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Hockey-Ikone Köbi Kölliker: «1970 wussten wir nicht einmal, dass es die NHL gibt»

2016 war Kölliker Sportchef in Olten und sprang an der Bande ein. Bild: KEYSTONE

Interview

Hockey-Ikone Köbi Kölliker: «1970 wussten wir nicht einmal, dass es die NHL gibt»

Jakob «Köbi» Kölliker (67) ist seit 50 Jahren im Geschäft. Er hat die gesamte Entwicklung des Schweizer Eishockeys von den Niederungen der Zweitklassigkeit bis zum Aufstieg in die Weltspitze erlebt und als Spieler und Trainer geprägt. Ein Gespräch über Biel, Ambri, Langnau, Ralph Krueger, über die guten alten und die noch besseren neuen Zeiten unseres Hockeys.

Womit wollen wir beginnen? Mit China? Biel? Ambri? Ralph Krueger? Frauenhockey?
Jakob Kölliker:
Ganz so wie Sie wollen.

Was beschäftigt Sie nach einem halben Jahrhundert immer noch?
Ich habe so viel erlebt. Das ist schwierig zu sagen.

Sagen wir es so: Was war Ihre grösste Enttäuschung? Das weckt mehr Neugierde beim Leser, als wenn Sie nun sagen, es sei super gewesen, mit Biel Meister zu werden.
Nun gut: die Saison als Sportchef in Langnau.

Das war, als Langnau 2013 absteigen musste – und Sie waren immerhin 1998 mit den Langauern als Trainer aufgestiegen.
So ist es.

Was war da, mal abgesehen vom sportlichen Misserfolg, so enttäuschend?
Mein Herz war in Langnau und ist es heute noch; zwar mit etwas mehr Distanz. So wie das damals abgelaufen ist, wie soll ich sagen …

… geht auf keine Kuhhaut.
So ungefähr.

Sie verantworten den Abstieg. Erst waren sie Sportchef, dann feuerten Sie Trainer John Fust und am Schluss musste auch noch dessen Nachfolger Alex Reinhard gehen und Sie standen an der Bande.
Solche harten Entscheide trifft nicht der Sportchef, sondern in der Regel der Verwaltungsrat.

Na kommen Sie! Sie waren Sportchef.
Ich hatte als Sportchef keine Befugnis für Personalentscheidungen in diesem Mass; Anstellungen und Beurlaubungen sind Sache des Verwaltungsrates.

Und wer zog die Fäden?
Der damals kurz vorher gescheiterte, kleingewachsene Geschäftsführer aus Kloten im «geschnigelten» Leinenanzug, äh … der Name ist mir gerade entfallen.

So?
Ich hatte mich gegen seine Anstellung ausgesprochen. Aber er wurde trotz starken Gegenwind der starke Mann in Langnau und er wusste natürlich, dass ich gegen ihn war. So gab es keine Basis für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Nach dem Trainer-Hick-Hack wollte er Tomas Tamfal – auch er war mit ihm in Kloten in Ungnade gefallen – als Trainer installieren und noch mehr Geld ausgeben! Da sagte ich: Nein, das geht nicht. Dann bin ich lieber selbst der Tubel im Umzug, also nahm ich das Himmelfahrtskommando selber in die Hand. Das ist der Grund, warum ich zuletzt an der Bande stand. An diesem Abstieg habe ich sehr, sehr lange zu kauen gehabt, ja eigentlich heute noch. Auf- und Abstiege gehören zum Sport wie die Butter zum Brot; aber wie das gelaufen ist, ist für mich noch heute unverständlich! Aber soviel ich weiss, bin ich trotzdem ein paar Jahre länger im Business als besagter Sport- und Marketingmanager.

Das tönt doch schön. Es geht auch im 21. Jahrhundert immer noch ein wenig zu und her wie zu Gotthelfs Zeiten. Wann haben Sie eigentlich ihr erstes Spiel gemacht?
Im Herbst 1970 mit Biel in der NLB gegen Forward Morges. Im dritten Spiel gelang mir dann gegen Lausanne das erste Tor.

