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Ghetto oder Rückzugsort? Warum es der Spielplatz seit über hundert Jahren niemandem Recht machen kann

So wie sich sozial noch ungeübte Zweijährige mit Schaufeln gern mal auf die Köpfe hauen, können Erwachsene zu verbalen Raufbolden werden, wenn es um das Für und Wider von Spielplätzen geht: Fantasielos, steril, sogar für gefährlich, halten ihn die einen.

Als sicheren Rückzug, Ort für Bewegung und frische Luft preisen ihn die anderen. Und obwohl das Karussell der Argumente über die letzten Jahrzehnte nie aufgehört hat zu drehen: Am Erscheinungsbild von Spielplätzen hat sich unterm Strich erstaunlich wenig geändert. Die Wippe, die Rutsche, das Karussell, Standardausrüstung eines durchschnittlichen Spielplatzes, standen schon in den 1920er-Jahren in den Stadtparks herum.

Die Geräte, ursprünglich mal Unterhaltungsgadgets für den erwachsenen Adel und als Jahrmarkt-Attraktionen mainstreamtauglich geworden, erlebten zu jener Zeit die letzte Stufe ihres sozialen Abstiegs: Sie wurden zu Kinderspielgeräten degradiert.

Der Spielplatz ist aber mehr als Karussell und Schaukel. Er war schon immer Skandalon, Utopie und ein Tummelplatz für pädagogische Ideen: Viele Erwachsene sind mit ihren Ideen schon auf ihm herumgeturnt. Die Sozialreformer, die Ende des 19. Jahrhunderts in den boomenden Zentren der Industrialisierung die unbetreuten Arbeiterkinder von den gefährlichen Strassen auf sichere Spielplätze holen wollten, hätten sich über heutige Eltern gewundert, die ihren Nachwuchs nur mit Velohelm auf nach strengen Sicherheitsauflagen gebaute Spielplätze lassen.

Die grosse Gefahr ging damals von der Strasse aus, nicht von einer bunten Plastikrutsche. Das im Strassendreck spielende Kind zu romantisieren, wie wir das heute so gern tun? Unsere Vorfahren hätten uns den Vogel gezeigt. Immerhin wären sie mit uns einig gewesen, dass Grünflächen in den zubetonierten Städten eine gute Sache sind.

Körperkult am Spielplatz: am Reck den Körper stählen

Mehr Gehör fänden heute die Argumente der Reformpädagogen. Körperliche Fitness war das oberste Ziel des Turnvaters Jahn, des Begründers der deutschen Turnbewegung. Weil wir eine Generation von Stubenhockern sind, unsere Muskeln gern auf Instagram zur Schau Stellen und übergewichtige Kinder für ein Problem halten, leuchten uns seine Argumente für den Spielplatz einigermassen ein.

Wegen diesem Herrn sehen die Spielplätze manchmal heute noch wie Sportplätze aus: mit Reck- und Kletterstange, an denen sich momentan wieder die Anhänger des Fitnesstrends Calisthenics ihre Körper stählen – wenn auch nicht zu militärischen Zwecken (Jahn wollte die deutsche Jugend gegen Napoleon rüsten), sondern fürs eigene Ego.

Eine Gulliver Figur als Spielplatz für Kinder in der spanischen Stadt Valencia.

Egal ob Reformpädagogen oder Sozialreformer: Wer einen Spielplatz baut, will die Welt irgendwie besser machen. Das französische Künstlerkollektiv Group Ludic wollte in den 1960ern mit Banlieukindern unter Zuhilfenahme recycelter Industriematerialien deren Trabantensiedlungen verschönern. Sie stiessen nicht immer auf Gegenliebe, erzeugten punktuell aber doch Begeisterung mit ihren Aktionen, die sich auch gegen die institutionalisierten Erziehungseinrichtungen des französischen Staates richteten.

