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Polizeigewalt und Wahlmanipulation: EU plant Sanktionen gegen Weissrussland

Brüssel hat sich zu Strafmassnahmen gegen die Regierung in Minsk durchgerungen. Auch die Wahlfälschung wird zum Thema.

Die Brutalität der weissrussischen Polizei hat auch die EU aufgeschreckt.

Die Brutalität der weissrussischen Polizei hat auch die EU aufgeschreckt.

Foto: Jauhen Yertschak (Keystone/10. August 2020)

Die EU bringt wegen der Polizeigewalt in Weissrussland neue Sanktionen gegen Unterstützer des Staatschefs Alexander Lukaschenko auf den Weg. Zudem soll es Strafmassnahmen gegen Personen geben, die für eine Fälschung der Präsidentenwahl verantwortlich gemacht werden, wie die Deutsche Presse-Agentur am Freitag nach Beratungen der EU-Aussenminister von Diplomaten erfuhr. Der EU-Aussenbeauftragte Josep Borrell werde nun eine entsprechende Liste vorbereiten, hiess es.

Man wolle als Europäische Union den Druck auf Weissrussland deutlich erhöhen, hatte Deutschlands Aussenminister Heiko Maas bereits zum Auftakt Beratungen erklärt. Es gehe darum, ganz gezielt einzelne Personen zu sanktionieren, die in den letzten Tagen und Wochen bei Wahlfälschungen, aber auch bei der Gewalt gegen Demonstranten unrühmlich in Erscheinung getreten seien.

In Weissrussland selbst weiteten sich am Freitag ungeachtet der Freilassung von mehr als 2000 Demonstranten die Proteste gegen Gewalt und Polizeiwillkür noch einmal aus. Aus Unmut über Lukaschenko wurde in immer mehr Staatsbetrieben gestreikt. In vielen Städten bildeten Demonstranten lange Menschenketten. Der Präsident selbst reagierte auf Spekulationen, er habe das Land bereits verlassen: «Fürs Erste: Ich bin noch am Leben und nicht im Ausland.» Zudem warnte er vor Arbeitsniederlegungen. «Wenn wir aufhören zu arbeiten, werden wir die Produktion nie wiederherstellen können», sagte er. (Vgl. Sie unser Porträt von Lukaschenko: Dialog unerwünscht).

Misshandlungen im Gefängnis

In der ehemaligen Sowjetrepublik hatte sich der oft als «letzter Diktator Europas» bezeichnete Präsident am Sonntag zum sechsten Mal in Folge als Wahlsieger ausrufen lassen. Die Wahlkommission sprach ihm am Freitag offiziell 80,1 Prozent der Stimmen zu. Daran gibt es erhebliche Zweifel – nicht nur im Land selbst.

Nach ihrer Freilassung berichteten viele von schwersten Misshandlungen im Gefängnis. Fast 7000 Menschen sind in den vergangenen Tagen festgenommen worden. «Wir tun alles nur Mögliche, um die Situation zu lösen», behauptete das Innenministerium. Es sollten weitere inhaftierte Demonstranten freigelassen werden. Viele schilderten unmenschliche Bedingungen in überfüllten Gefängnissen.

Die Proteste in Weissrussland gehen unvermindert weiter.

(Video: Tamedia)

In Weissrussland hält ein grosser Teil der Bevölkerung die Lukaschenko-Gegnerin Swetlana Tichanowskaja für die eigentliche Siegerin der Wahl. Die Wahlkommission sprach ihr aber nur zehn Prozent der Stimmen zu. Ihre Unterstützer gehen von einem Sieg mit 60 bis 70 Prozent aus. Aus Angst um ihre Sicherheit und die ihrer Kinder ist die 37-Jährige ins benachbarte EU-Land Litauen geflüchtet.

Aufruf zu neuen Protesten

In einer Videobotschaft rief sie zu neuen Protesten auf. «Lasst uns zusammen unsere Stimmen verteidigen.» Am Wochenende sollten sich die Menschen in allen Städten zu friedlichen Massenversammlungen zusammenfinden. Sie schlug zudem die Gründung eines Koordinierungsrates vor, «um damit eine Machtübertragung sicherzustellen». Sie sei zum Dialog mit den Behörden bereit.

Nach Einschätzung von Beobachtern könnte ein flächendeckender Streik in den Betrieben Lukaschenko zu Fall bringen. Es mehren sich Stimmen von Experten, die meinen, dass seine Tage im Amt gezählt sein könnten. Innenminister Juri Karajew hatte sich im Staatsfernsehen bei den Bürgern für die Festnahme vieler Unschuldiger entschuldigt – auch das gilt in dem autoritär geführten Land als ungewöhnlich. (Lesen Sie unsere Analyse: Das Volk wird Lukaschenko nicht mehr verzeihen).

In Russland, das wirtschaftlich eng mit dem Nachbarn verbunden ist, wurden erste Rufe nach einer Vermittlerrolle Moskaus laut. Der russisch-weissrussiche Handelsrat forderte ein Ende des «sinnlosen Blutvergiessens und der Gewalt gegen friedliche Bürger». Es müsse ein Komitee zur nationalen Rettung aus Intellektuellen und Wirtschaft gebildet werden. Russland gilt als das Land mit dem grössten Einfluss in der Ex-Sowjetrepublik.

Sanktionen vor vier Jahren auslaufen lassen

Ob auch Lukaschenko persönlich mit Sanktionen rechnen muss, blieb zunächst offen. Die Entscheidung über den betroffenen Personenkreis werde der Rat treffen, sagte Maas. Den Personen müssten «nachweisbar Verfehlungen zur Last gelegt werden können». Wichtig sei, dass es zu einem Dialog komme, das Wahlergebnis überprüft werde und alle Festgenommenen wieder freikämen.

Die EU hatte zuletzt im Februar 2016 ungeachtet der Kritik von Menschenrechtlern zahlreiche Sanktionen gegen den Machtapparat von Lukaschenko auslaufen lassen. Lediglich ein bestehendes Waffenembargo sowie Strafmassnahmen gegen vier Belarussen, die am Verschwinden von Regime-Gegnern beteiligt sein sollen, wurden zuletzt noch aufrechterhalten.

Für Lukaschenko, 169 Gefolgsleute sowie drei Unternehmen bedeutete die EU-Entscheidung damals, dass von ihnen vorhandene Vermögen in der EU nicht mehr gesperrt werden konnten. Zudem wurden für sie sämtliche Reise- und Geschäftsbeschränkungen aufgehoben. Als einen Grund für die Lockerung der Sanktionen nannte die EU damals die Freilassung politischer Gefangener sowie die gewaltfrei verlaufene Präsidentenwahl im Jahr 2015.

SDA/fal

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