Switzerland

Neue Form von Landwirtschaft: Sie hilft Bauern, die keine Tiere mehr töten wollen

Sarah Heiligtag unterstützt Landwirte dabei, von der Nutztierhaltung wegzukommen. Ihr «Lebenshof» in Hinteregg ist Vorbild für eine ganze Bewegung.

Schweine wie Leonie dürfen auf Sarah Heiligtags Hof einfach sein. Nutzlos sind sie deshalb noch lange nicht.

Schweine wie Leonie dürfen auf Sarah Heiligtags Hof einfach sein. Nutzlos sind sie deshalb noch lange nicht.

Foto: Dominique Meienberg

Der Weg in die Zukunft der Landwirtschaft dauert knapp 30 Minuten. Mit der Forchbahn geht es vorbei am Butchers Table beim Hegibachplatz, wo getreu Nose-to-Tail-Küche einst verschmähte Stücke vom Rind für viel Geld auf den Tisch kommen. Auf der Forch schweift der Blick hinüber zum Hof von Nils Müller, der sich das Recht auf eine tierfreundlichere Schlachtung auf der Weide erkämpft hat. Dann nimmt das «Forchbähnli» noch mal Fahrt auf. Es geht hinunter nach Hinteregg, wo am Dorfeingang, eingeklemmt zwischen Gleis und Strasse, am Betrieb der Zukunft getüftelt wird: dem veganen, gewaltfreien Bauernhof.

In der Morgensonne döst eine Gruppe Pferde, Hühner picken im Sand, und im Stall stecken sieben ausgewachsene Schweine ihre Nase so tief ins meterhohe Stroh, dass nur noch ihre gewaltigen rosa Rücken zu sehen sind.

In Stier Henry verliebt

Vor dem Stall sitzt Sarah Heiligtag (42), die Obertüftlerin, in Jeans, Stiefeln und warmer Jacke. Sie hat ein junges Landwirtepaar zu Besuch, das ihren Rat braucht. Man kennt sich bereits, ist per Du. Heiligtag serviert Kaffee und Tee mit Hafermilch. Das Paar hält in St. Gallen Mutterkühe und Strausse – und Kängurus, mehr zum Spass. Vor einigen Monaten ist es passiert: Die junge Bäuerin hat sich in ein Stierkalb verliebt. Die Verbindung zu Henry ist stark, die junge Frau bringt es nicht übers Herz, den inzwischen fast ausgewachsenen Stier zu schlachten. Das übliche Schicksal soll nun bald allen Tieren auf dem Hof erspart bleiben. Wie hier in Hinteregg.

Eine solche Umstellung ist zuerst einmal eine nüchterne Angelegenheit: Es geht um das korrekte Verbuchen der Tiere in Grossvieheinheiten, um Nährstoffbilanzen und Haltungssysteme. Es geht um Marketing: die Pflege des Instagram-Accounts, um die Organisation von Hoffesten oder Kinoabenden und darum, welche Geschichte die jungen Bauern ihren Kunden erzählen über die Umstellung. Die Geschichte von Stier Henry, selbstverständlich.

Der Absprung braucht Mut

Aber es geht an diesem Morgen noch um etwas anderes. Lange schaut der junge Bauer schweigend dem Hufpfleger nebenan bei der Arbeit zu. Dann wendet er sich zögernd an Heiligtag: «Du kennst uns nun etwas. Schaffen wir das?» Am Nachmittag steht ein Gespräch mit seiner Mutter an, die den Familienbetrieb jahrelang mitgeführt hat und wenig von der Umstellung hält.

In den meisten Fällen übernehmen Landwirte den Betrieb von ihren Eltern. «Von Eltern, die, genau zu wissen glauben, wie man es macht», sagt Sarah Heiligtag. Wenn der Sohn dann auf eine gewaltfreie oder vegane Produktionsweise umstellen wolle, gebe es Streit. «Im schlimmsten Fall kommt es zu Handgreiflichkeiten, oft zu permanenter Kritik», sagt sie. «Sich gegen die eigenen Eltern aufzulehnen ist schwierig, das kennen wir alle.»

Eine Akademikerin hat genug

Heiligtag lebt seit 14 Jahren vegan und ist von einer beneidenswerten Unaufgeregtheit. Nie hätte sie, die Akademikerin, damit gerechnet, dass sie dereinst Bauern beraten würde, wie sie es besser machen können. Sie interessierte sich schon als Jugendliche für Tierrechte, hat Philosophie und Wirtschaft studiert, Kinder und Erwachsene Ethik gelehrt. Doch bei all den Modellen und Konzepten zu Ressourcenverbrauch oder Klimagerechtigkeit fehlte es ihr an praktischen Lösungen. «So viel Papier», sagt Heiligtag, «so wenig Handeln.» Sie wollte nicht weiter anhand von Powerpoint-Präsentationen darüber reden, dass wir die ertragreichsten Böden in armen Ländern besetzen, um dort Futter für unser Schweizer Vieh anzubauen.

