Switzerland

Modeaccessoire und Hassobjekt zugleich: Wie die Maske zur Projektionsfläche für den Corona-Frust wurde

Von Patti Basler über Jacqueline Fehr bis zu Magdalena Martullo: Seit Monaten streitet die Schweiz über die Maske. Aus reiner Vernunft wird sie kaum getragen – sie ist Statement und Politikum. Weshalb fällt uns der Umgang mit einer harmlosen Schutzmassnahme so schwer?

Der Mund-Nasen-Schutz ist eine stetige Quelle von Verunsicherung und Irritation.

Der Mund-Nasen-Schutz ist eine stetige Quelle von Verunsicherung und Irritation.

Alexandra Wey / Keystone

Mit stiller Wucht erfasst die Pandemie Anfang März die Schweiz. Ausdruck davon ist ein bizarr anmutender Streit, der im Bundeshaus ausbricht. Die Bündner Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher tritt am ersten Tag der Frühlingssession mit Mundschutz im Parlament auf, als erste national bekannte Politikerin überhaupt. Ein «Hingucker», schreibt der «Blick». Doch Martullo zieht den Furor von höchster Stelle auf sich: Nationalratspräsidentin Isabelle Moret wirft sie kurzerhand aus dem Saal.

Martullo erntet für ihre Aktion Spott und Zorn. Der Nationalsatiriker Viktor Giacobbo vergleicht sie wegen der schnabelartigen Form ihres Mundschutzes auf Twitter mit Globi. In den sozialen Netzwerken bricht ein erbarmungsloser Sturm los. Experten schalten sich ein, der Stammtisch diskutiert, die politische Konkurrenz ist empört.

Ein Stück Papier, das die Schweizer aus der Fassung bringt

Fast ein halbes Jahr und einen Lockdown später hallt die denkwürdige Episode noch immer nach: von Gewöhnung keine Spur, obwohl die Maske seither Teil unseres Alltags geworden ist. Das Utensil wird von vielen nicht in erster Linie als Schutzmassnahme wahrgenommen, um die Covid-19-Pandemie in den Griff zu bekommen. Es ist zum Statement, Symbol, Politikum, ja zur Provokation geworden. Die Maske ist Modeaccessoire und Hassobjekt zugleich.

Und obwohl sie einfach zu handhaben und ihr Nutzen einigermassen nachvollziehbar wäre, bleibt sie stetige Quelle von Verunsicherung und Irritation. Sie ist Klicktreiberin für Online-Medien und ein Top-Schlagzeilen-Lieferant – kurz: ein kleines Stück Stoff oder Papier, das die Schweizerinnen und Schweizer aus der Fassung bringt.

Es ist, also ob das Land sein wahres Gesicht zeige – oder wie es die Kabarettistin und Bühnenpoetin Patti Basler formuliert: «Es gibt kaum etwas Demaskierenderes als eine Maske.» Auch Basler wird von der Debatte um Martullo mitgerissen. Im April verbindet sie die Diskussion in einem offenen Brief an die Politikerin mit bitterböser Kritik an der politischen Haltung Martullos: «Du bist eine Trendsetterin. Du trugst schon Schutzmaske, als es noch nicht in war. Wahrscheinlich wirst Du die momentan grassierende Solidarität mit Minderheiten auch ablegen, bevor sie nicht mehr en vogue ist.» Das Private wird politisch – diese Losung aus den siebziger Jahren gilt in der Covid-19-Krise wie schon lange nicht mehr.

Die Politikerin Martullo im Streit mit der Nationalratspräsidentin Moret. Bild aufgenommen am 2. März 2020.

Die Politikerin Martullo im Streit mit der Nationalratspräsidentin Moret. Bild aufgenommen am 2. März 2020.

