Switzerland

«Happy Pills»: Sein Adventsfenster fordert heraus

Mit viel Fingerspitzengefühl ordnet Gianluca Trifilò die zerbrechlichen Neon-Glasröhrchen zu geometrischen Mustern. Sie zeichnen die Umrisse von Tabletten nach und stammen aus der Schaufensterauslage einer Apotheke. «Happy Pills» nennt er seine funkelnde Installation, die das Adventsfenster vom 13. Dezember im Kunstraum Baden schmücken wird.

Der Titel hinterlässt beim Betrachter einen fahlen Beigeschmack. Denn Happy Pills sind Psychopharmaka, die Menschen nicht nur glücklicher zu machen. Sie machen sie auch abhängig, und dies immer öfter.

«Auch Weihnachten werden immer mit Glück und Harmonie in Verbindung gebracht. Obwohl die Realität an den Festtagen dann oft anders aussieht», erklärt Trifilò die Doppeldeutigkeit des Adventsfensters. Seine Kunst soll ästhetische Erlebnisse vermitteln und zum Nachdenken anregen, «ohne missionarisch oder wertend zu sein», betont er.

Im Aargauer Kunsthaus zeigt der gebürtige Badener zurzeit die interaktive Installation «Blind Spots». Für seine virtuelle Drei-Kanal-Projektion nahm er sieben Räume vom Pissoir bis zur Notschlafstelle mit dem iPhone auf. Es sind alles Orte, die in der Geschichte rund ums Zürcher Drogenmilieu eine Rolle spielen und vom Ausstellungspublikum spielerisch erortet werden können.

Spuren seines Schicksals zeigen sich in seiner Kunst

Ein Blick auf Trifilòs Website zeigt, dass sich das Thema Sucht und Suchtmittel durch viele seiner Arbeiten zieht. Aus Spritzennadeln gestaltete er beispielsweise eine Dornenkrone – das Symbol für Martyrium. «My Brother Heroin» nennt er das künstlerische Projekt, das ihn seit 2014 umtreibt und immer wieder zu neuen Arbeiten drängt. Zugrunde liegen dem Ganzen Kindheitserfahrungen, die den 37-Jährigen nicht mehr loslassen. Seine beiden Brüder starben jung, nachdem sie jahrelang heroinsüchtig waren.

Trifilòs Eltern sind Italiener. Sie wanderten in den 60-Jahren in den Aargau ein. Der dunkle Lockenkopf spricht wenig über seine Kindheit, in der die Sucht seiner Geschwister ein zentrales Element war. Dass er selber clean blieb, schreibt er diesen Erfahrungen zu: «Ich sah schon als Bub, was mit Menschen passieren kann, wenn sie von einer Substanz abhängig werden», sagt Trifilò und kratzt verlegen seinen Bart.

Es ist ihm unangenehm, wenn Details aus seiner tragischen Familiengeschichte im Gespräch überhand nehmen, und er in die Opferrolle rutscht. Am liebsten würde er diesen Teil seiner Biografie verschweigen, prägte sie nicht so offensichtlich seine Kunst. «Ich wollte schon früh erforschen, weshalb Menschen süchtig werden. Mich trieb die Frage um, bis zu welchem Zeitpunkt jemand noch selbstbestimmt handelt und ab wann ihm die Kontrolle entgleitet.»

Trifilò bezeichnet sich beim Recherchieren als Suchender. «Aber ich bin sicher, dass meine Kunst auch ohne familiären Background von Relevanz ist.» Eine Bestätigung dafür ist der Publikumspreis, den er dieses Jahr für sein «Blind Spots» im Aargauer Kunsthaus erhielt.

Vor zehn Jahren starb Gianluca Trifilòs Vater. «Durch die Todesfälle in meiner Familie überlegte ich mir schon früh, was ich mit der Zeit anfange, die mir noch bleibt», meint er nachdenklich.

Der gelernte Bau- und Renovationsmaler mit Weiterbildung in Bildender Kunst HF pausiert vorübergehend mit dem Studium zum Master of Arts and Fine Arts an der Zürcher Hochschule der Künste und sagt: «Die Kunst ist zu einer kommerziellen Maschinerie geworden. Damit habe ich Mühe.»

Kompromisse will er keine mehr machen. «Zumindest nicht, was meine eigene Arbeit anbetrifft», fügt der Kreative hinzu, der nach einigen Abstechern wieder in Baden wohnt. Sein Einkommen bezieht er aus der Tätigkeit im Art Handling als Ausstellungsauf- und -abbauer. Er ist für namhafte Häuser und Künstler in der Deutschschweiz im Einsatz. Jahrelang war er zudem Location Manager beim Animationsfilmfestival Fantoche.

Heroin wurde vor hundert Jahren als Hustenmittel eingesetzt

Zurzeit bereitet Trifilò seine Einzelausstellung im Kunstraum Aarau für Ende 2020 vor. Für sein Langzeit-Projekt «My Brother Heroin» durchforstet er seit 2015 das Stadtarchiv Zürich nach Medienberichten aus verschiedenen Jahrzehnten. Besonders interessiert ihn, wie sich das Vokabular über Süchtige zwischen 1970 und 2019 veränderte und das öffentliche Bewusstsein prägte. «Mir ist wichtig, mit meiner Kunst den Anstoss zum offeneren Umgang mit dem Thema Suchtkrankheiten und Substanzmissbrauch zu geben», bekundet Trifilò.

«Heroin war 1890 eine beliebte Arznei, besonders als Schmerz- und Hustenmittel. Heute gilt es als eine der zerstörerischsten Drogen überhaupt. Wie aber wird man später die Psychopharmaka einstufen, deren Umsatz von Jahr zu Jahr steigt?» Derweil leuchten die «Happy Pills» im Adventsfenster des Kunstraums bunt und verführerisch.

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