Switzerland

Lucerne Festival: von der «Macht» zur «Freude»

Die Pläne des Lucerne Festival für das Jahr 2020 setzen auf eine Mischung aus Kontinuitäten und Aufbruch. Dazu gehören auch neue Konzertformate, die unter anderem die gestrichenen Satelliten-Festivals an Ostern und im Herbst ersetzen sollen.

Wollen das Lucerne Festival gemeinsam wieder auf Kurs bringen: der neue Stiftungsratspräsident Markus Hongler (links) und Festival-Intendant Michael Haefliger.

Wollen das Lucerne Festival gemeinsam wieder auf Kurs bringen: der neue Stiftungsratspräsident Markus Hongler (links) und Festival-Intendant Michael Haefliger.

Manuela Jans / Lucerne Festival

Das Motto des Lucerne Festival vom vergangenen Sommer lautete «Macht», im Sommer 2020 heisst es «Freude». An der Medienorientierung, an der das neue Programm vorgestellt wurde, erklärte Festival-Intendant Michael Haefliger dazu sibyllinisch: «Die Macht haben wir letztes Jahr auch gelebt.» Und tatsächlich: Nach einem internen Machtkampf mit dem Intendanten hat der bisherige Stiftungsratspräsident Hubert Achermann seinen Platz mehr oder weniger unfreiwillig geräumt.

Eine Rolle gespielt hat dabei unter anderem ein Arbeitskonflikt mit Dominik Deuber, dem bisherigen Leiter der Lucerne Festival Academy, der das Festival inzwischen verlassen hat. Der neue Stiftungsratspräsident Markus Hongler, CEO bei der «Mobiliar» und bereits seit 2012 Mitglied des Stiftungsrates, erklärte an der Veranstaltung, dass man über die Details der Auseinandersetzung – bei der es dem Vernehmen nach tatsächlich um «Machtfragen» und Zuständigkeiten gegangen sein soll – Stillschweigen vereinbart habe und jetzt lieber zuversichtlich nach vorne schauen wolle. Der erlittene Reputationsschaden soll also möglichst begrenzt und die Musik wieder ins Zentrum gerückt werden.

«Music for Future»

Das Motto «Freude», so Haefliger, sei natürlich aus dem berühmten Schlusschor von Beethovens 9. Sinfonie abgeleitet. Denn auch das Lucerne Festival will den 250. Geburtstag des Komponisten gebührend feiern. Im Zentrum steht die Aufführung aller Sinfonien mit sieben hochkarätigen Orchestern unter acht Spitzendirigenten. Dadurch soll die Spannweite heutiger Beethoven-Interpretationen demonstriert werden. Die Neunte – wie auch die Missa solemnis – ist dem Orchestre Révolutionnaire et Romantique unter John Eliot Gardiner vorbehalten.

Bei den Instrumentalkonzerten treten Anne-Sophie Mutter, Martha Argerich und Daniil Trifonov auf. Der Pianist Igor Levit führt in zwei Rezitals seinen Sonatenzyklus weiter; der Tenor Jan Petryka und András Schiff widmen sich dem Liedzyklus «An die ferne Geliebte». Auch der Erlebnistag des Sommerfestivals ist Beethoven gewidmet. Mit der elektronischen Klanginstallation «Beethoven Nine!», die in die Stadt und ins Luzerner Theater hinausgetragen wird, steht das voraussichtlich progressivste Beethoven-Projekt des Sommers bevor.

Neu ist das Gefäss «Music for Future», ein Vorspann, der bereits drei Tage vor dem offiziellen Beginn des Festivals startet. Mit vier Projekten rückt es die junge Musikergeneration ins Rampenlicht, beispielsweise mit der 13-jährigen Geigerin Leia Zhu oder mit der aus Uganda stammenden «Brass for Africa».

Konzertreigen

Die von Wolfgang Rihm geleitete Lucerne Festival Academy arbeitet diesmal mit den Dirigenten David Robertson und Sylvain Cambreling und bringt in einem Schwerpunkt Werke des Academy-Gründers Pierre Boulez zur Aufführung, die der Komponist zu Lebzeiten zurückgezogen oder nicht vollendet hat. Composer-in-Residence ist die britische Komponistin Rebecca Saunders, die mit einer Werkschau aus 15 Kompositionen vertreten ist. Die Position des Artiste étoile wird erstmals an eine Dirigentin vergeben: Mirga Gražinytė-Tyla leitet zwei Konzerte des City of Birmingham Symphony Orchestra.

Eine Stütze des Festivals bleibt weiterhin das von Claudio Abbado gegründete und von Riccardo Chailly nunmehr in seiner fünften Saison weitergeführte Lucerne Festival Orchestra. Neben Beethoven dirigiert Chailly Werke von Mahler und Rachmaninow. Ein weiteres Aushängeschild des Lucerne Festival bilden nach wie vor die weltberühmten Sinfonieorchester, die auch diesen Sommer wieder zu Gast sind. Höhepunkte versprechen die Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko, das London Symphony Orchestra unter Simon Rattle, die Wiener Philharmoniker unter Gustavo Dudamel oder das Koninklijk Concertgebouworkest unter Philippe Herreweghe.

Neue Formate

Wie das Festival schon im vergangenen Mai kommuniziert hat, sollen die bisherigen Satelliten-Festivals vor Ostern und im November aus wirtschaftlichen und konzeptionellen Gründen durch kleinere Formate ersetzt werden. Vom 1. bis zum 4. April findet nun ein erstes verlängertes Wochenende, kurz und knapp «Teodor» betitelt, mit dem Pult- und Medienstar Teodor Currentzis und seinem Orchester Musica Aeterna statt.

Das bisherige Klavierfestival im Herbst wird durch ein zweites Wochenende unter dem Motto «Beethoven Farewell» ersetzt. In fünf Konzerten vom 20. bis zum 22. November gestalten die Geigerin Patricia Kopatchinskaja und der Pianist Igor Levit sehr eigenwillige und bis in unsere Gegenwart reichende Auseinandersetzungen mit dem Genius.

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