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Switzerland

«Oh Gott!» – Wieso der FC Zürich so viele Kanterniederlagen einfängt

Es ist Februar, und der FCZ hat bereits so viele Klatschen kassiert wie noch nie in einer Saison. Die unrühmliche Serie gründet auf dem Offensivdrang, der Jugendlichkeit, dem Fehlen von Leadern. Doch es gibt auch Potenzial. 

Ludovic Magnin (Zweiter von rechts) weist gegen den FC Basel seine Mannschaft an – doch am Ende steht es 0:4.

Ludovic Magnin (Zweiter von rechts) weist gegen den FC Basel seine Mannschaft an – doch am Ende steht es 0:4.

Ennio Leanza / Keystone

Der FC Zürich dieser Tage ist wie ein Dieselmotor. Er braucht auch im neuen Jahr wieder sehr lange, um warm zu werden. Am vergangenen Wochenende soff er gegen Basel schon beim Startversuch ab: Rückstand nach 12 Sekunden, Schlussresultat 0:4. In der Vorrunde hatte er bis zum sechsten Spiel auf den ersten Sieg warten müssen. Nun verlor er zum Auftakt der Rückrunde 2:3 gegen Luzern, spielte in Sitten Remis und dann . . . der nächste Tiefpunkt.

Es ist erst Februar. Aber das 0:4 gegen Basel war die siebente Kanterniederlage seit dem vergangenen Sommer (siehe Tabelle). Selbst in einer gesamten Saison haben die Zürcher noch nie so oft mit vier oder mehr Gegentoren verloren. Selbst die Abstiegskandidaten Xamax und Thun sind seltener eingebrochen. Im «Tages-Anzeiger» waren nach der Niederlage gegen Basel die Worte «Lachnummer» und «Horrorshow» zu lesen.

Wer kommt nach Tihinen?

Und den grusligsten Auftritt gab es ausgerechnet gegen den nächsten Gegner Servette, was nicht einmal so lange her ist. 0:5 endete der Vergleich im Dezember im Letzigrund. Und so drängt sich wieder die Frage auf, wieso dieses Team so oft in seine Einzelteile zerfällt. «Oh Gott! Wenn ich das wüsste», seufzt der Präsident Ancillo Canepa. Eine Vermutung hat er aber: «Uns fehlt in kritischen Situationen ein alles überragender Chef. Damit müssen wir vorläufig leben.»

Es ist fraglich, ob diese Problematik nur «vorläufig» ist, wie Canepa sagt. Eigentlich muss sich der FCZ seit einem Jahrzehnt damit abfinden: Die Leader sind rar, seit dem Rücktritt Hannu Tihinens 2010 ist das ein Hauptproblem im FCZ. Eine ähnliche Ausstrahlung wie Tihinen hatten seither nur Yassine Chikhaoui, der zu oft verletzt war, oder Alain Nef, der im Sommer die Karriere beendete. Nur zwei derartige Figuren in zehn Jahren? Der FC Zürich tut sich offensichtlich schwer, Spieler zu finden, die in der Kabine Gewicht haben.

Einfacher scheint es für das Präsidentenpaar Canepa mit dem Trainer zu gehen. Mit Ludovic Magnin planen sie langfristig. Sie stärkten ihn durch mehrere Krisen hindurch. Am 20. Februar wird er sein Zwei-Jahre-Jubiläum als Chefcoach begehen. Erst im Januar haben die Canepas seinen Vertrag vorzeitig um zwei weitere Jahre verlängert, obschon die bisherige Zeit mehr schwierige als unbeschwerte Phasen aufwies. 1,42 Punkte hat Magnin in 89 Partien im Schnitt gewonnen. Urs Meier musste trotz 1,60 Punkten pro Spiel gehen, Uli Forte mit 1,44. Aber die nackten Zahlen sagen nicht alles. Magnin ist für Canepa weiterhin ein Versprechen. «Ich weiss, was wir an ihm haben», sagt der Präsident. Magnin sei ein hochgradig intelligenter Typ. «Er hat eine Riesenerfahrung als Fussballer, ist charakterlich ambitioniert und macht technisch und taktisch gute Trainings.»

