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Jacqueline Fong lässt die Fäden tanzen

Die ehemalige Topbankerin bringt Kunsthandwerk der Spitzenklasse aus dem Dschungel von Borneo auf den internationalen Luxusmarkt. Der Ideenreichtum der malaysischen Unternehmerin ist begeisternd – und zeigt sich auch im Kampf gegen das Coronavirus.

Die ehemalige Investmentbankerin Jacqueline Fong leitet in der Corona-Krise eine Nähkampagne.

Die ehemalige Investmentbankerin Jacqueline Fong leitet in der Corona-Krise eine Nähkampagne.

Der Kampf gegen die Pandemie wird in Malaysia auch an der Nähmaschine geführt. Als die Schutzkleidung in den Spitälern auf der Insel Borneo auszugehen drohte, hat die Unternehmerin Jacqueline Fong Ende März eine Mobilisierungskampagne gestartet. «Wir müssen die Leute an der Front schützen, damit sie uns schützen», lautet die Videobotschaft, die sie in den sozialen Netzwerken verbreitet.

Mehr als 100 Freiwillige sind dem Aufruf gefolgt und nähen nun in und um Kuching, der Hauptstadt des Gliedstaats Sarawak, was das Zeug hält: Schuhüberzüge, Kopfhauben, Schutzanzüge. Gegen 1000 Einzelstücke werden täglich ausgeliefert. Zahlreiche Spender und Gönner tragen das Ihre zu dem Gemeinschaftseffort bei. So kommt es, dass sich das Hauptquartier inzwischen im Zentrum der Stadt im traditionsreichen Sarawak Club, einem jener Eliteklubs aus der britischen Kolonialzeit, befindet.

Vielseitig und vielbeschäftigt

Das von Wind und Wetter gezeichnete Herrenhaus am Stadtrand, in dem Fongs Firma Tanoti residiert, ist geschlossen. Beim Besuch kurz vor dem Lockdown steht an der Eingangstür ein märchenhaftes Kleid, das im Raum zu schweben scheint: Ein Hauch von einem Schal bauscht sich über einem seidenweissen Kleid, auf dem ein Schwarm von bunten Schmetterlingen flattert wie durch ein Blumenfeld.

Die Stoffe an den Ständern dahinter zeigen das schöpferische Spektrum malaysischer Weberinnen: von traditionellen Brokatstoffen bis hin zu modernen Kreationen aus Seide und Leder. Daneben türmen und reihen sich Produkte, die Frauen des Penan-Stammes geflochten haben aus schmalen Streifen, die sie der stacheligen Rattanpalme abgewonnen haben: Matten, Umhängetaschen und Flaschenhalter mit den schwarzen Mustern desjenigen Stammes, mit dem der vor zwanzig Jahren verschollene Bruno Manser gelebt und gegen die Abholzung des Urwaldes gekämpft hatte.

In der Manufaktur von Fong, dem Tanoti House, entstehen komplizierte Brokatstoffe in reiner Handarbeit.

In der Manufaktur von Fong, dem Tanoti House, entstehen komplizierte Brokatstoffe in reiner Handarbeit.

PD

Aus Borneos Dschungel an die Pariser Modewoche – es ist ein grosser Spagat, der Jacqueline Fong, dem Kopf und dem Herzen dieses sozialen Unternehmens, hier gelingt. Wie macht sie das nur? Sie lacht. «Ich habe keine Ahnung von Mode und Design», gesteht die barfüssige Unternehmerin in Jeans und T-Shirt offenherzig. «Letztlich überbrücke ich einfach den Graben zwischen Angebot und Nachfrage.»

Zwei- bis dreimal im Monat reist die ehemalige Bankerin für ein paar Tage ins schwer zugängliche Hinterland von Sarawak. Sie klappert 26 Penan-Siedlungen mit rund 300 Flechterinnen ab, nimmt deren Produkte in Kommission und vermittelt ihnen Aufträge von exklusiven Kunden, die sie auf Reisen nach Singapur, London und Berlin von ihrer Vision überzeugt hat: Sie will den Urwaldbewohnern durch den Anschluss an den internationalen Markt neue Einkommensquellen erschliessen. «Die Seele zurückbringen in das gesellschaftliche Gewebe», lautet das Motto ihres mehrfach preisgekrönten Unternehmens.

Am Anfang stand eine zufällige Begegnung mit einer alten Bekannten, wie Fong erzählt. Die befreundete Designdozentin habe damals für die Königin von Malaysia an einem Programm zum Erhalt des malaysischen Webekunsthandwerks gearbeitet. «Ihr Katalog voller mit Gold- oder Silberfäden durchwirkter Brokatstoffe, sogenannter Songkets, warf mich um. Als die Königin wenig später aus dem Programm ausstieg, wurde ich 2012 die ‹Ersatzqueen›.»

Handtaschen für die Damen, Fliegen, Einstecktücher und Kummerbunde für den Herrn liegen im Tanoti House ausgestellt wie in einer Luxusboutique.

Handtaschen für die Damen, Fliegen, Einstecktücher und Kummerbunde für den Herrn liegen im Tanoti House ausgestellt wie in einer Luxusboutique. 