Was ist heute anders?
Alles. Das ist nicht nur im Eishockey so. Der Sport generell hat sich enorm geändert. Denken Sie nur mit allem Respekt an die Zeiten von Bernhard Russi. Wenn man heute seine Olympiafahrt sieht, fährt fast jeder Hobbyskifahrer so schnell den Berg hinunter wie Bernhard bei seinem Olympiasieg 1972. Der physische Aspekt, der Trainingsinhalt und vor allem das Material hat sich gewaltig geändert und entwickelt. Wir machten damals kein Sommertraining und trainierten im Winter zweimal in der Woche und hatten gerade 28 Meisterschaftsspiele. Anfang der Siebzigerjahre hat der SC Bern mit dem Sommertraining begonnen und die ersten schweisstreibenden Einheiten geschoben. Die ganze Hockeyschweiz schielte damals nach Bern und lachte. Aber der SCB war 1975 Meister und der Krösus, der Vorzeigeklub der Liga. Als wir just in dieser selben Saison in die NLA aufgestiegen sind, begannen halt auch wir mit dem Sommertraining!

Habt ihr geflucht?
Ja klar, am Anfang auf jeden Fall. Ich war aber immer voll motiviert und ich wusste, dass dies für meine körperliche Entwicklung nötig war. Und vergessen Sie nicht, schon damals machten wir physische Tests und die Entwicklung im Materialbereich kam in Fahrt. Ich habe beispielsweise noch sehr lange mit Holzstöcken gespielt. Aber Achtung: mit Fiberglas verstärkt, was eine absolute Neuheit war! (lacht)

Aber die Gesetze über Erfolg und Misserfolg sind gleichgeblieben?
So ist es. Das Rad kann man auch nicht neu erfinden. Damals wie heute braucht es eine gute Achse: Torhüter, Verteidiger, Center. Und wer keinen guten Goalie hatte, war früher so verloren wie heute. Das habe ich bei meiner letzten Tätigkeit als Trainer bei den Frauen soeben wieder einmal bei Bomo Thun erlebt. Bomo hat drei Top-Torhüterinnen (U18 und Nati, die Red.) im Kader, aber wenn mal keine zur Verfügung stand, wurde es schwierig.

Sind Sie dort eigentlich gefeuert worden?
Nein. Präsident Peter Brand ist ein Kollege von mir und ich habe in der Not letzte Saison bloss ausgeholfen, bis wir einen geeigneten Trainer gefunden hatten. Zudem habe ich andere Projekte. Ich muss aber sagen, dass dies eine sehr gute Erfahrung war und das Frauen-Eishockey noch viel Potenzial hat! Wenn ich entlassen worden wäre, hätte ich mich, glaube ich, aus dem Hockey zurückgezogen.

Wie oft sind Sie eigentlich entlassen worden?
Zweimal.

Nur zwei Mal?
In Langnau und Olten als Sportchef. Ach ja, in meinem ersten Trainerjob in Biel. Uff, das ist schon so lange her … im letzten Jahrtausend!

Lange ein Erfolgsduo: Köbi Kölliker und Nationaltrainer Ralph Krueger (rechts). Bild: KEYSTONE

Was ist für den Trainer seit Ihrer Aktivzeit anders geworden?
Eigentlich nichts. Es muss auch heute in einem Klub vieles stimmen.

Das heisst.
Ich muss zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein, d.h. mit den Menschen im Team und noch wichtiger im Umfeld, zusammenarbeiten und vertrauen können. Dann braucht es auch ein Quäntchen Glück. Es kommen so viele Faktoren zusammen, die eine Rolle spielen, die ich als Coach nicht beeinflussen kann.

Ralph Krueger ist eine Lichtgestalt der Trainerbranche. Sie waren bei der Nationalmannschaft dreizehn Jahre sein Assistent.
Er war ein guter Spieler, er kennt das Hockey aus dem «FF» und er ist ein sehr guter Kommunikator. Er kann Leute um sich herum begeistern und dazu bringen, Topleistung abzuliefern und mit ihm seinen Weg zu gehen. Was er sagt, hat Hand und Fuss; er ist authentisch und geradlinig.

Wie konnte das zwischen ihm und einem eher ruhigeren Typ wie Sie so lange funktionieren?
Ich spreche nicht unnötig viel, aber das, was ich sage, meine ich auch so. Dabei geht es immer um die Sache. Wenn ich das Gefühl habe, ein Spieler ist für eine Position besser geeignet als der andere, dann sage ich das ungeachtet der Namen und Verdienste. Ralph konnte mir vertrauen und ich ihm. Wir harmonierten sehr gut, die Aufgaben waren klar und die Chemie stimmte. Es gab nie die Machtspielchen, die Assistenten manchmal treiben.

