Switzerland

Lawinen forder 30 Tote: «Innert zwei Minuten war nichts mehr wie früher»

Am 24. Februar 1970 wurden die Menschen von Reckingen VS von einer donnernden Lawine aus dem Schlaf gerissen. Innert Sekunden bahnten sich die enormen Schneemassen den Weg durch das Bächital und rissen dabei alles mit, was ihnen in den Weg kam.

Um 5.05 Uhr erreichte die Lawine das Dorf und begrub es unter sich. Die traurige Bilanz: 30 Menschen mussten ihr Leben lassen – 19 Armee-Offiziere und elf Zivilisten, darunter sechs Kinder. Eine Katastrophe von noch nie dagewesenem Ausmass in der Region, die das ganze Land in Schock und Trauer versetzte.

18 Menschen konnten gerettet werden

Drei militärische Gebäude und vier zivile Häuser wurden durch die Lawine zerstört. Militärangehörigen, die im Keller eines zerstörten Gebäudes waren, gelang es, mit dem Militärtelefon Alarm zu schlagen und das benachbarte Militärlager in Gluringen VS zu informieren.

Innerhalb von 30 Minuten waren die ersten Helfer eingetroffen und und begannen mit den Bergungsarbeiten. Nur dank der schnellen Hilfe, der in der Nähe stationierten Soldaten, gelang es 18 Menschen das Leben zu retten. Trotz der raschen Reaktion kam für 30 Menschen jede Hilfe zu spät.

«Die Angst bleibt, die wird immer da sein»

Der damals 10-jährige Eugen Walpen war einer der 18 Menschen, die aus den Schneemassen gerettet werden konnten. An jenem Tag verlor Walpen jedoch seine Mutter, seine Schwester und seinen Bruder. «Innerhalb von zwei Minuten war nichts mehr wie früher», sagt Walpen gegenüber SRF. Er erinnert sich an jenen verhängnisvollen Morgen. «Es hat angefangen zu schütteln und ich dachte noch, meine Schwester wolle mich bloss wieder nerven», erzählt der Überlebende, «danach ist etwas zusammengekracht und dann weiss ich nur noch, dass ich im Schnee erwacht bin.»

Er fragt sich häufig, weshalb ausgerechnet er die Lawine überlebt hat und nicht der Rest seiner Familie: «Ich habe aber keine Antwort darauf.» Das Ereignis habe er jedoch nie ganz überwunden. Die Angst, sei immer noch da. «Umso älter ich werde, desto stärker wird die Angst. Ich werde sie mit ins Grab nehmen.» Für Walpen ist jedoch klar, wer für die Rettung all dieser Menschen verantwortlich ist: «Ohne die schnelle Reaktion der Armee, wären sicher noch mehr Menschen gestorben.»

Opferreichste Lawine des 20. Jahrhunderts

Obwohl die Schweizer Armee für die raschen Bergungs- und Aufräumarbeiten gelobt wurde, tauchte auch schnell Kritik auf. Überschallflüge und diverse Schiessübungen der Soldaten hätten den Schnee losgelöst, hiess es in der Region. Die Vorwürfe stellten sich jedoch als sehr unwahrscheinlich heraus, wie der «Walliser Bote» berichtete.

Schliesslich war die Lawine doch einfach auf unglückliche Umstände zurückzuführen. Der Februar 1970 hatte besonders viel Schnee. Die Lage sei sehr instabil gewesen und noch mehr Schnee und Wind hätten eine solche Lawine verursachen können. Die Lawine sei aber eine der opferreichsten und schlimmsten des 20. Jahrhunderts gewesen.


Die Suche nach den Überlebenden.

«Lawinenunglück noch immer spürbar»

Am heutigen Tag gedenkt man in Reckingen der Opfer von damals. «Hier ist das Lawinenunglück noch immer spürbar», sagt Gerhard Kiechler, Gemeindepräsident von Goms zu 20 Minuten. Schon am 23. Februar wurde in der Dorfkirche in Reckingen eine Gedenkfeier mit Kranzniederlegung durchgeführt. 30 Kerzen auf einem Holzherz wurden für die 30 Menschen, die beim Lawinenunglück ums Leben kamen, in der Kirche angezündet. «Es sind sehr viele Menschen gekommen. Das Ereignis bewegt noch immer», erzählt der Gemeindepräsident.

«Am 24. Februar findet die offizielle Gedenkfeier in Reckingen statt», so Kiechler. Geladene Gäste, wie diverse Militärangehörige und auch Bundesrätin Viola Amherd, werden an der Zeremonie anwesend sein und der Opfer gedenken.

(km)