Dass Kindern in den Städten der Rückzugsort fehlt, hatte man übrigens schon in der Nachkriegszeit zum Problem erklärt. Man wollte mit Spielplätzen die Freizeit der Kinder irgendwie sinnvoll gestalten. Dieser institutionalisierte Erziehungsversuch brachte wiederum die Anhänger der 1968er-Bewegung auf die Palme. Die sahen in diesen genormten Spielplätzen «Kinderghettos», auf denen man ein bisschen rutschen und sich dabei ja nicht schmutzig machen durfte. Man rief zur Befreiung des Kindes auf. Wenn Vater und Mutter heute behaupten, ihr Kind brauche keine Fantasiekrücken um zu spielen, dann spricht aus ihnen das Echo dieser Generation.

Boom der Abenteuerspielplätze

Plötzlich boomten die Abenteuerspielplätze, wie ihn der dänische Landschaftsarchitekt Carl Theodor Sørensen schon in den 1940er-Jahren realisiert hatte. Sein betreuter Gerümpelspielplatz (Skrammellegeplads) war modelliert aus losem Baumaterial, Sand, Wasser und viel Natur. Dass die Wasserbecken seines ersten Prototyps im Stadtteil Emdrup in Kopenhagen bald mit Blumenbeeten zugepflanzt wurden, weil nicht alle Eltern klatschnasse Kinder gut fanden, zeigt, wie weit Ideal und Wirklichkeit schon damals auseinanderklafften.

In einer deutschsprachigen Publikation namens «Abenteuerspielplätze» aus den frühen 1970er-Jahre tummeln sich Ermutigungen zu «wilden Spielen» wie «in den Teich pinkeln» oder »Feuer anzünden und Dachpappe verbrennen», die dem kontrollierten Rutschen auf biederen Spielplätzen gegenübergestellt wurden. Heute würde man solche Freizeitaktivitäten wahrscheinlich eher Vandalen zuschreiben. Sie wären mit Spielplatzordnungen, die man an jedem öffentlichen Schweizer Spielplatz antrifft, auch schwer kompatibel.

In der Schweiz brachte Alfred Ledermann, langjähriger Generalsekretär der Pro Juventute, bereits in den 1950ern einen Ableger dieses neuen Spielplatztyps in die Schweiz: Die Robinsonspielplätze, wie es sie zum Beispiel 1974 in der aargauischen Gemeinde Wettingen gab.

Robinsonspielplätze, mit ihren Gemeinschaftszentren, wie es sie in vielen Schweizer Gemeinden gibt, stützen sich auf die Ideen Sørensens und wurden ein weltweiter Exportschlager.

Vieles, was die Pädagogen in den 1970er-Jahren diskutiert haben, hat die Spielplatzgestaltung dennoch nachhaltig verändert. Spielplätze werden nicht mehr zwingend eingezäunt, sondern auch offen ins Stadtbild integriert. Längst müssen sie nicht mehr mit Geräten vollgestellt sein, modellierte Landschaften mit viel Gebüsch und Hügeln sind heutzutage selbst beim braven Gemeindespielplatz die Norm. Die in den 1970er-Jahren verteufelten Stahlrohrgeräte sind teilweise Konstruktionen aus Holz oder anderen naturnahen Materialien gewichen.

Spielen wie im Affengehege

Von den kühnen, von Künstlern ersonnenen Spielskulpturen, die ab den 1950er-Jahren einen Boom erlebten, sind bedauerlicherweise viele wieder verschwunden. Einige kühne Objekte wären mit den Sicherheitsstandards von heute auch kam kompatibel gewesen. Dass diese erhöhten Sicherheitsstandards heute dafür sorgen, dass man als Elternteil das Gefühl hat, der eigene Nachwuchs hüpfe in einem mit Spreu ausgelegten Affengehege herum, ist der ästhetische Preis, den man für sichere Spielplätze bezahlt.

Für die Stadtplanerin Gabriela Burkhalter hat der innovative Spielplatz-Bau nach einer Flaute in den 1980ern wieder an Fahrt gewonnen. Sie sagt: «Familien sind für die Städte zu einer gesuchten Klientel geworden.»

Prestigeobjekte werden überall aus dem Boden gestampft. Auch der Stahl ist zurück. Den Kindern wirds egal sein. Die haben sowieso immer nur gespielt - egal welche erzieherischen Konzepte man ihnen aufdrückte .

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