1970 haben Sie das erste Spiel bestritten. Konnten Sie sich vorstellen, dass einmal mehr als zehn Schweizer in der NHL unter Vertrag stehen und die Schweiz um den WM-Titel spielt?
1970 wussten wir nicht einmal, dass es die NHL gibt. Nirgendwo gab es Informationen und nicht einmal die Resultate.

Wie ist es möglich, dass die Schweiz um den WM-Titel spielt.
Die physische Entwicklung und die Ausbildung von Trainern und jungen Spielern spielen eine zentrale Rolle. Die hat bei uns erst Anfang der 1970er-Jahre eingesetzt. Wie ich schon sagte, machten wir ja anfänglich noch nicht einmal ein Sommertraining. Ruedi Killias hat als Junioren-Natitrainer mit dem damaligen Jugend- und Sport-Förderprogramm begonnen, die Trainerausbildung in der Schweiz voranzutreiben. Der damalige SEHV war flexibel und hat früh erkannt, dass man die Juniorenligen neu strukturieren und auch immer den Bedürfnissen adaptieren muss. Als ich Junior war, gab es eigentlich nur zwei Alters- und keine Leistungsstufen. Oft gewannen wir mit 10 oder sogar 20 Toren Differenz. Als ich 2012 in Deutschland Bundestrainer war, kam mir vor, als seien die Deutschen in der Juniorenförderung Jahre zurück.

Wie denn das?
Machtkämpfe, Missgunst und Besserwisserei zwischen dem Dachverband und den Landesverbänden blockierten Neuerungen und einheitlichen Strukturen in der Spieler- und Trainerausbildung. Inzwischen haben sich die Verhältnisse aber sehr stark gebessert, was sich in den Resultaten niederschlägt.

Aber als deutscher Nationaltrainer sind Sie gescheitert. Nach einem Jahr ist der Vertrag nicht mehr erneuert worden.
Na ja, nicht unbedingt. Wir haben das Viertelfinale nicht geschafft, was aber keine Tragödie war. Klar, das Jahr zuvor spielte Deutschland eine sehr gute WM, die beste seit Jahren! Diverse Gespräche führten auch zu einer Weiterverpflichtung mit der Verantwortung für den Nachwuchs. Dazu hätte ich aber definitiv nach Deutschland umziehen müssen, was ich der Familie wegen nicht wollte.

Wir reden im Sport viel über die unterschiedlichen Mentalitäten. Sind die Deutschen im Eishockey anders als wir Schweizer?
Oh ja. Der Deutsche ist ein Befehlsempfänger. Ich hatte mich daran gewöhnt, die Taktik oder Special Teams wie z.B. das Powerplay mit den Spielern zu besprechen. Für mich ist es üblich, gemeinsam mit den Spielern nach Lösungen zu suchen. Das wollte ich in Deutschland auch. Da haben mich die Spieler verständnislos angeschaut und gesagt: Du bist der Trainer. Du entscheidest, sag uns, was wir tun sollen. Der Deutsche will einen Befehl. Aber wenn man einen Befehl gibt, dann führt er ihn aus. Ohne Wenn und Aber und arbeitet er sehr hart und nimmt nicht den einfachen Weg. Wir Schweizer neigen dazu, eine gewisse Abkürzung zu nehmen.

Dann passt das Wort Bandengeneral eigentlich besser zum deutschen Hockey als zu uns.
Wenn Sie so wollen. Aber man muss auch bei uns Leitplanken setzen. Wie ich schon sagte: Wir Schweizer neigen sonst dazu, den Weg des geringeren Widerstandes zu gehen.

Köbi Kölliker bedrängt 1988 den Kanadier Gordon Sherven, beobachtet von Urs Burkart und Goalie-Legende Richi Bucher. Bild: imago images

Was machte damals einen guten Spieler aus im Vergleich zu heute?
Es hat sich nichts geändert. Kraft, Schnelligkeit und Taktik kann jeder trainieren und lernen. Den Unterschied zwischen einem guten und einem sehr guten Spieler macht die Fähigkeit, das Spiel lesen zu können. Spüren, wann und wie ich etwas machen muss, loslaufen oder besser nicht loslaufen, schiessen oder nicht schiessen, den freien Raum sehen, erahnen, wie der nächste Spielzug sein könnte. Das war damals schwierig und ist es heute noch genauso. Diese Spielintelligenz hat man oder man hat sie nicht.

Spielinstinkt also. Den hatten Sie.
Man sagt es. Aber einer war noch besser: Todd Elik. Seine Spielintelligenz bleibt unerreicht.

