Switzerland

Massnahmen gegen Migranten: Britische Ministerin fordert Einsatz der Kriegsmarine

In Schlauchbooten oder gar in Kinder-Planschbecken setzen verzweifelte Flüchtlinge und Migranten über den Ärmelkanal: Mehr als 700 waren es allein die letzten Tage.

Mit Schaufeln statt Paddeln: Vier Migranten rudern von Frankreich in Richtung Grossbritannien.

Mit Schaufeln statt Paddeln: Vier Migranten rudern von Frankreich in Richtung Grossbritannien.

Foto: Ryan Sosna-Bowd/Getty Images

Eigentlich dachte die britische Innenministerin Priti Patel, die Sache voll im Griff zu haben. Dass Flüchtlinge und Migranten auf kleinen Booten an Englands Küsten landeten, sei etwas, was man «nur sehr selten» erleben werde in ihrer Amtszeit, erklärte sie letztes Jahr. Mittlerweile sieht Patel das anders. Das Mass des Zustroms über den Ärmelkanal sei «haarsträubend und vollkommen unakzeptabel».

Und sie ist nicht allein: Tobias Ellwood, der Tory-Vorsitzende des Verteidigungsausschusses Westminsters, hat den Einsatz der Kriegsmarine «zum Schutz unserer Küsten» verlangt. Anfang Woche inspizierte Ministerin Patel die Hafenanlagen von Dover, während am Himmel über den Weissen Klippen bereits ein Aufklärungsflugzeug der Royal Air Force nach unerwünschten Fremdlingen Ausschau hielt.

Jeden Tag Dutzende von Asylbewerbern

Kein Tag vergeht mehr, an dem nicht Dutzende von Asylbewerbern auf der englischen Seite des Kanals aufgelesen werden. In diesem Jahr sollen es bereits über 4000 gewesen sein – Menschen aus Syrien, dem Irak, dem Iran, Afghanistan und diversen Ländern des afrikanischen Kontinents. Allein seit letztem Donnerstag sind mehr als 700 Ankömmlinge gezählt worden.

An einem Rekordtag schafften es 235 Personen, auf 17 Boote verteilt. Völlig erschöpft, nach bis zu siebenstündiger Fahrt auf wenig wassertauglichen Schlauchbooten, fand man die Leute auf Kieselstränden sitzen und auf die Küstenwache warten oder auf die Polizei. Einmal war eine Hochschwangere mit kleinen Kindern und ein andermal ein Migrant in einem Rollstuhl mit dabei.

Der Zustrom sei «haarsträubend und vollkommen unakzeptabel»: Die britische Innenministerin Priti Patel.

Der Zustrom sei «haarsträubend und vollkommen unakzeptabel»: Die britische Innenministerin Priti Patel.

Foto: Stefan Rousseau/Reuters

Augenzeugen in den betroffenen Küstenstreifen sind erschüttert. Die meisten der kleinen Boote seien für höchstens vier Personen gedacht, sagt Steve Whitton von der Grenzbehörde: Aber die Menschenschmuggler, die die Überfahrten organisierten, packten skrupellos «viermal so viele Menschen» auf ein Boot. In viele der überlasteten Boote schwappe Wasser, erläutert Whitton.

Und die Überfahrt sei sowieso lebensgefährlich. Immerhin ist der Ärmelkanal die meistbefahrene Wasserstrasse der Welt, mit 300 teils riesigen Frachtern, Tankern und anderen Schiffen an einem geschäftigen Tag. Manche der Migranten kämen gar in aufgeblasenen Kinder-Planschbecken, mit Schaufeln statt Paddeln, von Frankreich herüber, sagen Küstenwächter. Einen Mann fischte man auf, der sich leere Getränkeflaschen um den Leib gezurrt hatte, um die Insel schwimmend zu erreichen.

«Die Franzosen müssen härtere Massnahmen ergreifen.»

Einwanderungs-Staatssekretär Chris Philp

Es sind mehrere Faktoren, die zum dramatischen Anstieg der Überfahrten in den letzten Wochen beigetragen haben – nicht zuletzt die zurzeit relativ ruhige See. Der wegen Corona verminderte Lastwagenverkehr via Calais treibt Migranten zusätzlich aufs Wasser. Dass es so viele über den Kanal schaffen, motiviert andere dazu, das Risiko einzugehen. Ausserdem reden die Menschenschmuggler verunsicherten Flüchtlingen ein, dass dies «ihre letzte Chance» sei, bevor Grossbritannien zum Jahresende endgültig die Verbindung zur EU kappe. «Jetzt oder nie» ist die Losung.

Unterdessen wirft London Frankreich vor, nicht genug gegen den Flüchtlingsstrom zu unternehmen. «Die Franzosen müssen härtere Massnahmen ergreifen», fordert Einwanderungs-Staatssekretär Chris Philp. Es müssten viel mehr Migranten in französischen Gewässern aufgegriffen werden, Flüchtlingsboote zurück an die Küste gezwungen werden, von der sie ausgelaufen seien.

Französische Repräsentanten finden es «recht anmassend» von den Briten, nach der Aufkündigung der EU-Mitgliedschaft in dieser Frage nun automatisch neuen französischen Beistand zu verlangen. Laut Informationen der Londoner «Sunday Times» erwartet Paris für zusätzliche Aktionen von Grossbritannien 30 Millionen Pfund, rund 36 Millionen Franken. Das wird in London als Unverschämtheit empfunden.

Sie haben es geschafft: Junge Migranten kommen nach der Fahrt über den Kanal in Hastings an.

Sie haben es geschafft: Junge Migranten kommen nach der Fahrt über den Kanal in Hastings an.

Foto: Leon Neal/Getty Images

Innenministerin Priti Patel, eine Brexit-Hardlinerin und Verfechterin scharfer Abgrenzung vom Kontinent, hat derweil einen Befehlshaber der Royal Marines zu ihrem Beauftragten für die Frage der «Gefahr am Kanal» ernannt und das britische Verteidigungsministerium in aller Form um Amtshilfe bei der Abwehr der Migranten gebeten. Ihre Rechtsberater hätten ihr versichert, dass auch ein Einsatz der Royal Navy möglich sei. Der Wink mit der Kriegsmarine trug Patel freilich scharfe Kommentare ein. Aus dem Verteidigungsministerium selbst wurde berichtet, die Idee sei «total bescheuert».

Kritik zog sich auch Premierminister Boris Johnson zu, der den an Land drängenden Flüchtlingen vorwarf, ihre Überfahrten seien «kriminell». Die Leute, warnte Johnson, kämen «auf illegale Weise» nach England. Dazu erklärte der britische Flüchtlings-Rat: «Asylsuche ist keineswegs ein Verbrechen.» Statt derart gegen die Asylsuchenden zu hetzen, solle der Regierungschef lieber dafür sorgen, dass diese sicher und auf geordnetem Wege nach Grossbritannien kommen könnten, um ihren Antrag dort zu stellen – und nicht ihr Leben aufs Spiel setzen zu müssen auf dem Kanal.

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