NZZ

Unternehmerisches Neuland

In der Aufbauphase finanzierte Fong die Firma mit ihren Einkünften als Investmentbankerin quer. Das ging so lange gut, bis sie ein Tanoti-Projekt für den Wettbewerb eines Immobilienkonzerns einreichte. «Wir haben nicht nur verloren – der Konzernchef hielt mir danach auch eine Standpauke», erinnert sie sich. «Was ich mir eigentlich einbilde!, herrschte er mich an. Um ein Geschäft zum Erfolg zu führen, brauche es alle Energie.»

Darauf kündigte sie ihre Direktorenstelle bei einer der weltgrössten islamischen Banken, vermietete ihre Wohnung in Kuala Lumpur und zog wieder bei ihren Eltern in Kuching ein. Parallel zu Tanoti baute sie hier auch noch das Batik Boutique Hotel und das Hostel BB Bunkers auf, die Kulturvermittlung der anderen Art betreiben. An ihr altes Leben erinnert noch ein zweisitziger Flitzer der Marke BMW – und die Art, wie die 43-Jährige ihr Business betreibt.

«Die menschlichen Ressourcen in Sarawak werden kaum genutzt. Es ist eine Verschwendung, die zu einer riesigen Einkommensschere führt», hält sie fest. «In Indonesien trägt der kreative Sektor, sprich: das traditionelle Handwerk, 11% zum Bruttoinlandprodukt bei. In Malaysia fehlen der Regierung nur schon die entsprechenden Zahlen. Ein Armutszeugnis. Mein Ziel ist, dass alle Einwohner im erwerbstätigen Alter zur Wirtschaft beitragen. Das sollte eigentlich die Mission des Landes sein.»

Für die Stossrichtung spricht, dass die grossen Luxuskonzerne die Herstellung handgewobener Stoffe und geflochtener Nischenartikel ausgelagert haben. Die Konkurrenz ist schwach. Woher nimmt sie aber ihre Motivation? «Ich entstamme einer Familie von Strebern», erklärt sie keck. Der Vater war Generalstaatsanwalt von Sarawak, und die drei Brüder haben auf ihren Gebieten alle Karriere gemacht. «Wer da nicht untergehen will», sagt die einzige Schwester, «muss ein starkes Selbstvertrauen entwickeln.»

Unterstützung aus Berlin

Ein eingespieltes Designteam arbeitet im Tanoti House an der Veredelung der Produkte. Gerade werden Rattanmatten zugeschnitten und bemalt für die Badezimmer eines Mandarin-Oriental-Hotels. 135 Stück sind bestellt. Daneben werden unförmig geratene Papiertuchhalter aussortiert und verpackt; Fong wird sie den Flechterinnen zurückbringen. Qualitätssicherung ist ein mühseliger Lernprozess – und Teil eines weit grösseren Projekts, das finanzielle Unterstützung vom Deutschen Bundestag erhält.

Tanoti bemüht sich zusammen mit dem WWF Malaysia darum, einen grünen Korridor im Penan-Stammesgebiet zu errichten. «Wir wollen von der Brandrodung und der damit einhergehenden Umweltzerstörung und Luftverschmutzung wegkommen», erklärt Fong. «Deshalb ermuntern wir die Penan, Rattan anzubauen und zu verarbeiten. Vier Palmbaumschulen haben wir dafür eingerichtet.»

Höchste Webkunst: Komplizierte, unregelmässige Designs und auf Bestellung auch textile Kunstwerke erfordern Kunstfertigkeit und Konzentration.

Höchste Webkunst: Komplizierte, unregelmässige Designs und auf Bestellung auch textile Kunstwerke erfordern Kunstfertigkeit und  Konzentration.  

NZZ

Mit diesen Worten öffnet sie die Tür zum Anbau, wo ein Dutzend Frauen an Webstühlen sitzen. Es herrscht fast andächtige Stille. Komplizierte, unregelmässige Designs mit bis zu 20 Farben erfordern volle Konzentration. Wer für welche Arbeit zuständig ist und die jeweiligen Deadlines stehen auf einer Tafel. Ein Bonus winkt bei vorzeitiger Erfüllung des Auftrags, ein Abzug bei Verspätung.

Es ist ein Business, das Jacqueline Fong betreibt, und doch schwingt weit mehr mit: Der von ihr organisierte Auftritt einer Weberin am Fringe-Festival 2019 in Edinburg – unter dem Titel «Mystische Gesänge aus dem Regenwald» – hat einen Eindruck davon gegeben. Jetzt ist sie am Aufbau eines Youtube-Kanals, der die mit dem Kunsthandwerk verbundenen Zeremonien in Sarawak dokumentiert. Als Nächstes geplant ist ein Video mit einer Weberin aus der siebten Generation vom Stamm der Iban. Es soll einen alle zwei Jahre stattfindenden Ritus festhalten, mit dem die negative Energie aus dem zu verarbeitenden Garn gewaschen wird.

Die spirituelle Kraft, sie sollte nach dem Lockdown willkommen sein.

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