren angefangen, Klavier zu lernen, und nimmt Stunden.
Halfmann: Das ist ja toll.
Nachbar: Ja, das ist schön. Sie hat Freude. Und ich halte es sogar noch aus, wenn sie probt. (lacht)

Der Bedarf ist da. Dennoch gibt es immer weniger Schrebergärten.
Sie liegen zum Teil an Standorten, die heute nicht mehr passen. Kürzlich habe ich eine Einsprache gemacht in Zürich-West. Da macht es wirklich keinen Sinn, noch ein Shoppingcenter zu bauen. Bei unserer Raumplanung läuft etwas schief. Wie viele Geschäfte wurden in den letzten Jahren aufgegeben, und dennoch bauen wir immer mehr Verkaufsflächen? Man muss doch an den Onlinehandel und das veränderte Konsumverhalten denken.

Wo sehen Sie eine Chance für mehr Gärten?
Rückzonung ist ein grosses Thema. Ich sehe die Chance, dass man auf so einer Fläche für 20 Jahre eine Zwischennutzung macht für einen Familiengarten. Der Bedarf ist da. Wenn ich in Zürich heute 100 Parzellen irgendwo zwischen Dietikon und Oerlikon zur Verfügung stellen würde, hätte ich sofort 1000 Leute, die sich bewerben. Ich hoffe, dass ich so ein Projekt in meinem Alter noch anstossen kann.

Was haben die beiden Landwirtschafts-Initiativen für Auswirkungen für Familiengärten?
Sie haben keine grossen Auswirkungen, weil wir in den meisten Anlagen den Pestizideinsatz sowieso schon verboten haben. In Zürich fliegen sie sofort vom Grundstück, wenn sie Pestizide oder Fungizide verwenden. Daher tangiert es die Art und Weise, wie wir unsere Gärten bewirtschaften, eigentlich nicht. Aber unser Verband unterstützt die Initiativen. Die Mehrheit der Bevölkerung wird wahrscheinlich beide Initiativen annehmen. Wir können in der Schweiz eine Vorreiterrolle einnehmen. Wir haben nicht so riesige Monokulturen wie etwa Frankreich oder die USA, da wäre es schwieriger.

Müssen Sie die Gärtner in Lyss ermahnen?
Bei uns haben wir kein Verbot, aber die soziale Kontrolle. Nachts könnte jemand vielleicht etwas spritzen (lacht), am hellen Tag sicher nicht. Ich sehe auch eine gewisse Vorbildfunktion: Diejenigen, die naturnah gärtnern wollen, sollen bitte auch zeigen, dass es geht. Ich sammle ja auch den Mist von unserem Pony und tu ihn da drauf (zeigt auf die Kartoffeln). Aber ich habe Verständnis für die Opposition.

Erklären Sie.
Es sind Personen, Existenzen betroffen. Ich verstehe, dass sie sich wehren. Man muss auch mal sagen, es ist nicht alles schlechter geworden in der Landwirtschaft. Wir Kleingärtner sind auch nicht existenziell vom Ertrag abhängig. Ein Bauer, der ein bestimmtes Bewirtschaftungsmodell hat und auf bestimmte Chemikalien angewiesen ist, schon. Ich verhungere hier nicht, wenn wir einen Befall haben von Schädlingen oder Pilzen. Der Bauer hat ein ganz anderes Problem beim Ernterückgang. Da erwarte ich Verständnis von jedem.

Wieso sagt man eigentlich Familiengarten und nicht mehr Schrebergarten?
Interessant, dass Sie diese Frage zum Schluss stellen. Das ist ein frühes Beispiel von Cancel Culture. Herr Schreber war Pädagoge aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Mitinitiant der ersten Kleingartenanlage im Raum Leipzig stand für sehr rabiate Konzepte im Umgang mit Kindern. Der Begriff wurde immer mehr zurückgedrängt. Das hat wohl mit seinem schrägen Konzept zu tun. Der Begriff ist immer noch in den Köpfen, aber wir verwenden ihn gar nicht mehr.

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