Aber neben dem Eis hat ihn diese Intelligenz manchmal verlassen …
Das weiss ich nicht. Ich habe nie mit ihm Rechenaufgaben gelöst.

Ilfis-König: Todd Elik. Bild: KEYSTONE

Sie sind der Erfinder des Time-Out.
So?

Sie zerschnitten einmal das Netz, um der Mannschaft eine Verschnaufpause zu verschaffen.
Ja, phu … war das ein Spiel! Das war mit Ambri in Biel. Aber das Time-Out gab es damals schon. Wir lagen nach drei oder vier Minuten schon mit drei Toren im Rückstand und ich sagte unserem Trainer: Nimm ein Time-Out! Aber er wollte nicht. Da bin ich hässig geworden, zu unserem Tor gefahren, bin blöd gestolpert und mit den Schlittschuhen ins Netz geraten. Es dauerte dann eine Weile, bis der Eismeister da war, um den Schaden zu reparieren.

Hat es geholfen?
Ein wenig schon. Wir konnten uns wieder etwas erholen. Verloren haben wir trotzdem.

Diese Episode passte zu Ihnen. Sie waren ein Provokateur, ein Schlitzohr.
Ich war mit Fleisch und Blut Eishockeyspieler und habe jeweils die Grenzen ausgelotet.

Und gingen auch mal über diese Grenzen hinaus.
Wo sind denn diese Grenzen? Ich habe einmal in Bern Serge Martel einen zweihändig geführten Stockschlag verabreicht, für den man heute zehn Spiele gesperrt und vor Gericht verklagt werden würde. Aber ich musste nicht mal auf die Strafbank. Sie sehen also: Man muss die Grenzen in jedem Spiel suchen.

Die Schiedsrichter haben es nicht leicht …
… weil sie eben auch beeinflusst werden können. Wenn man einmal in Ambri war, weiss man wie schwierig es ist, ein Spiel zu leiten.

Warum Ambri?
Nirgendwo werden die Schiedsrichter so beeinflusst wie in Ambri. Aber auf eine gute Art; die Fans sind heissblütig und loten manchmal auch Grenzen aus! (lacht)

Sie übertreiben.
Nein, ich habe es oft genug erlebt. Zeitweise musste die Polizei die Schiedsrichter in Sicherheit bringen. Einmal hat unser Präsident Willy Gassmann Schiedsrichter Fatton unter seinem Pelzmantel versteckt und so aus dem Stadion geschmuggelt.

Das war früher.
Mag sein, aber in Ambri ist es noch immer speziell.

Wir haben über Mentalitäten gesprochen. Sie haben ein Jahr lang auch eine chinesische Auswahl und das chinesische Frauenteam geführt. Wie sind die Chinesen?
Die sind nicht viel anders als wir Schweizer. Natürlich sind sie physisch nicht so stark und sind anders gebaut. Einen Simon Moser haben sie nicht und auch sonst keine kernigen Kerle. Sie nehmen aber auch gerne die Abkürzung und müssen geführt werden.

Sie haben auch das Frauenteam von Bomo Thun trainiert. Wie ist die Mentalität bei den Frauen.
Es ist eine Freude, mit einem Frauenteam zu arbeiten. Frauen sind sehr leistungsorientiert und fordern einen Trainer. Sie wollen wissen, warum etwas so oder so gemacht werden muss. Unser Frauenhockey hat ein riesiges Potenzial und war vor 15 Jahren international konkurrenzfähiger als die Männer. Leider hat man es verpasst, das Frauenhockey bei uns zu fördern. Aber das kommt noch. Wie im Fussball. Dem Frauenhockey fehlt heute die Medienpräsenz und die Akzeptanz generell. Kürzlich hat Peter Brand, der Präsident von Bomo Thun gesagt, Sie sollten mehr über Frauenhockey schreiben.

Was ich noch so gerne tun würde. Ich bin ein grosser Befürworter des Frauenhockeys. Aber ich bin eben sehr beschäftigt. Sie können ja Frauenhockey-Botschafter werden.
Hm, vielleicht wird das mein nächstes Projekt.

