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Gerechtigkeit gibt es nicht, und alle Hoffnung ist vergebens. Aber die Liebe bleibt bis zuletzt

Der polnische Autor Szczepan Twardoch erzählt aufwühlend über jüdische Schicksale und die Hölle Warschau im Zweiten Weltkrieg.

Ausgegrenzt und eingesperrt: Jüdisches Leben hinter Stacheldraht im Warschauer Ghetto, um 1941.

Ausgegrenzt und eingesperrt: Jüdisches Leben hinter Stacheldraht im Warschauer Ghetto, um 1941.

Getty

An diesem Thema kann man sich die Finger verbrennen, doch der vierzigjährige polnische Erfolgsautor Szczepan Twardoch hat es gewagt: In «Das schwarze Königreich» setzt er die Geschichte des (erfundenen) jüdischen Boxers, Schmugglers und Kriminellen Jakub Shapiro, dem er den Roman «Der Boxer» (dt. 2018) gewidmet hatte, fort. Diesmal zeigt er den Niedergang des Unterweltbosses während des Zweiten Weltkriegs in Warschau, erzählt das Schicksal ihm nahestehender Personen und jenes der Stadt selbst – eine einzige Leidensgeschichte. Die Stationen: nach Hitlers Überfall auf Polen Errichtung des Warschauer Ghettos ab Mitte 1940, «Grosse Aktion» ab Juli 1942, Aufstand im Warschauer Ghetto 1943 und Warschauer Aufstand von August bis Oktober 1944 – Ereignisse, die Hunderttausende von Menschenleben kosteten und eine komplett zerstörte Stadt hinterliessen.

Twardoch wählt zwei Figuren als Chronisten und Lotsen in seelischen und physischen Trümmerlandschaften: Shapiros Geliebte, die Prostituierte Ryfka, die ihn durch den Krieg rettet, und Shapiros Sohn David, der aus dem Zug nach Treblinka springt (wo seine Mutter und sein Zwillingsbruder Daniel umkommen), in Warschau Schmuggel betreibt, mit fünfzehn unter dem Decknamen Ares zum blutigen Rächer an den Deutschen wird, auch seinen verhassten Vater umzubringen versucht, bis er – zigmal dem Tod entronnen – den Krieg überlebt und auf abenteuerliche Weise nach Palästina gelangt. Es sind zwei todesmutige Figuren, die mit Kampfgeist und zähem Instinkt alle Gefahren überwinden, um von dem zu berichten, was ihnen und anderen widerfahren ist.

Erzähltechnisch operiert Twardoch mit einem Trick: Er lässt uns mit Ryfka und David nicht nur unmittelbar am Geschehen teilnehmen, sondern stattet die beiden auch mit einem Wissen post festum aus, das komplizierte Zusammenhänge offenlegt und sich einer quasi überzeitlichen Perspektive verdankt. Dem «Damals» steht ein «Hiermals» gegenüber, ein Raum der Erinnerung «in diesem ewigen Nirgendwo und Jetzt, im Grau», dieser perpetuiert das Nichtvergessen, auch wenn es «so etwas wie Gerechtigkeit nicht gibt».

Zeigen, nicht bewerten

Der Satz könnte als Motto über dem Roman stehen. Vergeblich sucht man darin nach Heldengeschichten, nach moralischen Deutungsmustern oder nach metaphysischem Trost. Desillusioniert stellt nicht nur Ryfka fest, dass «die Welt nichts als Chaos ist und somit unser Leiden keinerlei Bedeutung hat». Dennoch legt sie als Erzählerin Zeugnis ab, haucht der körperlosen Erinnerung Leben ein. Hier liegt auch die Absicht – und die Stärke – des Autors: zeigen, nicht bewerten, Menschen in ihren Verstrickungen plastisch werden lassen, statt einem simplen Opfer-Täter-Schema zu verfallen. Das Individuum bleibt ein Individuum, sosehr es dem Druck der Umstände ausgeliefert ist. Und über Schuld, Schicksal und Zufall lässt sich nicht richten – nicht in dieser Welt des Unglaubens, die keinen Hiob hervorbringt.

Meisterhaft blättert Twardoch seine Figuren auf, lässt sie im explosiven Hass-Gewalt-Gemisch der Zeit agieren, verknüpft ihre Lebensfäden, bis sich Schwarz in Weiss verkehrt und umgekehrt. Komplexität ist immer im Spiel, mag die Drastik auf der Handlungsebene mitunter auch allzu gewollt erscheinen. Einige Einblicke: Jakub Shapiro hat viel zu verlieren, doch sein Niedergang beginnt, als ihn seine Frau, die Mutter seiner Zwillingssöhne, verlässt. Jetzt kollabiert sein nur scheinbar aufrechterhaltenes Selbstbewusstsein, und mit einem Mal hilft nichts mehr: kein Geld, keine Beziehungen, keine Affären.

