Switzerland

«Hier bin ich eine Illegale»

Mit einem Lächeln im Gesicht erinnern sich die zwei Freundinnen Ursula Fischer (56) aus Thun und die Tibeterin Tsang * (42) an ihre erste Begegnung vor dreieinhalb Jahren. «Damals haben wir zusammen Tee getrunken. Tsang war ganz schüchtern», sagt Fischer. Die Tibeterin fügt hinzu: «Für mich war es das erste Mal in einem Haus einer Schweizer Familie.»

Geflohen aus Tibet

«Der Druck muss riesig sein, damit eine Mutter bereit ist, ohne ihre Kinder zu flüchten», sagt Fischer. Tsangs Familie wollte vor sieben Jahren aus der Unter­drückung Chinas flüchten. Damals reiste die Tibeterin von ihrer Heimat über Nepal in die Schweiz.

Ihre Kinder und ihren Partner musste sie in Tibet zurücklassen. Geplant war, dass Tsang vorausgeht und ihr Mann mit den zwei Kindern nach­kommen würde, doch dazu kam es nie. «Ich träume immer von meinen Kindern», sagt die Tibeterin mit wässrigen Augen. «Ich habe meine Kinder acht Jahre nicht gesehen.»

Die Tibeter dürfen ihren Glauben in ihrer Heimat seit Jahren nicht mehr praktizieren und kein Bild des Dalai Lama aufhängen. Als Tsang in die Schweiz kam, dachte sie, dass sie hier ein unbeschwerteres Leben führen können würde: «Doch jetzt bin ich eine Illegale.» Die Tibeterin fühlt sich unter dieser Etikette als Kriminelle.

Hoffnung Härtefallgesuch

Im Dezember eingereichte Härtefallgesuche schenken 22 Tibeterinnen und Tibetern jedoch neue Hoffnung, darunter auch Tsang. Sie hofft, dass ihr Härtefallgesuch angenommen wird und sie eine Aufenthaltsbewilligung bekommt.

In einem Brief, welcher einigen abgewiesenen Migrantinnen und Migranten kürzlich zugeschickt wurde, heisst es: «Der Migrationsdienst des Kantons Bern nimmt eine Umstrukturierung in der Unterbringung von rechtskräftig abgewiesenen Personen des Asylbereichs vor.»

Aufgrund dieser neuen Entwicklungen der Asylreform hofft auch Fischer umso mehr auf einen positiven Entscheid des Härtefallgesuchs, denn: «Alle abgewiesenen Asylbewerber im Kanton Bern sollen noch diesen Sommer in die Rückkehrzentren abgeschoben werden.»

* Name der Redaktion bekannt

ie sei nervös gewesen, denn sie verstand die Sprache zwar schon, konnte sich aber noch nicht gut ver­ständigen. Tsang wohnt seit sieben Jahren in der Schweiz.Fischer ist Thunerin und beruflich als Hauswirtschaftslehrerin tätig. Kennen gelernt haben sich die beiden durch die Deutsch­lehrerin der Tibeterin: «Sie erzählte Ursula von meiner Geschichte», sagt Tsang.

«Unglaublich ungerecht»

Die Geschichte von Tsang beschäftigte Fischer besonders: «Tsang war eine sehr gute Schülerin und stand kurz vor der Abschlussprüfung für das B1-Zertifikat, das bestätigt hätte, dass sie selbstständig die deutsche Sprache verwenden kann. Doch sie musste den Unterricht abbrechen, da sie eine Ablehnung des Asylgesuchs erhielt.» Dies fand Fischer «unglaublich ungerecht».

«Ich habe meine Kinder acht Jahre nicht gesehen.»Tsang floh alleine aus Tibet in die Schweiz.

Die Tibeterin erinnert sich noch gut an den Tag, als sie den Negativentscheid erhielt: «Ich war sehr traurig und habe viel geweint.» Durch ihr Engagement in der Tagesschule lernte die Tibeterin eine pensionierte Deutschlehrerin kennen, welche sie dann in Deutsch unterrichtete. Fischer wollte der Tibeterin ebenfalls helfen und bezahlte Tsang die Prüfungskosten.

Keine bezahlte Arbeit

«Die Schweiz hat uns Tibetern 1963 geholfen», weiss Tsang; damals nahm die Schweiz als erstes europäisches Land Tibeter als Flüchtlinge auf. Doch optimal sei die Situation trotzdem nicht – weder damals noch heute. Tsang wohnt gezwungenermassen seit vier Jahren im Asylzentrum Berner Oberland und lebt von der Nothilfe: Acht Franken bekommt sie pro Tag, diese müssen für Lebensmittel, Hygieneartikel und Kleider reichen.

Die Tibeterin würde jedoch gern im Pflege­bereich arbeiten: «Ich möchte selbstständig leben.» Aber ohne Aufenthaltsbewilligung wird sie nie für Geld arbeiten können. Die Tibeterin leistet in einer Tagesschule und einem Altersheim zwar Freiwilligenarbeit, damit sie etwas zu tun hat, doch bezahlt wird sie nicht.

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