Welche Persönlichkeit hat Sie am stärksten geprägt?
Mein Juniorentrainer Stu Cruikshank in Biel. Ich habe zeitweise in drei Mannschaften gespielt. Bei den Junioren, bei der zweiten Mannschaft in der 1. Liga und im NLB-Team. Bei den Junioren spielte ich in der Regel 60 Minuten durch und provozierte ab und zu eine Zweiminutenstrafe, damit ich etwas verschnaufen konnte. Ich erinnere mich, dass ich mit Biel am Samstagabend in Lugano spielte. Da reiste man noch mit dem Zug an, übernachtete in Lugano und kehrte am nächsten Tag zurück. Aber ich bin noch am gleichen Abend mit dem Nachtzug nach Basel gefahren, dort hat mich Stu mit dem Auto abgeholt, damit ich um am Sonntagmorgen 10.00 Uhr mit seinen Junioren spielen konnte. Dieses Engagement des Trainers hat mich stark beeindruckt.

Haben Sie es nicht fast übertrieben?
Nein. Vielleicht habe ich so auch meinen Spielinstinkt geschärft. Ich war oft so müde, dass ich das Spiel einfach gestalten musste.

Und welche Spieler haben sie am meisten beeindruckt?
Andrej Chomutow und Slawa Bykow. Ich habe sie bewundert und gehasst zugleich. Weil ich ohnmächtig war. Ich konnte einfach nichts ausrichten. Die haben mit mir gemacht, was sie wollten. Chomutow konnte ich mit etwas Stockarbeit hin und wieder provozieren. Aber Bykow hat nie eine Miene verzogen und bei einem Stockschlag nicht mit den Wimpern gezuckt. Er blieb immer eiskalt.

2019 soll Kölliker chinesischen Junioren das Eishockey beibringen. Bild: KEYSTONE

Todd Elik liess sich wenigstens provozieren …
… ja, aber gegen ihn habe ich nie gespielt. Den habe ich in Langnau als Trainer in der Mannschaft gehabt. Ein Superspieler!

Wie provozierten Sie?
Nun ja, man hat ja ein Arbeitsgerät zur Hand.

Und verbal?
Verbal auch; da hat sich bis heute nicht viel geändert.

Wie?
Was man halt so sagt. All die Sprüche kenne ich leider nicht mehr.

Was denn?
Banalitäten. Das genügte manchmal, um jemanden zur Weissglut zu bringen. Man kannte sich ja; wie ich die anderen, so sie mich auch!

Aber nach dem Spiel war alles wieder gut?
Ja. Michael Horisberger und ich waren schon in Juniorenzeiten befreundet. Aber auf dem Eis sind wir praktisch immer aneinandergeraten und haben uns «Saubi» gegeben, wie man im Emmental sagt. Damals war die Stadionbeiz in Langnau noch auf der Höhe des Eisfeldes. Es hat nicht ein Spiel gegeben, ohne dass «Hori» dort mit zwei Bier auf mich gewartet hat.

Sie sind von Verletzungen praktisch verschont geblieben?
Ich habe zwar einige Zähne verloren. Aber es stimmt, ich habe nie eine Knie- oder Bänderverletzung erlitten. Ich erlitt einmal einen Mittelfussbruch nach einem blockierten Schuss und einmal bin ich nach einem Stockschlag an der Nase operiert worden. Ich hatte sehr viel Glück in dieser Beziehung.

Wie ist das möglich?
Ich bin vielleicht immer erst als zweiter Mann in die Ecken gefahren. Nein, Spass beiseite: Das Hockey war ganz anders und die Regeln waren es auch. Wir konnten mit dem Stock beim Gegner einhaken oder ihn am Arm oder am Leibchen zurückhalten. Dadurch war das Tempo bei einem Zusammenprall viel geringer als heute. Es gab wohl viele Knie- und Schulterverletzungen. Aber Gehirnerschütterungen waren praktisch unbekannt. Heute ist das Tempo so hoch und ein Zusammenprall so heftig, dass die Gehirnerschütterungen das grosse Problem geworden sind.

Ein Verteidiger wie Sie würde heute wohl 700'000 bis 800'000 Franken im Jahr verdienen.
Tja, bis ich 30 Jahre alt war hatte ich nicht einmal einen Vertrag.

Was? Als Nationalspieler und mehrfacher Meister mit Biel?
So war das.