Zugegeben: Die Liste seiner Verbrechen ist lang. 1937 hat er die Auswanderung seiner Familie nach Palästina verhindert, indem er das Flugzeug zur Umkehr zwang; 1942 tut er nichts, um die Deportation der Seinen nach Treblinka zu verhindern. Ein Monster nennt ihn sein am Leben gebliebener Sohn David, einen bösen Menschen Ryfka, die ihn trotz allem liebt. Sie selbst – ein Strassengör aus Lodz, nur väterlicherseits Jüdin, wie sie erst spät erfährt, Prostituierte und Mehrfachmörderin, als der Krieg sie zur Notwehr zwingt – wird in den Ruinen von Warschau zum «Nachtungeheuer», das den ausgehungerten, apathischen Jakub am Leben erhält.

Auf einem ihrer Beutezüge begegnet sie dem desertierten deutschen Soldaten Jorg Konopka. Der junge Schlesier aus Twardochs Geburtsort Pilchowice wollte nie schiessen, bis er bei einem Pogrom in der Ukraine nicht anders kann. Das Opfer: eine junge Jüdin in kornblumenblauem Kleid. Revanche des Schicksals: Er stirbt, als er Jakub vor der Kugel Davids retten will. Und da gibt es den ukrainischen Bauern Maslanczuk, der durch Stalins Terror gegen die Kulaken Frau und Kinder verlor, sich den Deutschen anschloss und zu deren Handlanger bei der Judenvernichtung wurde. Nicht aus Hass, sondern aus «Stumpfheit und Leere». Anders Anna Ziembinska, die aus Lebenswillen, ja -freude die Kollaboration wählt und von Jakub, ihrem einstmaligen Geliebten, in flagranti ertappt und erschossen wird. Die letzten Worte des Romans gehören Emilia, Jakubs Ehefrau, gerichtet an ihren Sohn Daniel in der Gaskammer von Treblinka. «Hiermals, Mäuschen, werden wir zusammenbleiben für alle Zeit.»

Kunstvoll gewoben

Solche Spotlights vermögen in keiner Weise wiederzugeben, wie kunstvoll die Webfäden des Romans verlaufen und wie viel mehr sie einbeziehen als nur das «schwarze Königreich» des Ex-Boxers und Gangsters Jakub Shapiro. Wobei die Figur des jüdischen Aufsteigers die Frage nach der Beziehung zwischen Polen und Juden aufwirft, die Twardoch schon in früheren Büchern beschäftigt hat. Dem Luxus zuliebe spielt Jakub den Assimilierten, er zieht auch bereitwillig in den Krieg, um gegen die Deutschen zu kämpfen, doch das Rückgrat seiner zionistischen Frau, die im Ghetto Armenküchen betreibt, hat er nicht. Vielmehr schlägt er sich zur jüdischen Polizei.

Und dies im Bewusstsein, dass alle seine früheren Anstrengungen, Pole zu sein, ihn nur zu einem «suspekten Polen» gemacht hatten und in den Augen der Polen die einzige den Juden angemessene Haltung darin bestand, «das Judentum wie eine Krankheit abzustreifen». Auch an anderen Stellen verweist Twardoch auf das angespannte Verhältnis der Polen zu den Juden: so, wenn von «Hatz auf fromme Juden in den Strassen» und von Geschäftsplünderungen die Rede ist («die Deutschen beteiligten sich nicht»), von Polen, die Juden an die mordenden Deutschen auslieferten oder im schlesischen Bedzin – zusammen mit deutschen Soldaten – die dortige Synagoge, in der sich zahlreiche Juden aufhielten, in Brand setzten. Das Thema ist gerade heute heikel, da die PiS-Regierung Polen am liebsten in der Opferrolle sieht und die Mitschuld an Judenverfolgungen möglichst leugnet. Doch folgt Twardoch einem Narrativ, das durch zahlreiche Studien – zuletzt von Anna Bikont zum Fall Jedwabne – unwiderlegbar geworden ist.

«Heavy stuff», würde man auf Englisch über «Das schwarze Königreich» sagen, jedenfalls gehen einem die 400 rasant erzählten, von Olaf Kühl souverän übersetzten Seiten ganz schön an die Nieren und zu Herzen. Hoffnung führen sie keine im Vorrat, Liebe schon. Als irrationale Leidenschaft, als mütterliche Sorge, als geschwisterliche Solidarität unter Freunden. Wo Gott durch Abwesenheit glänzt, bleibt sie kein geringer Trost.

Szczepan Twardoch: Das schwarze Königreich. Roman. Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Rowohlt-Berlin-Verlag, Berlin 2020. 413 S., Fr. 33.90.

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