Switzerland

Ohne Tests agiert die Politik im Blindflug

Bereits wird über Strategien diskutiert, wie die Schweiz den derzeitigen Krisenmodus überwinden kann. Die Entscheide sollten auf soliden medizinisch-wissenschaftlichen Daten basieren. 

Im Universitätsspital Zürich wird ein Mann auf Sars-CoV-2 getestet.

Im Universitätsspital Zürich wird ein Mann auf Sars-CoV-2 getestet.

Ennio Leanza /Keystone

Seit einer Woche wohnt Alice nun bei ihrer hustenden und schniefenden Schwester, die positiv auf Sars-CoV-2 getestet wurde, und verliert langsam die Geduld. Sie fasst alles an, was Hanna – beide Frauen heissen in Wirklichkeit anders – zuvor berührt hat, desinfiziert weder Oberflächen noch ihre Hände und ist stets darauf bedacht, den geringstmöglichen Abstand zu ihrer jüngeren Schwester einzuhalten. Trotz intensiven Ansteckungsbemühungen bleibt die 26-Jährige aber gesund.

Der wahrscheinlichste Grund dafür ist, dass sie bereits früher infiziert wurde und daher immun gegen Sars-CoV-2 ist. Vor mehreren Wochen habe sie in der Tat starke Halsschmerzen und leichtes Fieber gehabt, erinnert sich Alice. Auch viele ihrer Arbeitskollegen seien damals kurzzeitig krank gewesen. Ob das Covid-19 war? Die Antwort darauf könnte nur ein Antikörpertest liefern. Dabei wird untersucht, ob das Blut über erhöhte Mengen an schlagkräftigen Immunwaffen gegen den Erreger verfügt. Sollte dies der Fall sein, wäre Alice «geimpft» gegen Sars-CoV-2, zumindest eine Zeitlang.

Denkbar ist zudem, dass sich die junge Frau bei ihrer Schwester angesteckt hat, ohne Symptome aufzuweisen, und das Virus nun ebenfalls verbreitet. Um dies festzustellen, müsste sie sich einem Virentest unterziehen. Dieser besteht darin, in einem Zellabstrich aus Nase oder Rachen nach genetischem Material des Erregers zu suchen. Keines der beiden Verfahren wird hierzulande allerdings einer breiten Öffentlichkeit angeboten. Daher wissen praktisch nur Personen mit schweren Krankheitssymptomen, ob sie an Covid-19 leiden oder nicht.

Entscheidungen erfordern eine solide Datenbasis

Unwissenheit ist jedoch ein schlechter Ratgeber, wenn weitreichende Entscheidungen anstehen. So lässt sich bis anhin nicht sagen, wie viel der momentane Shutdown tatsächlich bringt und wie gross die Gefahr ist, dass die Infektionszahlen nach seiner Lockerung in die Höhe schiessen. Ähnlich wie ein Kapitän die Wetterverhältnisse und Meeresuntiefen kennen muss, um gefährliche Klippen zu umschiffen, kann die Politik die Schweiz nur einigermassen unbeschadet aus der Pandemie steuern, wenn sie die Sachlage hinreichend einzuschätzen vermag.

Dass es dabei immer Unwägbarkeiten gibt, liegt auf der Hand. Auch auf hoher See kann sich der Wind plötzlich drehen und den Kapitän zu entschlossenem Handeln nötigen. Eine informierte Entscheidung ist jedoch das eine, eine blinde das andere. Für Erstere fehlt bis jetzt eine solide Datengrundlage. Zwar hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) am 1. April verkündet, dass sich die Infektionskurve inzwischen abflache. In seine Berechnung gehen allerdings nur die gemeldeten Fälle ein. Völlig offen ist dagegen, wie viele Personen tatsächlich an Covid-19 erkrankt sind und wie viele sich angesteckt haben, ohne Symptome zu entwickeln: Sind es Hunderte, Tausende oder gar Hunderttausende?

Um dies zu klären, müssten alle Personen mit Erkältungssymptomen und solche, die mit Covid-19-Patienten Kontakt hatten, einen Virentest vornehmen. Bis jetzt werden solche Untersuchungen allerdings weder gefordert noch gefördert. Wer den Coronavirus-Check des BAG ausfüllt und dabei milde Symptome, aber keine zusätzlichen Risiken wie ein fortgeschrittenes Alter oder Diabetes angibt, erhält folgende Antwort (Stand 31. März): «Sie haben Symptome, die zu Covid-19 passen. Es ist möglich, dass Sie am neuen Coronavirus erkrankt sind. Solange Sie keine sehr starken Symptome haben, ist eine medizinische Abklärung oder ein Labortest nicht angezeigt. Bleiben Sie für mindestens 10 Tage zu Hause und meiden Sie den Kontakt zu anderen Menschen (Selbst-Isolation). So verhindern Sie, dass Sie andere Personen anstecken. Wenn seit Symptombeginn mindestens 10 Tage verstrichen sind, können Sie, 48 Stunden nachdem Ihre Symptome abgeklungen sind, wieder aus dem Haus gehen.»