Nichts verdient?
Oh doch. Ich arbeitete als Maschinensetzer beim «Bieler Tagblatt». Am Sonntagabend habe ich oft die Matchberichte vom damaligen Hofjournalisten für die Montagszeitung gesetzt und mir erlaubt, diese oder jene Korrektur anzubringen. Ende Saison kam jeweils Geschäftsführer Georges Aeschlimann und sagte: «Köbi, Du musst zu Herrn Gassmann kommen.» Dann bin ich ins Büro unseres Präsidenten gegangen, der auch Besitzer der Druckerei und Verlags des «Bieler Tagblatts» war. Es war immer das gleiche Ritual: Er hat gefragt, wie es mit der Arbeit so gehe, ob ich zufrieden sei und dann haben wir noch ein wenig die Saison Revue passiert. Schliesslich hat er einen Betrag genannt und gefragt, ob das in Ordnung sei. Dieser Betrag ist dann aufs Lohnkonto überwiesen worden.

Sie haben also nie verhandelt?
Nein. Der Präsident hat nach der Saison nach seinem Gutbefinden einfach den Betrag gesagt und es war gut, wie es war.

Sie wussten also während der Saison nicht, wie viel Geld es geben wird.
So war es! Wir spielten nicht primär ums Überleben; wir hatten ja alle noch eine Arbeit.

Wieviel gab es?
Oh, das ist lange her. Ich kann mich nicht mehr erinnern.

So ungefähr?
Sie müssen entschuldigen, aber es ist wirklich zu lange her. Erst als ich nach Ambri wechselte, war ich «Vollprofi» ohne Arbeit neben dem Eishockey.

Sechsstellig?
Ja. Es war meine schönste Zeit.

Na ja, bei einem sechsstelligen Gehalt …
… nein, nein! Nicht wegen des Geldes. Es war etwas ganz anderes: die Wertschätzung, die man in Ambri als Spieler geniesst. Wir waren in Biel Meister geworden. Aber wenn wir ein Spiel verloren, hat man uns das in der Stadt immer spüren lassen. Aber in Ambri sind die Spieler nie schuld. Entweder die Schiedsrichter oder das Wetter oder halt sonst etwas. Diese Wertschätzung, die ich dort als Spieler von den Fans aber auch von den Funktionären hatte, ist einmalig.

Tja, es war eine andere Zeit.
Ich denke, dass es in Ambri immer noch so ist. Aber eine andere Zeit war es, ja. Ich erinnere mich noch, wie wir den Topskorer vom SC Bern zu uns nach Biel transferiert haben.

Erzählen Sie.
Wir waren mit der Nationalmannschaft in Biel im Trainingslager und am Abend wurde ein Aufstiegsspiel zur NLB ausgetragen. Ich weiss nicht mehr, wer gespielt hat. Aber ich erinnere mich noch, dass wir alle zum Spiel gegangen sind. Unser Präsident Willy Gassmann war auch da. Er kam zu mir und fragte, ob dieser Goalgetter Giovanni Conte ein Spieler sei, den wir gebrauchen können und ob ich ihn kenne. Oh ja, sagte ich, das sei der beste Schweizer Skorer der Liga. Er fragte, ob dieser Crack auch da am Spiel sei und er wolle ihn treffen. Eben dieser Topskorer hat in der darauffolgenden Saison bei uns gespielt.

Ich erinnere mich auch noch an Willy Gassmann. Eine grosse, charismatische Persönlichkeit und immer Pelzmantel und Gentleman.
Oh ja. Er hatte in der Garderobe seine Ecke. Der Materialwart legte ihm immer fein säuberlich den Pelzmantel, die Pelzmütze und die warmen langen Unterhosen an einen Haken. Er kam vor dem Spiel mit uns in die Garderobe und zog sich in aller Ruhe um. Nach dem Spiel versorgte er alles wieder fein säuberlich in seine Tasche.

Ein Patron.
Ja, das war er. Ein paar von uns gingen am Montag immer gemeinsam Pizza essen und ein wenig in den Ausgang. Einmal haben wir es wirklich etwas übertrieben. Am Dienstag spielten wir in Langnau. Willy Gassmann nahm mich vor dem Spiel zur Seite und sagte: Köbi, ich bin informiert worden, was letzte Nacht abgegangen ist. Heute erwarte ich von den Beteiligten eine extra gute Leistung. Wir gewannen in Langnau 7:1 und nach dem Spiel gratulierte er in der Garderobe und hob speziell die Top-Leistung jener heraus, die im Ausgang waren. Heute würde ein nächtlicher Ausflug vor einem Spieltag mit grossen Buchstaben skandalisiert und es gäbe ein riesiges Theater und Bussen.

Ach, die gute alte Zeit.
Sie sagen es.

Aus dem Hockey-Fachmagazin «Slapshot».

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