Sarah Heiligtag, Tierethikerin und Landwirtin auf ihrem Hof in Hinteregg, 25.3.2012,

Foto: Dominique Meienberg

So hat sie es mit ihrem Ehemann Georg Klingler, einem Umweltnaturwissenschaftler, einfach ausprobiert. Ihr Glück: Der Besitzer des kleinen Hofes in ihrer Nachbarschaft, am Rand von Hinteregg, suchte 2013 neue Pächter. Und jetzt, wenige Jahre später, kommen Landwirte aus der ganzen Schweiz zu ihr. Aus St. Gallen, dem Emmental, dem Kanton Zürich, sogar aus dem Ausland. Alle wollen sehen wie die Familie Heiligtag mit 3 Mitarbeiterinnen und rund 100 Tieren hier ein Auskommen findet.

Ihr Gemüse ist in der Spitzengastronomie geschätzt

Das funktioniert aktuell so: Die Pferde werden mit Heu ernährt und nicht geritten, die Schweine mit gespendeten Lebensmittelresten gefüttert und nicht geschlachtet. Die Eier der Enten und Hühner – alles ehemalige Legehennen, dem Schicksal in der Biogasanlage entgangen – werden an Paten vergeben. Im Hofladen gibt es Obst und Gemüse zu kaufen, Getreidemischungen, Hafermilch von einem befreundeten Betrieb oder die eigene Tomatenpassata, verarbeitet in der Stadtzürcher Haltbarmacherei.

Das auf dem Hof angebaute Gemüse sichert das Einkommen von drei Menschen. Es wird im Abo und in der Gastronomie verkauft, zum Beispiel ans Zürcher Spitzenrestaurant Kle. Den Lebensunterhalt der Schweine, Pferde, Truten und Hühner sichern Patenschaften von Menschen, die den Hof oder ein einzelnes Tier unterstützen wollen. Und die Zeit, die Heiligtag für Beratungen aufwendet, ist über die Tierschutzstiftung NEB finanziert.

Die Arbeit erspart den Psychiater

Doch jeder Hof ist anders. «Jede Bäuerin, jeder Bauer bringt andere Talente mit», sagt Heiligtag. Für das junge Paar, das zu Besuch ist, gilt es, das wegfallende Einkommen aus dem Fleischverkauf anders zu decken. Die beiden verkaufen bereits selber getrocknete Kräuter, Pasta, Konfitüren, und sie reden gerne über ihr Tun: eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg im Direktverkauf. Ob sie den Absprung schaffen? «Natürlich schafft ihr das», beruhigt Heiligtag.

Nicht immer müsse das wegfallende Einkommen eins zu eins ersetzt werden, sagt sie. Schliesslich suchen die Bauern bei ihr den Ausweg aus einem inneren Konflikt. Auch eine neue Perspektive ist etwas wert, das Wissen, das Richtige zu tun. Einer hat ihr gesagt, er müsse seit der Umstellung nicht mehr zum Psychiater. Ein anderer trinkt keinen Alkohol mehr. «Beides kann auch finanziell eine ziemliche Entlastung sein», sagt Heiligtag.

Schelte für den Bauernverbandschef

Über 50 Bauern hat sie bisher geholfen, mehr als ein Dutzend Lebenshöfe sind entstanden. Aus Heiligtags Begegnungsort für Mensch und Tier ist innert acht Jahren eine Bewegung entstanden. Die zunehmende Bekanntheit führte dazu, dass auch der Bauernverband auf sie aufmerksam wurde. Im Januar fragte die «Bauern-Zeitung»: «Ist die Umstellung von tierhaltenden Betrieben auf sogenannte Lebenshöfe sinnvoll?»

Martin Haab, höchster Zürcher Bauer und Vorstand des Schweizer Bauernverbands, argumentierte dagegen. Er machte sich stark für ein «tiergerechtes» Ende seiner Kühe als Hamburger und verurteilte die «falsche» Tierliebe der Veganer. Worauf ihn eine Gruppe Ethiker öffentlich kritisierte: Er hatte Lebewesen, die nicht gegessen werden, als «nutzlos» und als Food-Waste» bezeichnet.

Angesprochen auf den Zwist, spricht Haab von «weltfremden Träumereien», die wenig mit den Realitäten der Schweizer Lebensmittelproduktion zu tun hätten. «Ich persönlich kenne auf jeden Fall keinen, der umstellen will.» Doch er gibt zu, dass dies «spannende Zeiten» seien. Zumal der Fleischkonsum in der Schweiz tendenziell zurückgeht.

Tierschutz ohne Schreckensbilder

Gewaltfreiheit pflegt Sarah Heiligtag nicht nur gegenüber Tieren, sondern auch in der Kommunikation mit Menschen. Kaum ein Wort der Anklage, kein Vorwurf kommt über ihre Lippen, wenn sie über ihren Hof führt oder auf einem Podium mit konventionell arbeitenden Kollegen spricht. Nirgends die bekannten Bilder gequälter Tiere. Stattdessen gibt es auf ihrer Facebook-Seite Fotos von zufriedenen Schweinen.

Um die Schaukel am Nussbaum streiten sich nun die Nachbarskinder. 400 Menschen pro Woche besuchen in einem gewöhnlichen Sommerhalbjahr den Hof. Dieser profitiert von den Besuchern, von der Lust vieler Städter auf Arbeit in Gummistiefeln. Auf die Unterstützung von Freiwilligen will auch das junge Bauernpaar setzen, das Heiligtag berät. Auf die Kraft der Gemeinschaft. «Darf ich dich umarmen?», fragt die junge Frau, bevor sich die beiden aufmachen. Heiligtag lacht. Sie tut ihr den Gefallen. Herzlichkeit vor Schutzkonzept.

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