Switzerland

Kamilla Seidler: «Ich will nicht viel Geld – ich will glücklich sein»

Kamilla Seidler, Sie sind eine der Gastköchinnen am diesjährigen St. Moritz Gourmet Festival. Ist es Ihr erster Besuch?
Im Engadin ja. Als Kind war ich einmal in Zürich und habe nur noch eine Erinnerung: In einem Supermarkt kauften wir Gurken, die zentimeterweise angeboten wurden. Das war superschräg und teuer.

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Was ist Ihnen wichtiger? Geld oder Glück?

Nun haben Sie in St. Moritz, in einer der exklusivsten Schweizer Destinationen, am Gourmet Festival gekocht. Spürt man die verwöhnte Klientel?
Darüber habe ich mir gar keine Gedanken gemacht. In meiner Funktion als Köchin muss ich darauf vertrauen, dass ich weiss, was ich tue, und dass es gut ist. Natürlich freue ich mich, wenn die Gäste meine Gerichte mögen. Wenn nicht: Auch egal, dann wird jemand anderes meine Küche schätzen.

Das Gourmet Festival hat dieses Jahr nur weibliche Chefs eingeladen. Wie schätzen Sie dieses Zeichen ein?
Das Festival verfolgt damit ehrliche und kaum kommerzielle Absichten – das ist gut. Es bringt das Thema Gleichberechtigung in der Gastronomie wieder auf die Agenda.

«Wir müssen weiterhin darüber sprechen»

Warum muss man das Frauen-Thema überhaupt diskutieren?
Nur ein Beispiel: In Sterne-Restaurants bekommen Frauen oft noch immer Menükarten ohne Preisangaben, weil davon ausgegangen wird, dass sowieso der Mann bezahlt. Solange sich solche Dinge nicht ändern, müssen wir darüber sprechen.

2016 wurden Sie von «50 Best» zur besten Köchin von Südamerika gewählt, trotzdem kehrten Sie zurück nach Kopenhagen. Warum?
Ursprünglich wollte ich nur ein Jahr lang in Bolivien bleiben. Daraus wurden fast sechs. Dass ich Bolivien verlassen würde, war mir schon länger klar – wohin es mich zieht, wusste ich aber nicht. Während einer Reise durch Dänemark war dann der Sommer ungewöhnlich schön und warm, und es war toll, wieder mal alte Freunde zu sehen, also entschied ich mich zurück nach Hause zu kommen.

Lange wollten Sie in Kopenhagen gar kein neues Restaurant eröffnen. Warum taten Sie es mit dem Lokal Lola doch?
Weil ich die perfekte Location und Partner gefunden habe. Müsste ich im teuren Kopenhagen allein ein Restaurant eröffnen, dann wäre es ein Minilokal für 20 Personen und ich würde 80 Stunden die Woche arbeiten. Das wollte ich auf keinen Fall.

«Ich will Zeit für Freunde und Hobbys haben»

Sie bezeichnen Ihr Restaurant Lola in Kopenhagen als soziales Projekt. Warum?
Einfach nur gutes Essen und Wein zu servieren, war mir und meinen Partnern nicht genug. Dänemark hat wie viele andere Länder auch soziale Probleme, die die Regierung nicht vehement genug angeht. Darum engagieren wir uns unter anderem für Flüchtlinge und Frauen in Not, geben ihnen eine Aufgabe oder eine Ausbildung oder einen Job.

Sind Auszeichnungen und Sterne eine Ambition?
Gar nicht. Ich möchte, dass Lola ein nachhaltiges Projekt wird und dass unsere Mitarbeiter eine gesunde Work-Life-Balance haben. Freunde zu treffen, Zeit für Hobbys zu haben, ist viel wichtiger als irgendwelche Auszeichnungen. Wir haben uns klar gegen Geld, dafür fürs Glücklichsein entschieden.

Kamilla Seidler filmt die Eröffnung von ihrem Restaurant Lola in Kopenhagen