Switzerland

Neurologie: Musizieren in jungen Jahren hält das Gehirn auf Trab

Für die Studie analysierte das Forschungsteam um den Neurowissenschaftler Lutz Jäncke von der Universität Zürich mittels bildgebenden Verfahren die neuronalen Netzwerke im Gehirn von 50 Nicht-Musikern sowie 103 Profimusikern, Musikstudenten oder gut ausgebildeten Hobbymusikern. Demnach arbeiteten die Hörareale der rechten und linken Gehirnhälfte der Musikerinnen und Musikern viel synchroner zusammen und waren stärker über Nervenbahnen miteinander verbunden als bei Laien. Sie wiesen auch ein deutlich ausgeprägteres «Kabelsystem» zwischen den Hörzentren und verschiedenen Hirnlappen auf, die komplexe Informationen verarbeiten.

«Wir vermuten, dass das jahrelange Training die Hirnregionen von Profimusikern synchronisiert hat», sagte Jäncke im Gespräch mit Keystone-SDA. Die erlernte Koordination zwischen Hören und motorischen Handlungen - etwa die Finger gezielt über die Klaviertasten laufen zu lassen - hinterlässt demnach willkommene Spuren im Gehirn. So schneiden Musiker laut Jäncke auch in Gedächtnisübungen gut ab und erkranken laut früheren Beobachtungsstudien seltener an Demenz.

Ebenfalls zeigte sich, dass Musiker, die ihre Ausbildung in jungen Jahren begonnen hatten, die besseren Verbindungen aufwiesen als die Spätzünder. «Die Studie zeigt, dass Talent und Begabung durch frühes Training herausgekitzelt werden können», sagte Jäncke. Besonders herausragende klassische Musiker hätten denn auch fast ausnahmslos im Kindesalter mit dem Musizieren begonnen.

Mozart, Bach und Michael Jackson sollen es gehabt haben: Das absolute Gehör, das nur ein verschwindend kleiner Teil der Menschen besitzt. Es erlaubt, jeden Ton auf Anhieb ohne Vergleichston zu bestimmen. Wie sich diese besondere Fähigkeit in den neuronalen Netzwerken des menschlichen Gehirns widerspiegelt, bleibt jedoch ein Rätsel, das die Forschenden auch in der aktuellen Studie nicht knacken konnten.

In ihrem Experiment teilten sie die Musikerinnen und Musiker in zwei Gruppen ein: 52 hatten das absolute Gehör, 51 nicht. Doch die Gehirne beider Musikergruppen wiesen auffallend ähnliche Strukturen auf. «Das hat uns sehr überrascht», sagte Jäncke.

Ein Grund könnte sein, dass die Gruppe der Musiker mit absoluten Gehör zu gross war und sich Effekte erst zeigen, wenn man sie in Untergruppen aufteilt. Dafür entwickeln die Forschenden derzeit Tests, um die absoluten Musiker besser voneinander zu unterscheiden. So hoffen sie, der seltenen Gabe doch noch ihr Geheimnis zu entlocken.

http://dx.doi.org/10.1523/JNEUROSCI.1985-20.2020

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