logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo
star Bookmark: Tag Tag Tag Tag Tag
Switzerland

Nach der Fluch mit offenen Armen von der Schweiz empfangen

Offiziell ist der heute 72-jährige Vater von vier Kindern seit 2015 pensioniert, er studiert aber Betriebswirtschaft in Bern und will weiter arbeiten. Georg Vancura ist ein fleissiger Verfasser von Leserbriefen für verschiedene Zeitungen. «Ich habe eine gute Allgemeinbildung und denke, dass ich etwas zur Meinungsbildung beitragen kann», sagt er. Die vielen Bücher in seinem Wohnzimmer, meistens aus den Bereichen Politik und Wirtschaft, sprechen Bände.

Viele Medien liessen diesen Monat den Fall der Berliner Mauer vor 30 Jahren Revue passieren. Ebenfalls dreissigjährig ist die Samtene Revolution in der früheren Tschechoslowakei: Innerhalb weniger Wochen wandelte sich das Land von einer sozialistischen Diktatur zu einer Demokratie.

Viele tschechische und slowakische Flüchtlinge in der Schweiz fieberten damals dem Ende des Regimes entgegen: 17'000 Menschen waren nach dem Prager Frühling 1968 und dessen militärischer Zerschlagung mit offenen Armen in der Schweiz empfangen worden. Einer von ihnen ist der Buchser Georg Vancura. «Die Schweiz hat uns alles Notwendige gegeben», sagt er.

«Der Prager Frühling wäre ein Erfolg gewesen»

Er war 21 Jahre alt, hatte eine hochbautechnische Mittelschule absolviert, wollte ein Studium beginnen. An den Prager Frühling hegt er schöne Erinnerungen: «Wir hatten Freude: Endlich durften wir etwas sagen.» In seinem Wohnzimmer in Buchs rollt er alte Plakate aus der Zeit aus, gestaltet von Zbynek Haskovec, der wie er geflüchtet war und nun in Suhr wohnt. «Der Prager Frühling wäre ein Erfolg gewesen.»

Doch es kam bekanntlich anders. Georg Vancura musste fliehen, vor genau 51 Jahren reiste er in die Schweiz ab. Er stieg in Zürich aus und fuhr später zu einem Kollegen nach Biel, wo er einen Job als Automonteur bekam. Nach zwei Jahren trat er sein langersehntes Studium an: Neue Geschichte, Soziologie und Staatsrecht an der Uni Bern.

Sein Status als Flüchtling war kein Hindernis. Asylsuchende aus der Tschechoslowakei bekamen ihre Diplome anerkannt, durften arbeiten und studieren. «Ich bekam einmal 100 Franken für Winterkleider, mehr nicht», erzählt Georg Vancura. Aber: Er konnte arbeiten. Für sein Zimmer zahlte er pro Tag einen Franken. Familien bekamen Sozialwohnungen, die Solidarität war gross. Zur Flüchtlingssituation in der Schweiz heute sagt er: «Die Migrationsströme sind nun anders, wir können nicht alle aufnehmen.»

In Tschechien war die Welt weitgehend stehengeblieben

1984 wurde er eingebürgert, seinen anderen Pass musste er abgeben. Tschechien besuchte er erst nach dem Regimewechsel 1990 wieder. Wie war das, als 42-Jähriger zum ersten Mal wieder den Ort zu sehen, in dem er aufgewachsen war? «Ich kam im Prinzip in das Land zurück, das ich verlassen hatte.»

In Tschechien war die Welt weitgehend stehengeblieben, umso rasanter veränderte sich dann alles. «Bei den Privatisierungen galt das Credo: ‹Geschwindigkeit vor Präzision.› Es gab Probleme, doch es konnte nicht schnell genug gehen», sagt er, der seit vielen Jahren Mitglied der FDP ist. «Die DDR hat auf die BRD als Geldgeber zählen können, die Tschechen nicht.»

33 Jahre lang arbeitete Georg Vancura bei der UBS. In der Region ist er unter anderem als ehemaliger Präsident des SC Suhrental oder Mitglied der Buchser Integrationskommission bekannt. In den letzten zwei Jahren hat er unzählige Gedenkanlässe zum Prager Frühling sowie die Errichtung von Gedenktafeln an den Universitäten in Bern, Zürich und Basel mitorganisiert. Diesen Freitag hält er in Aarau einen Vortrag.

Themes
ICO