Switzerland

Mit 84 Jahren erstmals vor der Kamera

Die spanische Laienschauspielerin Benedicta Sánchez ist für den angesehenen Goya-Filmpreis nominiert.

«Ich hätte lieber etwas wirklich Heldenhaftes vollbracht»: Benedicta Sánchez. Foto: Keystone

«Ich hätte lieber etwas wirklich Heldenhaftes vollbracht»: Benedicta Sánchez. Foto: Keystone

Es gibt Leute, die daran glauben, es sei nie zu spät und könne immer noch passieren. Sie hoffen darauf, irgendwann doch noch eine Million im Lotto zu gewinnen oder als Filmschauspielerin entdeckt zu werden. All diese Leute können sich an Benedicta Sánchez aufrichten. Denn die Spanierin hat im Alter von 84 Jahren eine Hauptrolle in einem Film gespielt und ist morgen beim Goya-Preis als «Mejor actriz revelación» nominiert, als beste neuentdeckte Schauspielerin. Nie zuvor während des Vierteljahrhunderts, in dem es die Auszeichnung gibt, war eine Anwärterin so alt. Eine ihrer morgigen Konkurrentinnen um den prestigeträchtigen Preis ist 67 Jahre nach ihr geboren.

Der Film, in dem Sánchez die Mutter des Helden verkörpert, heisst im galicischen Original «O que arde», Was brennt. Er spielt in der autonomen Region im spanischen Nord­westen und handelt von einem Brandstifter, der nach Verbüssung seiner Haftstrafe in den verlorenen Ort zurückkehrt, in dem seine Mutter lebt. Ruhig ziehen die Tage dahin, bis ein verheerender Brand ausbricht. Beim diesjährigen Festival von Cannes gewann der Film den Preis der Jury, und zur Verzückung der Festivalbesucher tanzte Benedicta Sánchez auf dem roten Teppich eine Muiñeira, einen als schwierig geltenden galicischen Volkstanz.

Seither ist das spanische Publikum begeistert von ihr. Von ihrer Lebensklugheit, ihrer Bescheidenheit, ihrer Herzlichkeit, ihren manchmal abgedroschenen, manchmal originellen Sätzen. Und davon, dass sie sich all dies erhalten hat, obwohl ihr Leben nicht leicht war. Geboren und aufgewachsen in einem galicischen Dorf, eckte sie früh an, weil sie mit Bäumen und Tieren sprach und Vegetarierin war. Mit 17 Jahren heiratete sie und wanderte mit ihrem Ehemann nach Brasilien aus. Zuerst war sie Hausangestellte, dann arbeitete sie in einer auf Philosophie und vegetarische Ernährung spezialisierten Buchhandlung und in einer Bar. Am wohlsten fühlte sie sich als Fotografin für Hochzeiten, Taufen und Bankette. Sie trennte sich von ihrem Mann, wurde mit einem anderen Mutter und kehrte nach Spanien zurück. Erneut lehnten die Alleinerziehende viele ab, sogar in ihrer eigenen Familie.

«Die Leute führen sich auf, als hätte ich das Vaterland gerettet.»Benedicta Sánchez

Ihre einzige schauspielerische Erfahrung machte Sánchez in einer Laien-Theatergruppe. Ihre Tochter überredete sie, am Casting für «O que arde» teilzunehmen. Sie gewann und überrascht im Film durch ihre schauspielerische Eindringlichkeit. «Ich hätte lieber etwas wirklich Heldenhaftes vollbracht, jemanden aus einem brennenden Haus retten oder das Leben der Ärmsten, die täglich im Mittelmeer ertrinken. Aber mein Gott, so ein Film, das ist doch nichts», sagt sie in einem Interview. «Die Leute führen sich auf, als hätte ich das Vaterland gerettet.» Dass man mit 84 das Leben nicht mehr geniessen, sich nicht mehr bewegen wolle – das gehe ihr nicht in den Kopf.

«Angst ist ein Gefühl der Schuld und mangelnden Mutes», sagt sie. Sie sei froh, dass ihr Oliver Laxe, der Regisseur des Filmes, gesagt habe, sie könne auch ohne Gebiss zur Goya-Preisverleihung kommen. Und ja, wenn sie sich nützlich machen könne, spiele sie gerne wieder einmal mit in einem Film. Warum auch nicht?

Artikel zum Thema

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Irgendwie ist die Luft draussen: Am Australien Open in Melbourne sitzen die kleinen Zuschauer im Regen. (23. Januar 2020)
Mehr...