Gerade im Adjektiv «ambitioniert» liegt der Schlüssel, um Canepas Hoffnung in diesen Trainer zu verstehen. Am Freitag ist Magnin so gut aufgelegt und unbeschwert, als hätte sein Team 4:0 gewonnen und nicht 0:4 verloren. Wenn Magnin über sich und seinen Fussball spricht, dann legt er oft einen Kampf der Kulturen offen. Dieser dreht sich meistens darum, wie die Schweizer ticken und wie sie diesen Sport verstehen – und wie unterschiedlich dies in Deutschland der Fall ist, wo Magnin acht Jahre lang spielte und zwei Meisterschaften gewann. Er verstehe immer besser, wieso er selber im Ausland erfolgreich gewesen sei und talentiertere Fussballer als er in der Schweiz geblieben seien. «Weil ich mir etwas zugetraut habe», sagt Magnin.

Hier werde er oft gefragt, wieso er nicht wenigstens «anständig» verliere, wieso er nach einem 0:2 nicht etwa hinten dicht mache und Schlimmeres vermeide. «Aber so bin ich nicht. Mir ist es egal, wie wir verlieren, ich will nicht anständig verlieren», sagt Magnin. Gegen Basel habe er beim Stand von 0:2 gespürt, dass noch etwas möglich sei. In der Tat war der FCZ nahe an einem Anschlusstor, und Magnin wechselte zusätzliche Offensivkräfte ein. Das Unterfangen scheiterte. «Wir haben unanständig verloren, aber wenigstens etwas probiert», sagt er. Sonst hätte sich Magnin vorgeworfen, nicht versucht zu haben, die Wende zu schaffen. Er erinnert mit solchen Aussagen an Konzepttrainer wie etwa den 4-3-3-Papst Zdenek Zeman. Egal wie hoch dessen Teams, wie vor einigen Jahren der FC Lugano, im Rückstand lagen: Sie griffen weiter an, eisern nach ihrem Schema.

Canepas Faszinosum

Diese Mentalität muss für Canepa ein Faszinosum sein. Er hat die Sehnsucht nach einem angriffigen Stil immer geäussert. Zudem ist Magnin genug waghalsig, um eine zweite Prämisse der Klubpolitik schon fast bedingungslos erfüllen zu wollen: diesen Offensivfussball mit jungen Spielern anzustreben. Gegen Basel standen vier Talente mit 21 Jahren oder weniger auf dem Platz. Die Schlüsselpositionen im defensiven Mittelfeld hatten der 18-jährige Simon Sohm und der 21-jährige Toni Domgjoni inne. Ihnen standen die Basler Taulant Xhaka und Fabian Frei gegenüber – beide je zehn Jahre älter.

Auch deshalb sind die häufigen Kanterniederlagen nicht erstaunlich, wie der Sportpsychologe Jan Rauch sagt. Der Dozent an der ZHAW weist auf die grösseren Leistungsschwankungen junger Spieler hin. Und auch auf die emotionalen. «Geht man von gleichen Qualitäten zweier Teams aus, dann wird das jüngere instabiler sein», sagt Rauch. «Routiniers sind oft nicht per se die besseren Fussballer, aber sie lassen sich weniger schnell von der Unruhe anstecken.» Ein derart früher Gegentreffer wie gegen Basel könne eine Mannschaft von Unerfahrenen deshalb stärker verunsichern.

Es ist vieles erklärbar im FCZ: Er will seine Talente reifen lassen und sie für viel Geld ins Ausland ziehen lassen. Aber er muss sich auch der Gefahr bewusst sein, der er sein Kapital aussetzt. Was ist, wenn die vielen Jugendlichen nach derartigen Niederlagen verheizt werden, wenn sie in einen Teufelskreis geraten? «Wichtig ist nun, dass der Klub an seiner Philosophie mit jungen Spielern festhält», sagt Rauch. Wer einen Fehlpass spielt, soll nicht gleich auf der Tribüne landen.

Der FCZ beweist diese Geduld bis jetzt, mit dem Trainer, mit den Spielern. Aber Tacheles geredet wird durchaus. «Simon Sohm kennt mich seit sechs Jahren und den Nachwuchsteams schon», sagt Magnin, «er weiss, wann er eine gute Videoanalyse bekommt und wann nicht.» Konstant ist im FCZ sicher eines: «Meine Ehrlichkeit», sagt Magnin. Es bringe nichts, den jungen Spielern zu sagen, dass sie gut seien. Auf lange Sicht kann diese Konstellation auch ein Potenzial sein. Die Vorrunde hat mit einem 3:2 gegen Basel, sechs Punkten gegen den jetzigen Leader St. Gallen und einer Serie von vier Siegen in Folge immerhin schon Ansätze gezeigt.

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