Switzerland

Nach dem Nein zum Jagdgesetz: Die Bergkantone heulen auf – eine neue Revision ist schon in der Pipeline

Als feststeht, dass ihr Nachmittag kein guter wird, das alles umsonst war, da presst Christa Buchli die Lippen zusammen. Schüttelt den Kopf. Sagt dann: «Die Städter können den Wolf gerne zu sich nehmen, wenn sie ihn so sehr mögen.» Buchli sitzt in der Bündner Arena in Cazis an einem Festbanktisch. Die Bündner Bauern verkaufen dort sonst an Viehauktionen ihre Rinder. Jetzt sind sie gekommen, um gemeinsam die Abstimmung über das neue Jagdgesetz zu verfolgen. Auf der Grossleinwand an der Wand hat der Politologe Lukas Golder eben gesagt, man könne den Nagel jetzt «so halb» einschlagen: Es wird ein Nein. Ein knappes zwar. Aber doch ein Nein.

Es ist erst ein paar Tage her, da hat Christa Buchli das Vieh ins Tal getrieben. Es war das Ende eines Alpsommers, an den Buchli noch lange denken wird. Ein Sommer im Zeichen des Wolfs. Buchli, eine kleine, stämmige Frau mit kurzen Haaren, ist die Präsidentin des Bündner Älplerinnen- und Älplerverbands. Und sie lebt in der Surselva. In keinem anderen Gebiet der Schweiz gibt es mehr Wölfe als dort. Im Wolf-Hotspot Graubünden – allein heuer erhöhte sich die Zahl der Wolfsrudel von vier auf sieben – ist die Surselva das Krisengebiet. Und so kam es, dass aus Christa Buchli, der Älplerin, so etwas wie eine Politikerin wurde. Zumindest einen Sommer lang.

Der Graben zwischen Stadt und Land

An diesem Abstimmungssonntag ist Buchli mit ihren Töchtern ins Tal gefahren, um herauszufinden, ob das neue Jagdgesetz eine Mehrheit findet im Land. Das Gesetz sieht vor, dass Wölfe aus Rudeln neu schon geschossen werden dürfen, wenn Schaden nur droht. Und stärkt die Kantone, weil diese vor einem Abschuss den Bund nur noch anhören müssen – und keine Bewilligung mehr brauchen. Am Anfang, vor jeder Hochrechnung, sagt Buchli, es gehe für sie an diesem Tag auch darum, wie ernst man die Nöte der Bündner Älpler und Bauern nehme. «Wir würden uns freuen über ein Zeichen der Solidarität aus dem Unterland», sagt sie.

Der Nachmittag wird ein Wechselbad der Gefühle. Es gibt eine Zeit, in der Buchli über beide Backen strahlt. Die erste Hochrechnung prophezeit ein knappes Ja. Die zweite eine Patt-Situation. Und dann kommt Lukas Golder mit seiner Nagel-Satz, den in Cazis niemand hören will.

Am Ende sagen 51,9 Prozent Nein, und das Muster ist simpel: die Bergkantone legen klar ein Ja ein, in Graubünden sind es 67,2 Prozent, in der Surselva sogar 81,3. Den Ausschlag aber gibt das Unterland. Gerade in den Städten ist der Nein-Anteil hoch. Basel-Stadt etwa lehnt mit 63,9 Prozent ab. «Die Städter haben uns überstimmt, aber das Problem bleibt», sagt Buchli.

Das sieht auch ein anderer Verlierer dieses Tages so, Franz Ruppen. Der Walliser Nationalrat sitzt im Vorstand des Ja-Komitees. Er sagt, er sei enttäuscht. Und er sagt, der Handlungsbedarf bleibe, er werde sich sogar «noch akzentuieren», weil die Wölfe sich weiter ausbreiten. «Das gefährdet unsere Alpwirtschaft – und auch den Tourismus», so Ruppen.

Doch wie ist dieses knappe Nein zu interpretieren? Ging es hier vor allem um den Wolf – oder um mehr? Urs Leugger-Eggimann, Zentralsekretär von Pro Natura und Präsident des Nein-Komittees, spricht von einem «wichtigen Zeichen für den Naturschutz». Das Volk habe untermauert, wie wichtig ihm der Artenschutz und die Biodiversität sei.

In die gleiche Kerbe schlägt die Umweltministerin Simonetta Sommaruga. Sie sagt, sie sei sich bewusst, wie gross die Enttäuschung gerade in den Berggebieten nun sei. Dieses Nein richte sich aber «nicht gegen die Berggebiete, Schafzüchter oder Älpler», so die Bundespräsidentin. Sondern sei ein Beleg dafür, wie wichtig Natur- und Artenschutz für die Bevölkerung sind.

Urs Leugger-Eggimann sagt, man habe stets betont, nicht gegen einen pragmatischen Umgang mit dem Wolf zu sein. Doch das Parlament habe die Vorlage überladen. Jetzt wollen die Sieger Hand bieten für eine andere, massvollere Lösung. Sie soll in der Wintersession als parlamentarische Initiative für eine «neue, zeitgemässe» Revision des Jagdgesetzes eingereicht werden. Diese soll den Schutz von bedrohten Arten wie dem Feldhasen, dem Schneehuhn oder der Waldschnepfe ausbauen, aber auch eine weiter gehende Regulierung von Wolfsrudeln ermöglichen – allerdings artgerecht und unter Beibehaltung des Wolfsbestands. Das letzte Wort vor einem Abschuss soll weiterhin der Bund behalten. «Das Volk hat klar gezeigt, dass es bei diesem bewährten System bleiben will», sagt Leugger-Eggimann.

Christa Buchli hofft, dass es nun schnell vorwärts geht mit einer neuen Lösung. Sonst, sagt sie, gerate die Situation vollends ausser Kontrolle. Und dann könne nichts mehr ausgeschlossen werden. Auch nicht Selbstjustiz.

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