Alessandro Della Valle / Keystone

«Sie wurde vom Bundesrat verteufelt»

Weshalb aber wird alles rund um eine harmlose medizinische Schutzmassnahme zu einer Interpretations- und Glaubenssache? Vordergründig liegt die Antwort auf der Hand. WHO, Bundesrat und Bundesamt für Gesundheit haben mit einer wirren Kommunikationsstrategie massgeblich dazu beigetragen. Weil nicht genügend Schutzmaterial vorhanden war, rieten sie zunächst vom Maskentragen ab, formulierten später eine vage Empfehlung und erliessen für den öffentlichen Verkehr schliesslich gar ein Obligatorium – eine 180-Grad-Wende mitten in der grössten Krise der Schweiz seit dem Zweiten Weltkrieg.

«Obwohl man im Gesundheitswesen der Maske immer zu hundert Prozent vertraute, wurde sie vom Bundesrat über Wochen verteufelt», wundert sich Martullo gegenüber der NZZ: «Später fehlte den Leuten deshalb der Mut, freiwillig Masken zu tragen. Das ist tragisch.» Angela Bearth, die an der ETH Zürich über den Umgang der Bevölkerung mit den Corona-Massnahmen geforscht hat, bestätigt: «Wenn man am Anfang der Krise argumentiert, Masken seien aus Sicht der Wissenschaft unwirksam, dann bleibt das hängen.»

Diese Kommunikationsfehler seien kaum mehr rückgängig zu machen, stellt Stefan Vetter, Chefarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, fest. Es gebe in der Pandemie vier grundlegende Schutzmassnahmen, die ihre volle Wirkung nur im Zusammenspiel entfalten könnten: Distanz- und Hygieneregeln würden klar verstanden und seien den meisten Leuten in Fleisch und Blut übergegangen. Die dritte Regel – sich möglichst nicht in grösseren Gruppen zu versammeln – werde inzwischen kaum mehr richtig beachtet. Die Maske aber steht gänzlich abseits: Diese Massnahme sei von den Behörden von Anfang an gesondert behandelt worden und werde deshalb heute durch die Bevölkerung von den übrigen Schutzmassnahmen gesondert wahrgenommen.

Als werde ein Maulkorb umgehängt

Anders als die übrigen Regeln schützt die Maske nicht in erster Linie einen selbst, sondern die andern. Wenn die Mitmenschen nicht solidarisch sind, nützt sie nichts. Sie sei aber skeptisch, ob man sich auf den Altruismus der Menschen verlassen dürfe, sagt Bearth. Die Daten zeigten nämlich, dass die Nicht-Maskenträger stärker davon überzeugt seien, mit der Maske primär die anderen zu schützen. Sie sehen den Nutzen für sich also weniger. «Das erklärt vielleicht auch, warum so viele Menschen die Maske nicht korrekt tragen», erklärt die Forscherin auf der ETH-Website.

Doch die Abneigung gegen «den Corona-Lappen», wie es einige verächtlich nennen, geht tiefer. Die Maske macht unkenntlich und erschwert die Kommunikation. Wahrscheinlich 40 bis 60 Prozent des Gesichtsausdrucks fielen mit dem Mund-Nasen-Schutz dahin, erklärt der Psychiater Vetter.

Ob eine Aussage ernst, ironisch, böse oder witzig gemeint sei, sei für Aussenstehende kaum noch zu unterscheiden. «Die Nase rümpfen», «den Mund verziehen», «die Zähne zusammenbeissen»: Nicht zufällig kenne unser Sprachgebrauch zahlreiche Ausdrücke, die zwar äusserlich die Mimik beschrieben, aber eine innere Befindlichkeit zum Ausdruck brächten, so Vetter. Es scheint, als ob der Bevölkerung während der Covid-19-Krise kurzerhand – Achtung, weitere Metapher – «ein Maulkorb umgehängt» werde.

