Switzerland

Nur noch Ambri kann dem SCB helfen

Der Berner Marsch erklingt für einmal nicht um 19.31, sondern erst um 19.38 Uhr. Auf der grössten Stehrampe im europäischen Eishockey gibt es keinen Fahnenaufzug. Immerhin, die wegen des Coronavirus ausgeschlossenen Fans des SC Bern geben ihrer Mannschaft für die kapitale Partie gegen Gottéron per Transparent eine Botschaft mit auf den Weg: «Kämpfet für d’Playoffs».

Bern rennt an, doch die Freiburger verteidigen sich geschickt. Die Zeit verrinnt. 67 Sekunden vor Schluss bezieht Gottéron-Coach Christian Dubé sein Time-out. Als die Schlusssirene ertönt, ist das Derby noch nicht zu Ende. Und doch stürmt Berra zur Bank und in die Arme seiner Mitspieler. Gottéron hat mit dem sicheren Punktgewinn das Playoff erreicht und gleichzeitig auch Lausanne zu einem Top-8-Platz verholfen.

Applaus vom Clubpersonal

Die Verlängerung dauert nur 32 Sekunden, dann trifft Thomas auf Pass von Mark Arcobello zum hoch verdienten 1:0 für den SCB. Keine Feststimmung, nur ein paar Jubelschreie sind zu hören. Und als die Berner das Eis verlassen, spenden ein paar Clubangestellte Applaus. «Alle haben von der tollen Atmosphäre in Bern geschwärmt, und nun debütiere ich hier in einem Geisterspiel», erzählt Thomas kopfschüttelnd.

Ohne Publikum hätten sie die Energie selber erzeugen müssen, «das ist uns gut gelungen. Wir hatten viele Chancen, leider gelang es uns nicht, in der regulären Spielzeit den Goalie zu bezwingen.» Berra erklärt derweil, ohne Zuschauer sei es einfacher, mit den Mitspielern zu kommunizieren, «aber sonst war es sehr schwierig. Denn Lärm gibt dir viel Energie.»

Bern ist nun einen Punkt hinter Lugano unter dem Strich klassiert und kann das Playoff nur noch erreichen, wenn Ambri in der letzten Runde das Tessiner Derby gewinnt. «Es ist kein gutes Gefühl, so zu gewinnen», berichtet Thomas, «aber wir müssen uns auf das konzentrieren, was wir beeinflussen können. Und das ist: am Samstag Lausanne schlagen.»

Im Presseraum sagt SCB-Chef Marc Lüthi, es sei richtig, die Qualifikation so abzuschliessen. «Aber wir müssen Geisterspiele in Zukunft unbedingt vermeiden. Wir können sie uns schlicht nicht leisten.» Die SCB-Spieler werden diesmal nicht einzeln aufgerufen, sondern vom Speaker in globo herzlich willkommen geheissen, genau wie die Gegner aus Freiburg.

Anders als im Fussball sind Geisterspiele im Eishockey eine Rarität. Am 7. September 2001 musste Lugano wegen der Randale im Anschluss an den gegen die ZSC Lions verlorenen Playoff-Final der Vorsaison gegen Rapperswil-Jona in der leeren Resega antreten. In der American Hockey League wurden zweimal Matches wegen Winterstürmen ohne Publikum durchgeführt. Am ähnlichsten ist ein Fall aus dem Jahr 1985: Gemäss Wikipedia trug die Universität Boston aufgrund einer Masern-Epidemie auf dem Campus Geisterspiele aus.

Skurrile Durchsage

Der Puck wird eingeworfen, und die Gastgeber geben im Zähringer Derby auch ohne Unterstützung des Heimpublikums Vollgas. Der Kanadier Christian Thomas, der wegen der Sperre des Slowenen Jan Mursak zum ersten Einsatz im Dress der Mutzen kommt, vergibt in der 3. Minute im Powerplay die erste gute Möglichkeit.

Im ersten Drittel lässt die Mannschaft Hans Kossmanns insgesamt vier hochkarätige Chancen aus, wobei der starke Gottéron-Goalie Reto Berra jeweils das Veto einlegt. In der Pause wird skurrilerweise ein Tondokument eingespielt, mit dem nicht nur Sponsoren gedankt, sondern auch auf «die vielen Verpflegungsstände» hingewiesen wird.

Auch in der Folge betreibt der Meister viel Aufwand; ja, es ist eine der besten Leistungen im Verlauf dieser Seuchensaison. Doch viel Berra und etwas Unvermögen verhindern den Führungstreffer. In der grossen Arena, in der nur die Spielerbänke und die Medientribüne besetzt sind, herrscht kein Mangel an Sauerstoff, und doch wird die Luft für den SCB immer dünner, führt doch Lugano in Rapperswil 3:1.