Zählt man dagegen zu einer der Risikogruppen, lautet die Empfehlung des BAG: «Sie sind eine besonders gefährdete Person. Rufen Sie eine Ärztin bzw. einen Arzt oder eine Gesundheitseinrichtung an. Sagen Sie, dass Sie eine besonders gefährdete Person sind und Krankheitssymptome haben. Sie werden beraten, ob eine medizinische Abklärung oder ein Labortest durchgeführt werden soll.» Selbst in diesem Fall besteht somit keine Testpflicht. Nicht sonderlich gross scheint der Wissensdrang des BAG zudem zu sein, was das Schicksal der schwer erkrankten Covid-19-Patienten angeht. Es führt zwar Buch über die Zahl der Verstorbenen, nicht aber über jene der Geheilten. Aus dem Blickwinkel der Medizin wäre es indes wichtig, die beiden Gruppen miteinander und mit den harmlosen Fällen vergleichen zu können.

Wir benötigen umgehend Tests

Um zu wissen, an welchem Punkt der Infektionswelle wir stehen und wie es ab dem 19. April weitergehen kann, müssen jetzt unbedingt die wichtigsten Datenlücken geschlossen werden. Das gilt nicht nur für die Zahl der Neuansteckungen, sondern auch für die möglicherweise grosse Dunkelziffer aller, die bereits infiziert waren und nun immun gegen Sars-CoV-2 sind. Diese Gruppe rasch zu identifizieren, ist sowohl für die Volkswirtschaft als auch für die Volksgesundheit von entscheidender Bedeutung. Denn Personen mit Immunschutz könnten zum Arbeitsplatz zurückkehren und ihr Sozialleben wieder aufnehmen, ohne sich oder andere zu gefährden. Sie in «Isolationshaft» zu halten, nur weil es an Testmöglichkeiten fehlt, lässt sich schwerlich rechtfertigen.

Auch aus planerischen Gründen ist es wichtig, den «Durchseuchungsgrad» der Bevölkerung zu kennen. So liefert dieser Parameter wertvolle Hinweise darauf, wie viele Spitalbetten in den kommenden Wochen und Monaten für die Versorgung von schwerkranken Covid-19-Patienten benötigt werden könnten. Forscher um Adriano Aguzzi, Direktor der Klinik für Neuropathologie am Universitätsspital in Zürich, sind gerade dabei, diese Frage im Rahmen einer klinischen Studie zumindest annäherungsweise zu klären. Bis jetzt tappen wir diesbezüglich nämlich offenbar im Dunkeln. Nur so lässt sich erklären, weshalb viele Spitäler laut Medinside, einem Portal für die Gesundheitsbranche, halb leer stehen und sich daher gezwungen sehen, für ihr Personal Kurzarbeit zu beantragen.

Flächendeckende Tests setzen allerdings voraus, dass die Zahl der Untersuchungsstätten drastisch erhöht wird. Wie das in einer Demokratie funktionieren kann, hat Südkorea vorgemacht. Hier wurden bald nach den ersten Ansteckungen mehrere hundert Testzentren eingerichtet – und das ausserhalb der Spitäler, um das dortige Personal nicht zu überfordern. Hinzu kommen Dutzende von Drive-throughs, wo sich Personen mit Verdacht auf eine Sars-CoV-2-Infektion im Vorbeifahren untersuchen lassen können. Mit diesen und weiteren Massnahmen, darunter eine konsequente Isolierung der Infizierten und ein möglichst lückenloses Contact-Tracing, ist es dem asiatischen Land gelungen, die Zahl der Neuansteckungen innerhalb von zwei Wochen um rund neunzig Prozent zu senken und auf niedrigem Niveau zu halten.

Die gute Nachricht ist: In der Schweiz scheinen die Forderungen nach mehr Viren- und Antikörpertests mittlerweile auf fruchtbaren Boden zu fallen. Wie Jan Fehr vom Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der Universität Zürich auf Anfrage sagt, hätten mehrere Universitäten im In- und Ausland inzwischen Antikörpertests entwickelt. Wichtig sei allerdings, die vielen Einzelaktivitäten zu bündeln und koordiniert vorzugehen. «Denn um die offenen Fragen beantworten zu können, brauchen wir mehr als einen Flickenteppich», stellt Fehr klar. Geplant sei, schweizweit in allen Kantonen Antikörpertests vorzunehmen, um die Immunität der Bevölkerung abschätzen zu können.

Nach dem Zufallsprinzip werden dabei Männer, Frauen und Kinder aller Altersgruppen und mit unterschiedlichem Gesundheitszustand ausgewählt. Koordiniert wird die Studie laut Fehr von der Swiss School of Public Health. «Der einzige Wermutstropfen sind die hohen Kosten, die bei rund zehn Millionen Franken liegen dürften», räumt der Infektiologe ein und fügt hinzu: «Wir arbeiten mit Hochdruck daran, die Finanzierung zu sichern, und sind um Unterstützung froh.» Zu hoffen bleibt, dass die Tests bald anlaufen und sie die drängenden Fragen rasch beantworten können.

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