Die Maske kann zwar auch befreiend wirken. «Ich trage in der Öffentlichkeit jetzt immer eine Maske», sagt Patti Basler. Sie wirke als Gleichmacher und verwische Alter, Geschlecht und Hautfarbe. «Im ohnehin schon entpersonalisierten öffentlichen Verkehr bin ich nun noch anonymer unterwegs», stellt die Kabarettistin trocken fest. Das mag für Promis, Sonderlinge und Menschenscheue gut sein. In unserer Gesellschaft, in der die Meinungsäusserungsfreiheit zu den höchsten Gütern zählt, gilt die Verhüllung des Gesichtes allerdings als verwerflich und unfreundlich.

Patti Basler.

Projektionsfläche für den Corona-Unmut

Das zeigen die Debatten über das Burkaverbot seit Jahren: Während viele Forderungen, die sich im Zuge radikaler Strömungen gegen den Islam richten, fast ausschliesslich von rechten Politikern unterstützt werden, hat das Burkaverbot Anhänger im ganzen Parteienspektrum. Interessanterweise mobilisiert und polarisiert auch die Corona-Maske in allen Lagern.

Zwölf Vorstösse haben Bundesparlamentarierinnen und -parlamentarier in den beiden letzten, von Corona überschatteten Sessionen zu diesem Thema eingereicht. Die Forderungen kommen aus allen Richtungen, von links-grün bis ganz rechts. Es gibt linke und rechte Maskenbefürworter und Maskengegner. Während die SVP-Politikerin Martullo zu den eisernen Maskenträgerinnen gehört, kämpft die Zürcher SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr ebenso gegen die Maske an wie der «Weltwoche»-Journalist und Bolsonaro-Versteher Alex Baur.

Die Maske ist nach Ansicht des Psychiaters Vetter zum augenfälligen Symbol der Pandemie geworden, die sonst unsichtbar bleibe. Sie könne so zur Projektionsfläche für den gesamten Corona-Unmut werden. Die Weigerung, sich die Hände zu waschen, ist und bleibt zwar unappetitlich, verpufft aber als Protestaktion wirkungslos. Das aufopferungsvolle und demonstrative Überziehen der Maske im vollen Zug, gerne von einem schweren Seufzer begleitet, macht indessen die Haltung des Trägers klar: «Hört auf mit dieser Hysterie.»

In den sozialen Netzwerken werden Verweigerer sogar zu Freiheitskämpfern stilisiert. Umgekehrt müssen übereifrige Träger ernsthaft damit rechnen, als Risikopersonen oder Panikmacher identifiziert zu werden. Das blosse Tragen einer Maske, solange es nicht vorgeschrieben ist, wird selten als reiner Akt der Vernunft wahrgenommen.

Möglicherweise erklärt dies den bemerkenswerten Wandel, den die Schweizerinnen und Schweizer in der Nacht auf den 6. Juni vollzogen haben: Während am Sonntag 90 Prozent auch im öffentlichen Verkehr ganz selbstverständlich auf einen Mund-Nasen-Schutz verzichteten, war der lästige Papierfetzen anderntags selbst auf der abgelegensten Postauto-Strecke omnipräsent. «Menschen beobachten, wie sich die anderen verhalten, und passen sich entsprechend an», erklärt Angela Bearth von der ETH: «Den meisten Menschen ist es unangenehm, wenn sie in der Menge auffallen.» Es verhält sich ähnlich wie bei einer Kostümparty: Bei der Hinfahrt im Tram sind die Maskierten im Blick, im Festlokal fallen die Verweigerer als Spielverderber auf.

Für die Kabarettistin Basler ist das eine landestypische Eigenschaft: Schweizerinnen und Schweizer hätten das Gefühl, überall mitreden zu können, auch wenn es nicht um Politik gehe. Mit der vielgepriesenen Eigenverantwortung sei es aber nicht weit her, stellt sie maliziös fest. «Letztlich entscheidet wohl der Bundesrat, so wie er es bei der Maskentragpflicht im öffentlichen Verkehr gemacht hat – und alle sind froh darüber. Denn so müssen sie kein Bekenntnis ablegen.»

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