Switzerland

James D. Wolfensohn: Der Mann, der die Weltbank aus dem Kalten Krieg führte

Weltgewandt, reich, kultiviert und vielseitig begabt. James D. Wolfensohn war das, was man als «larger than life» bezeichnet. Das spiegelt sich auch in seinem Einfluss auf die Weltbank.

Unter Wolfensohn rückte die Armutsbekämpfung stärker in den Fokus der Weltbank.

Unter Wolfensohn rückte die Armutsbekämpfung stärker in den Fokus der Weltbank.

Hans-Günther Oed
/ Imago

Zur Zeit des Kalten Krieges war Entwicklungspolitik eine übersichtliche Sache. Die Hilfszahlungen waren geprägt durch die Bipolarität zwischen West und Ost. Beide Seiten hielten befreundete Regierungen mit viel Geld bei Laune – und im eigenen Lager. Dabei interessierte kaum, ob die Empfängerstaaten das Geld missbräuchlich verwendeten. Kritische Fragen zu Korruption und Menschenrechten wichen dem geostrategischen Imperativ. Schliesslich wollte weder West noch Ost riskieren, dass der Empfänger plötzlich das Lager wechselte.

Kampfansage an die Korruption

Auch die Weltbank scheute damals das Wort «Politik» wie der Teufel das Weihwasser. Nicht zuletzt deshalb, weil sich die 1944 in Bretton Woods gegründete Organisation gemäss ihren Statuten nicht von «politischen Überlegungen» leiten lassen darf; das Mandat ist ökonomischer Natur. Diese Vorgabe interpretierte man eng. Sich für politische Reformen oder gar eine Demokratisierung einzusetzen, galt als tabu. Die Aufmerksamkeit galt ausschliesslich der wirtschaftlichen Leistung, die Regierungsform wurde als irrelevant betrachtet.

Dieser Tunnelblick wurde erst unter James David Wolfensohn erweitert, der 1995 zum 9. Präsidenten der Weltbank gewählt wurde. Zwar hatte sich die Washingtoner Organisation schon ab 1989 – unter dem Eindruck der Misere im subsaharischen Afrika – mit der Wichtigkeit einer «guten Regierungsführung» (Good Governance) auseinanderzusetzen begon­nen. Doch man scheute sich, das heisse Eisen anzufassen. Das änderte sich, nachdem Wolfensohn 1996 das «Krebsübel der Korruption» in einer Rede frontal angegriffen und dazu aufgerufen hatte, kritischer auf eine transparente Mittelverwendung zu achten.

Für manchen autoritären Herrscher im Süden war es natürlich sehr unbequem, dass die Welt­bank – in enger Kooperation mit den Geberländern – nicht länger grosszügig darüber hinwegsehen wollte, wie Entwicklungsgelder in tiefen Taschen verschwanden. Doch die Position dieser Autokraten war mit dem Ende des Kalten Kriegs ohnehin geschwächt, da sie nicht länger über das Drohpotenzial verfügten, im geopolitischen Systemwettbewerb die Seiten zu wechseln. Vielmehr mussten sie den Gebern nun viele kritische Fragen zu Regierungsführung und Rechtsstaatlichkeit beantworten.

Ein Mann mit Grandezza

Wolfensohn stand bis 2005 an der Spitze der Weltbank. In dieser Zeit erhielten nicht nur Fragen der Governance mehr Gewicht. Auch die Armutsbekämpfung rückte wieder stärker in den Mittelpunkt. Aufgrund seiner Erfahrung in der Privatwirtschaft – etwa bei der Rettung des 1979 vom Bankrott bedrohten Autoherstellers Chrysler – war Wolfensohn zudem überzeugt, dass nicht nur Unternehmen, sondern auch Staaten eine zweite Chance verdienen. Zusammen mit dem Internationalen Währungsfonds lancierte er daher die Initiative für hochverschuldete arme Länder (HIPC); sie steckte den Rahmen ab für eine international eng koordinierte Entschuldung von 27 Staaten.

Anders als viele seiner Vorgänger, welche die Weltbank eher verwalteten denn führten, prägte Wol­fensohn die Organisation. Dabei hatte zunächst wenig auf eine Karriere in der Entwicklungspolitik hingedeutet. In seinem Geburtsort Sydney studierte er Rechtswissenschaften und arbeitete kurzzeitig als Anwalt. Bald wechselte der Australier aber ins Fach des Investment-Banking, zunächst in Lon­don, dann in New York, wo er mit Erfolg ein eigenes Unternehmen führte und 1980 auch die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt. So war Wolfensohn längst ein finanziell unabhängiger Mann, als er auf Empfehlung von Bill Clinton den Chefposten bei der Weltbank antrat.

Wer dem weltgewandten Wolfensohn je begegnet ist, konnte sich seiner barock anmutenden Grandezza kaum entziehen. Er fühlte sich in der Finanzwelt ebenso wohl wie mit Persönlich­keiten der Kultur. Dabei kamen ihm seine vielseitigen Talente zugute. Als 23-Jähriger hatte er für Australien als Fechter an den Olympischen Spielen teilgenommen. Und als Freund klassischer Musik zeigte er auch beim Cellospiel, das er standesgemäss bei Jacqueline du Pré erlernte, grosses Talent. Die Umschreibung «larger than life» passte durchaus zu dieser aussergewöhnlichen Persönlichkeit. Wolfensohn ist in der Nacht auf Donnerstag im Alter von 86 Jahren in New York verstorben.

Football news:

Argentinien hat die Heim-WM 78 vor dem hintergrund der Repression gewonnen. Die Junta entführte Menschen, die Entdeckung fand einen Kilometer vom Gefängnis entfernt für die Uneinigkeit
Barcelona wird Garcia in diesem Winter nicht kaufen
Monaco erzielte in den ersten 20 Kovac-spielen 36 Punkte. Mehr als unter Jardim
Rivaldo: Kuman verdient Respekt für das Vertrauen der Jugendlichen. Zidane hat das nicht mehr getan
Roma kann Lazio in 4 spielen in Folge nicht schlagen
Mourinho zur Verlängerung Von Bale: keine Sekunde hat darüber gesprochen
Neuer ist der beste Torhüter des Jahrzehnts, Buffon 2., Courtois 3. (IFFHS)